skip to Main Content

Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Spaß

S ist kein Vergnügen, sondern halbierter Affektzustand, der unmittelbar umschlagen kann in Schreck und Entsetzen. Wenn etwas passiert, mischen sich S der Zuschauer und Schrecken der Opfer in würgender Panik. Panem et circenses heißt ja auch: Alles zum Fraß fürs Volk. Vergnügen dagegen hat ein emotionales Gegenstück im ,Winter unseres Missvergnügens‘, mit dem es im Fundus der Gefühle verbunden ist wie Freude mit Trauer, Frohsinn mit Betrübnis, Humor und Lachen mit bitterem Ernst.

Was ist die Kehrseite des S? – nicht einmal die Ernüchterung nach dem Rausch, sondern bestenfalls verkaterte Langeweile. ,Frust‘, nix los – das ist die Lustlosigkeit der um jeden Preis Lustigen. – In den 1950er Jahren gab es in der Werbung die Propaganda des ,Genuss[es] ohne Reue‘, verglichen mit S geradezu ein Abenteuer. Denn Genuss ist vielversprechend, aber Reue auch; S indes verspricht nichts. Selbst wer ,Spaß am Ficken, Fressen, Saufen‘ sagt, wertet damit selbst grobe Triebgelüste ab und verkürzt sie auf den gierigen Augenblick. ,Spaß muss sein‘ – ein rabiates, gefühlloses Kommando nicht nur gegen Kummer, Ärger und Überdruss, sondern auch gegen Freude, Lachen und Vergnügen.

Der Prototyp und noch nicht zum Konsumenten reduzierte Akteur der S-gesellschaft ist jener ,Homme du plaisier‘ de Sades gewesen, dessen antimoralische Maxime war, andere Menschen als Werkzeuge seiner Lust zu betrachten und zu benutzen. Im Unterschied zum Affektzustand heutiger S-Gewalttäter und schadenfroher Zuschauer war das ,plaisier‘ jedoch ein Denkabenteuer und kein Verbrechen (vgl. Hartwig 147). Es bestand im selbstgefährlichen Genuss der Gewalt, in der Imagination lüsterner Unterwerfung und erzwungener Lust. In der heutigen S-gesellschaft ist die Sache jedoch zusammengeschurrt auf lärmigen Genuss und auf das Konsumieren vorfabrizierter Schrecken – sozusagen Vollkasko-S ohne Täterrisiko.

Zum S taugt alles – ,nur so zum Spaß, egal was‘, während Freude, Lust, Vergnügen, Heiterkeit nicht beliebig erzeugbar sind. S kann man kaufen, Freude muss man mitbringen oder sich von ihr anstecken und überwältigen lassen, d. h. Freude bedarf ihr eigener Gründe, während zum S alles taugt.

Ich will S, wir wollen S – S ist so etwas wie gute Laune auf Knopfdruck, die den ,Frust‘ vertreiben soll. Frust ist, so scheint es, der Feind des S und das Schreckgespenst der Pädagogik. Alles ist recht, um Frust zu bekämpfen. Frust aber ist zäh und viskos wie Teig. Deshalb hat schon verloren, wer gegen Frust kämpft, weil dieser Kampf selber frustrierend ist. Was aber ist Frust? Das Wort steht für Ärger, Zorn, Enttäuschung, Kummer, Schmerz, Wut, Schuld, Unglück, Verlust – man lasse Schulkinder wie Studierende während einer Viertelstunde aufschreiben, was alles im Jargon auf ,Frust‘ verkürzt wird, und die Sprache der Gefühle lebt wieder auf. Deshalb passt zu Frust rabiater S – denn auch S ist rabiates Kürzel und grober Ersatz für anderes, das ihm fremd bleibt und sich ihm entzieht. S und Frust sind, so könnte man meinen, Regressionen auf einen frühen, undifferenzierten Zustand von Lust oder Unlust. Aber das ist schon zu viel der Ehre, denn Regression setzt immerhin eine gewisse Höhe und Vielfalt der Gefühle voraus, von der man wieder herunter möchte oder muss. Hier ist es aber so, dass der Aufstieg gar nicht erst versucht wird. S und Frust sind mithin emotionale und sprachliche Kümmerlinge, nämlich Kürzel der Unfähigkeit oder des Unwillens, Gefühle genauer zu erfahren, zu begreifen und zu äußern. Wenn man sagt: Ich ängstige oder freue mich, gibt man sich dem Gefühl hin, versucht es zu fassen und mitzuteilen – jedenfalls sind es offene und bewegliche Zustände. Angst wie Freude können so groß werden, dass man sie allein nicht mehr erträgt. Frust und S dagegen sind Kapselbefehle, d. h. sie schießen durch den Kopf, um anderes nicht zuzulassen und Gefühle zu hindern. Sie funktionieren wie Rabattmarken: Sie werden angesammelt und bringen wenig, verglichen mit dem, was dafür in Kauf genommen werden musste.

Sie sind Widersprüche in sich selbst.

Mit einem Wort, als thp Faustregel: Gegen Frust hilft kein S und S bringt nur Frust.

Brunotte, Ulrike: Angstlust und Ritual. Probleme des Erwachsenwerdens und die Rolle der Initiation. In: Freibeuter 60, Berlin 1994; Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996; Hartwig, Ina: Aufklärung der Gewalt (in der Literatur). In: Kursbuch 147, Berlin 2002; Sofsky, Wolfgang: Die Zuschauer. In: Ders.: Traktat über die Gewalt. Frankfurt a. M. 1996.

HERMANN PFÜTZE

> Angst  und  Kunst  –  Animation  –  Authentizität  – Clownerie – Magie – Theatralität

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
Back To Top