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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Theaterarbeit in sozialen Feldern

Theater arbeitet in sozialen Feldern, sobald es den Anspruch erhebt, mit den Mitteln des Theaterspielens in den Lebensalltag zu intervenieren: Es ist daher nicht definierbar über Gattungszuordnungen oder scharf abgrenzbare Spielformen. TisF (engl. Theatre work in social fields) fasst gleichermaßen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Der Ausgangspunkt ist die → Recherche, eine Standortbestimmung in unterschiedlicher Hinsicht: Wer spielt wo was für wen? Was sind die Anliegen der Menschen, die spielen? Was wollen sie denen, die gegebenenfalls zuschauen, mitteilen? Anders als im traditionellen Theaterbetrieb ist für die TisF niemals die Aufführung der zentrale Punkt des Interesses.  Wichtig  ist  die  Gruppe  der  Spielenden mit ihren Bedürfnissen, Problemen, Fragestellungen. Diese sind nicht in erster Linie theatralischer oder künstlerischer Natur. Mittelpunkt der TisF sind zwei sozial- und gesellschaftspolitische Punkte: zum einen das Lernen für die Spielenden, zum anderen das Potenzial zur Veränderung für das Umfeld.

TisF leistet einen wichtigen Beitrag zum Erlernen von im formalen Bildungssystem schwer anzueignenden Kompetenzen im sozialen und kommunikativen Bereich. In einer sich ständig verändernden Welt ist es für den Einzelnen immer wieder notwendig, eine neue Passung zwischen den eigenen Vorstellungen und der Realität herzustellen, um erfolgreich handeln und kommunizieren zu können. Die Lebensbewältigung erfordert zunehmend große Ich-Stärke und hohe soziale Kompetenz, die Fähigkeiten zu Flexibilität und kreativer Problemlösung. All dies ist lernbar auf dem Weg über künstlerische Prozesse, besonders in einer von Grund auf kommunikativen Kunst wie Theater. Insbesondere traditionell bildungsferne und u. a. dadurch von gesellschaftlicher Ausgrenzung bedrohte Menschen erleben die Theaterarbeit als Beitrag zur Verbesserung ihrer Lebensqualität.

TisF interveniert immer in das Umfeld, in dem sie stattfindet. In Anlehnung an Augusto Boals Begriff ist TisF eine Art→ Volkstheater, also ein Theater, das die Welt aus der Perspektive des Volkes sieht, das heißt im Wandel begriffen, mit allen Widersprüchen und der Bewegung dieser Widersprüche, Wege zur Befreiung (vgl. Boal 17) aufzeigend. Befreiung im Sinne einer heutigen TisF reflektiert auf den Einzelnen und sein Lebensumfeld. Sie macht Situationen bewusst und ermutigt zu Selbstbewusstsein und zu Veränderung. Sie ist integrativ und damit beständig in Grenzbereichen angesiedelt. Etwa in der Theaterarbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen scheint der Grat zwischen fröhlichem Selbstbewusstsein und denunzierendem Ausstellen schmal. In solchen Grenzbereichen gesellschaftlicher Erfahrung liegt auch die Chance für die TisF: Tabus zu brechen und behutsam mit ihnen umzugehen, nicht auf dem Weg von wissenschaftlichen Theorien oder politischen Diskussionsrunden, sondern auf dem Weg einer sinnlichen Spielerfahrung, in die die o. g. Fragestellungen einfließen.

TisF steht in Praxis und Theorie an der Schnittstelle zwischen Bildung, Theaterarbeit und Sozialem. Ihr Werkzeug ist das des Theaters: Training, Proben, Aufführungen oder Lecture Demonstrations. Die Methoden werden notwendigerweise ergänzt und vervollständigt durch die Arbeitsweisen von Sozialarbeit, Sozialpädagogik, unterschiedlichen Therapieformen und Erziehungswissenschaft. Die Menschen, die als Spielleiter TisF betreiben, sind von ihren Ausbildungen und professionellen Lebensläufen her ebenso unterschiedlich. Theatermacher arbeiten mit thp Mitteln ebenso wie Sozialarbeiter oder Erzieher. Systematische grundständige Berufsausbildungen für den speziellen Arbeitsbereich finden sich bereits ansatzweise in Theater- bzw. ThP-Ausbildungen verschiedener europäischer Länder. Im Rahmen des GRUNDTVIG-Programms der Europäischen Kommission wird bis Februar 2004 unter Einbindung eines internationalen Expertenteams ein Curriculum vorbereitet und als Pilotlehrgang in Graz (Österreich) durchgeführt, das erstmals die praktischen und theoretischen Ansätze aus den verschiedenen Ländern verbinden wird.

Die Formen der TisF sind vielfältig. Einige Beispiele: Der im englischsprachigen Raum vielvertretene Ansatz des → ,Devising Theatre‘ etwa, wie er beispielsweise im Dartington College of Arts gelehrt wird, macht methodisch keinen Unterschied zwischen der Theaterarbeit mit professionellen Schauspielern und etwa mit Menschen mit körperlichen Behinderungen. Er greift die Themen auf, die in der Gruppe aktuell sind und integriert das künstlerische Ergebnis in den vorhandenen Lebensraum. In Slowenien gibt es eine lange Tradition von Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderungen – besonders im Bereich der Arbeit mit Gehörlosen hat TisF dort eine stark integrative Funktion. Weitere Beispiele sind Theatergruppen in Gefängnissen, im Bereich der Psychiatrie, der Altenarbeit, der kirchlichen Gemeindearbeit, der Jugendarbeit, der Arbeit  mit MigrantInnen.

TisF bedeutet also, dass von der Theaterkunst ausgehend psychosoziale Prozesse initiiert werden, die zur personalen Entwicklung und Identitätsbildung beitragen, soziale Kompetenz und soziale Einfühlung  vergrößern. Dies geschieht, indem sprachlich-kommunikative Fähigkeiten erhöht und die differenzierte Wahrnehmung und Deutung geschult wird. Rollenqualifizierung und Kooperationsfähigkeit werden ebenso gestärkt wie die Auseinandersetzung mit den eigenen Rollen- und Selbstkonzepten. Dies forciert das Verstehen und Durchschauen komplexer Zusammenhänge, und zwar sowohl bei den Spielenden als auch bei den Zusehenden.

TisF hat mindestens einen Zweck mehr als den Kunstgenuss, manchmal auch völlig andere Zwecke. TisF will eingreifen, bewegen. Das bedeutet zuallererst die Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Alltag. Theater in diesem Sinne soll also kein abgehobenes Genusserlebnis sein. Aus den Menschen, aus ihren Lebenserfahrungen und ihren Visionen, bezieht TisF ihre Kraft, ihre Themen und ihre Berechtigung. Ganz im Sinne der Cechovschen Theatervision, die den rationalen Techniken eine Absage erteilte und auf der Suche war nach dem Theater „als ganzheitlicher und in allen seinen Gliedern lebendiger Organismus“, müssen es Menschen sein, „die begreifen, dass schöpferische  Aktivität  überall  und  immer  möglich  ist“ (Cechov 362).

Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double. Frankfurt a. 1969; Barker, Howard: Arguments for a theatre. Manchester 1989; Boal, Augusto: Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Frankfurt a. M. 1989; Cattanach, Ann: Drama for people with special needs. London 1992; Cechov, Michail A.: Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften. Stuttgart 1992; Hornbrook, David: Education and dramatic art. Oxford 1989; Nickel, Hans-Wolfgang (Hg.): Symposion Theatertheorie. Berlin 1999; Read, Alan: Theatre and everyday life. An ethics of performance. London, New York 1993; Stanislawski, Konstantin Sergejewitsch: Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle. Berlin 1993.

SIEGLINDE ROTH

Ästhetische  Bildung  –  Darstellende  Kommunikation – Gefängnistheater – Geschichte der Sozialpädagogik – Kommunikation – Lebensbegleitendes Lernen – Soziokultur

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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