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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Tanzpädagogik

Der künstlerische Ausdruck, mit dem sich T befasst, entfaltet  (wie  auch  das → Spiel)  eine  grundlegend menschliche, ,anthropologische Disposition‘ (Wolfgang  Iser).  Der  Tanz  ist  daher  wohl  zu  Recht als

,Mutterkunst‘  (Kurt  Sachs)  bezeichnet  worden: Im Maskentanz wurden Tiere, im Labyrinth-Tanz kosmische Verläufe, im Spiraltanz Wachstumsprozesse nachgeahmt – die ,ästhetische → Geste‘ (André Leroi Gourhan) ermöglicht dem Menschen, die Zeitlichkeit wahrgenommener Ordnungen nicht nur auf mimetische Weise zu wiederholen, sondern sie dabei auch zu formen, zu rhythmisieren und so den natürlichen Wechsel von Spannung und Entspannung, von Bewegung und Innehalten auf transzendente (und magische) Weise zu überschreiten. Während weitbewegte Tänze (ruckartig, springend, ekstatisch) der entgrenzten Energie von paidia (Roger Caillois) nachgehen, folgen engbewegte Tänze (stampfend, gehalten, nach innen gerichtet) der kontrollierten Energie von ludus. Die Gestaltung von Zeit (schnell/langsam, legato/ staccato, pulsierend/betont usw.), Raum (rund/fortschreitend, weit/eng, auf/ab usw.) und Kraft (schwer/ leicht, weich/hart, gespannt/locker usw.) realisiert im Laufe der Zeit grundlegende Form- und Raumprinzipien (vgl. Seitz 135ff.) und bringt im Sinne des reinen Vergnügens wie auch der ästhetischen Stilisierung eine reichhaltige Tanztradition hervor.

Vor diesem Hintergrund mag verwundern, dass die akademische Welt dem Tanz wie auch der T erst jüngst breitere Beachtung zuteil werden lässt: Die (bereits Anfang des 20. Jhs. geschriebene) Grundlegung einer Tanzwissenschaft (vgl. Junk) ist nun veröffentlicht, neuere Untersuchungen zur Tanzgeschichte (vgl. z. B. Klein; Postuwka) oder Tanzanalyse (vgl. z. B. Brandstetter) bieten inzwischen weitreichende Einblicke, und die dance studies (vgl. z. B. Carter) untermauern die kulturwissenschaftliche Bedeutung, mit der auch die T auf eine breitere Anerkennung hoffen kann.

Tänze und das durch sie entstehende Körperbild sagen etwas über das vorherrschende Interesse einer Gesellschaft – während etwa der aristokratische Schreittanz (gegenüber dem ungeformten mittelalterlichen Spring- und Hüpftanz) von einer ausgeprägten Raumkontrolle und Körperdisziplinierung zeugt, reflektieren die gegenwärtigen rhythmischen Einzeltänze eher die Entgrenzung von Raum und Zeit (und damit die globalisierte und individualisierte Kultur). Indem ein bestimmtes Bewegungsverhalten als Tanz klassifiziert wird, zeigt die Kultur oder eine bestimmte soziale Gruppe das Interesse, sich genau durch dieses Bewegungsverhalten hervorzutun (bzw. unterscheiden zu wollen). Der Tanz hat daher wesentlich Zeigefunktion. Weder Bühnentänze noch ,Volkstänze‘ entstehen zufällig, sondern verarbeiten alltäglich wahrgenommene Bewegungen, wiederholen und spitzen sie zu (karikieren auch) und konstituieren auf diese Weise zuallererst (buchstäblich zwischen → Mimesis und Variation), was eine Kultur als ,natürlich‘ ansieht. So ist das eigentlich Subversive etwa an Rock ’n’ Roll, Breakdance, Rave oder auch Queering, dass sie bestimmte Bewegungsmuster auf je besondere Weise hervorheben, der ,Lauf der Dinge‘ aber, dass sie in der Folge zunehmend als ,normal‘  empfunden werden.

Erste Ansätze zu einer T (die nicht auf den Kunsttanz zielen) gründen auf den reformpädagogischen Bemühungen und der Freikörperkultur des ausgehenden 19. Jhs. Vor dem Hintergrund der Ausdruckslehre (Jean Delsarte), der Rhythmusschulung (Émile Jaques Dalcroze), der Raum- und Antriebslehre (Rudolf von Laban)  entwickelt  sich  der  deutsche  Ausdruckstanz und mit ihm eine breite Laientanzbewegung. Es sind vor allem Frauen (u. a. Mary Wigman, Gret Palucca), die von der Sehnsucht nach einem befreiten Körper ergriffen sind, sich dem free flow von Emotion und Motion überlassen und im dramatischen Rückgriff auf die transzendente Kraft des Tanzes den Einklang mit Natur und Kosmos suchen. Während der Nationalsozialismus den neuen Utopien ein jähes Ende setzt (und sie vereinnahmt), entwickelt sich die T vorerst im angloamerikanischen Raum weiter. Hier wendet sich die Neo-Avantgarde (u. a. Trisha Brown, Yvonne Rainer, Steve Paxton) sowohl von der dramatisch-expressiven Geste des German Dance ab (wie ihn Martha Graham weiterentwickelt) als auch von dem Formalismus des Modern Dance (wie ihn George Balanchine gründet). Im free dance soll die Trennung zwischen Kunst und Alltag, zwischen Laien- und Profitanz, auch zwischen Tanz und Nicht-Tanz aufgehoben werden (vgl. Banes). Auseinandersetzungen mit anderen Kulturen (vom balinesischen Tanz über AfroDance bis zum japanischen Butoh), mit ,fremden‘ Bewegungstechniken (Yoga, Tai Chi, Martial Arts) oder mit kinästhetischen Methoden und mentalen Verfahren sollen die Kreativität und physische Aussagekraft erweitern. Vielfältige an Personen gebundene Individualstile prägen die T seit Mitte des letzten Jhs. (die z. T. auch esoterisch vereinnahmt worden sind), doch die Praxis, die in eigenen Schulen oder Workshops vermittelt wird, bleibt häufig nur ,Eingeweihten‘ vorbehalten, wie z. B. der life-/art-process von Anna Halprin (eine Pionierin der amerikanischen T), der erst seit einiger Zeit überhaupt veröffentlicht und damit allgemein zugänglich ist (vgl. Halprin).

Während sich in den angloamerikanischen Ländern (abseits der professionell ausgerichteten T) schon früh die Movement and Dance Education (vgl. z. B. Mertz) etablieren, bleibt im konservativen Nachkriegsdeutschland selbst das eigene reformpädagogische Erbe verschüttet. Erst allmählich wird die erzieherische Dimension des Tanzes wiederentdeckt (vgl. Laban 2001), werden Untersuchungen zu den dynamischen Qualitäten von Schwerkraft, Raum, Zeit und Bewegungsfluss neu aufgelegt (vgl. Laban 1988). Entscheidende Impulse für die Entwicklung der T in Deutschland gibt dann insbesondere die subjektorientierte Frage- und Montagetechnik des Tanztheaters von Pina → Bausch (vgl. Hoghe; Seitz 233ff.).

Vor dem Hintergrund der seit geraumer Zeit diagnostizierten ,Wiederkehr des Körpers‘ (Dietmar Kamper) hat sich die T in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit, im Erwachsenenbildungs- und Freizeitbereich inzwischen etabliert. Im Unterschied zur Bildenden Kunst oder Musik gehört sie (anders als etwa in den Niederlanden) nicht zu den allgemeinbildenden Fächern, hat sich jedoch innerhalb der tänzerischen Gymnastik und der ThP auch an der Schule eine gewisse Geltung verschafft. Während sich (abseits der Hochkultur des Bühnentanzes) die ,Tanzwut‘ in Clubs, in der Szene und auf den Straßen entfacht und eine expressive Workshop-Kultur hervorbringt, steht die akademische Profilierung der T (samt ihrer Qualitätskontrolle) immer noch aus – dies obwohl an Tanzakademien und in der → Sportpädagogik inzwischen Studiengänge eingerichtet und didaktische Ansätze längst vorliegen (vgl. z. B. Fritsch 1988).

Als  jüngste  Disziplin  der → Ästhetischen  Bildung richtet die T ihr Interesse (neben der Vermittlung von Tanzstilen wie Afro, Tango, Flamenco, Breakdance usw.) vornehmlich auf die Möglichkeiten der ,präsentativen Symbolbildung‘ (Susanne Langer). Sie will Kreativität, Imagination und Expression entfalten und dabei auch einverleibte Spuren bewusstmachen – wie in der Bewegungspädagogik soll ,Bewusstheit durch Bewegung‘ (Moshé →Feldenkrais) entstehen. Routinierte Bewegungen und unbewusstes Verhalten sollen sichtbar, Körpererinnerungen wach, Körpersprache bewusst werden. Mit ihrer Sensibilisierung für nichtsprachliche → Kommunikation  kommt  der  T  (auch vor dem Hintergrund multi- und interkultureller Gesellschaften) besondere Bedeutung zu. Während sich das Augenmerk zunächst auf Empfindung, Erfahrung, Mitteilung, als Ausdruck des Subjekts gerichtet hat, zeigt sich die T zunehmend an Wirkung, Gewandtheit,  Flexibilität,  an  der → Performance  des  Subjekts interessiert.

Etliche Anleitungsbücher und Praxisbeschreibungen sind inzwischen auch in Deutschland erschienen: zur Arbeit mit Kindern (vgl. z. B. Haselbach 1993; Bärwinkel u. a.; Denk), mit Erwachsenen (vgl. z. B. Haselbach 1979; Fritsch 1985; Seitz; Fleischle-Braun), mit therapeutischem Fokus (vgl. z. B. Willke u. a.; Peter Bolaender; Reichel) oder mit Blick auf vielfältige Improvisationstechniken (vgl. z. B. Franklin; Kaltenbrunner). Die Kluft zwischen Theoretikern und Praktikern ist nach wie vor groß, der Praxis fehlt die wissenschaftliche Reibung – als ob sie von etwas handeln würde, was man eben tanzen (muss), aber nicht aussprechen kann (oder will). Mit Blick auf die gegenwärtige Tanzkultur (im Alltag und in der Kunst) dürfte hier in Zukunft noch einiges zu erwarten  sein.

Bärwinkel, Angelika/Seitz, Hanne u.a.: Bewegungsspiele mit Kindern. In: Weiß, Kersti (Hg.): Bewegungsspiele mit Kindern. Weinheim 1994; Banes, Sally: Terpsichore in Sneakers. Post-Modern Dance. Middletown 1986; Brandstetter, Gabriele: Tanz-Lektüren. Körperbilder und Raumfiguren der Avantgarde. Frankfurt a. M. 1995; Carter, Alexandra (Hg.): The Routledge Dance Studies Reader. London, NewYork 1999; Denk, Barbara: Tanz der Kinder. Improvisierte Bewegungsspiele als Lebenskunst. Weinheim 2001; Fleischle-Braun, Claudia: Der Moderne Tanz. Geschichte und Vermittlungskonzepte. Butzbach 2001; Franklin, Eric N.: Befreite Körper. Das Handbuch zur imaginativen Bewegungspädagogik. Kirchgarten 1999; Fritsch, Ursula (Hg.): Tanzen. Reinbek 1985; Dies.: Tanz, Bewegungskultur, Gesellschaft. Verluste und Chancen symbolisch-expressiven Bewegens. Frankfurt a. M. 1988; Halprin, Anna: Moving Toward Life. Hanover, London 1995; Haselbach, Barbara: Improvisation, Tanz, Bewegung. Stuttgart 1979; Dies.: Tanzerziehung. Stuttgart 1993; Hoghe, Raimund: Pina Bausch – Tanztheatergeschichten. Frankfurt a. M. 1986; Junk, Viktor: Grundlegung der Tanzwissenschaft. Hildesheim 1990; Kaltenbrunner, Thomas: Contact Improvisation. Bewegen, tanzen und sich begegnen. Aachen 2001; Klein, Gabriele: FrauenKörperTanz. Eine Zivilisationsgeschichte des Tanzes. Weinheim 1992; Laban, Rudolf von: Die Kunst der Bewegung. Wilhelmshaven 1988; Ders.: Der moderne Ausdruckstanz in der Erziehung. Wilhelmshaven 2001; Mertz, Annelise (Hg.): The Body Can Speak. Essays on Creative Movement Education with Emphasis on Dance und Drama. Carbondale, Edwardsville 2002; Peter-Bolaender, Martina: Tanz und Imagination. Verwirklichung des Selbst im künstlerischen und pädagogisch-therapeutischen Prozeß. Paderborn 1992; Postuwka, Gabriele: Moderner Tanz und Tanzerziehung. Analyse historischer und gegenwärtiger Entwicklungstendenzen. Schorndorf 1999; Reichel, Auguste: Tanz dich ganz. Kreativ tanzen und bewegen. Impulse für kreative Tanzpädagogik und Bewegungspädagogik und bewegte Gesundheitsbildung. Wien 1999; Seitz, Hanne: Räume im Dazwischen. Bewegung, Spiel und Inszenierung im Kontext ästhetischer Theorie und Praxis. Essen1996; Willke, Elke/Hölter, Gerd/Petzold, Hilarion (Hg.): Tanztherapie. Theorie und Praxis. Paderborn  1991.

HANNE SEITZ

Bewegung – Bewegungserziehung – Contact Improvisation – Initiation – Leiblichkeit – Magie – Reformpädagogik – Ritual – Stillstand

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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