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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Ritual

Das Feld der Phänomene, die man unter der Bezeichnung und dem Begriff R fassen kann, genau definierend zu umgrenzen, ist, wie die zahlreiche Versuche der letzten Jahrzehnte zeigten, praktisch unmöglich. Es gibt lediglich ein, auf einer hohen Abstraktionsebene liegendes, wesentliches Merkmal, das Erscheinungen ,ritualer Art‘ gemeinsam haben: Sie sind Vorgänge, ein Tätigsein, ein Durchführen, Fälle des ,Performativen‘, um die heutige Diskussionen kreisen, Praktiken (vgl. Bell) oder Handlungen (action, vgl. Humphrey u. a.), und in diesem Sinne wohl immer auch ein Machen von etwas. Das gilt auch für die unübersehbare Menge all jener höchst banalen alltäglichen und öffentlich-kommunikativen Verrichtungen, die man umgangssprachlich vergröbert R nennt – stereotyp wiederholte Tätigkeiten wie das morgendliche Zähneputzen, die ständige Wagenwäsche manischer Autobesitzer oder das immer wieder gleiche folgenlose Daherreden wichtigtuerischer Politiker. Auf diese Erscheinungen und Kriterien ihrer Ausgrenzung aus der Menge ,ritueller Aktivitäten‘ wird hier aber nicht weiter eingegangen. Es geht um den sehr weiten Bereich von Vorgängen, die wichtig für die Strukturierung und Bewegung je historisch konkreter Lebenswelten und gesellschaftlicher Gefüge sind und die man unter der Bezeichnung R gruppiert und erklärt. Für solche Phänomene dürfte, jeweils abgewandelt, gelten, dass sie eine relativ besondere Produktion sind in dem Sinn, wie Claude Lévi-Strauss das Verhältnis zwischen dem mythischen Denken und seines entsprechenden  R  kennzeichnete.  Indem  das  R  Gesten  und Gegenstände verwendet, konnotiere es ein Ideenund Vorstellungssystem. Es vollziehe nicht Gesten, handhabe nicht Gegenstände wie im täglichen Leben, um praktische Ergebnisse zu erzielen, die aus Kettenoperationen entstehen, sondern ersetze vielmehr ihren analytischen Ausdruck durch die Gesten und die Dinge selbst. So spreche das R sehr viel (vgl. Lévi-Strauss 789). Lévi-Strauss betont das kulturelle Produzieren. Das R entspreche „unmittelbar weder der Welt noch selbst der Erfahrung der Welt; es entspricht der Art und Weise, wie der Mensch die Welt denkt“ (Lévi-Strauss 800).

Was aber unterscheidet nun R von anderen Produktionen oder Handlungen dieser Art? Und inwieweit und wie ,sagen‘ sie etwas, sind daher kommunikative Tätigkeiten mit zumindest einer potenziell semantischen und referentiellen Dimension? Die Antworten auf diese Fragen sind teilweise äußerst unterschiedlich. Das ist bedingt durch die Ambivalenz jener Praktiken, die als R zu nehmen wären. Mit ihnen verbindet sich die Vorstellung einer Aktion, die in verschiedenen Abständen (Zeiten) in der selben oder wenig veränderten Grundstruktur verläuft – eben rituell. Frühere Deutungsversuche betonten deshalb, R würden immer wieder auf die gleiche Weise ausgeführt. So wären sie eine sehr konservative, das Immer-Gleiche bewahrende Praxis, im Gegensatz zu Produktionen, die gerade darauf zielen, innovativ zu sein. Besonders ausgeprägt manifestierten das die im weiteren Sinn mythischreligiös-magischen Tätigkeiten als bestimmende Kräfte vormoderner Gesellschaften. Sie setzten sich so wesentlich von kulturellen Produktionen einer Moderne ab, für die ständige Veränderbarkeit und das Dynamisch-Innovative charakteristisch sind. Theater-/ Kunstforscher verstehen daher unter R heute oft noch allein stereotyp immer gleich wiederholte sakrale Tätigkeiten wie die Liturgie in christlich geprägten Geschichten und Praktiken wie Initiationen bzw. den mythisch gedachten und so realisierten Umgang mit Toten in nicht-westlichen traditionellen Gesellschaften. Das ganze Problem „ritual arose as a discrete phenomenon to the eyes of observers in that period in which ‚reason‘ and the scientific pursuit of knowledge were defining a particular hegemony in Western intellectual life“ (Bell 6). Es sei, in diesem historischen Kontext, deshalb nicht mehr sinnvoll, am besonderen Konstrukt R festzuhalten, wie Jack Goody argumentierte (vgl. Goody 25ff.).

Auch eine Mehrheit der Anthropologen/Ethnologen betonte bis in die zweite Hälfte des 20. Jhs., dass das ,Wesen‘/die Funktion von R sei, Gemeinschaft zu bilden bzw. zu festigen und gegebenenfalls soziale Widersprüche, Konflikte, Spannungen zu überwinden und aufzuheben. Nicht zuletzt aber in traditionellen Kulturen können R gerade gesellschaftliche Konflikte und Klüfte öffentlich bloßund ausstellen und so heftige Auseinandersetzungen zwischen sozialen Kasten und Klassen, den Geschlechtern und den verschiedenen Altersgruppen vorantreiben (vgl. Lincoln). R als Ritualisierung verschiedener Handlungen ist ein Typ/ Prozess kultureller Performance, in dem sich historisch veränderbare sozialpolitische Beziehungen realisieren, in denen hegemoniale Macht-Situationen als auch soziale Konflikte, Widerstand und Subversion gegen hegemoniale Machtansprüche performativ verhandelt werden (vgl. Lincoln; Bell 216f.; Comaroff. Desgleichen verändern sich die Formen des R in der Zeit; R werden nicht einfach ohne Umstellungen ihrer Strukturelemente wiederholt.  Sie  sind   daher weder (nur) streng konservativ, in sich geschlossen, sondern im Prinzip beweglich, veränderbar, offen für anderes und kulturell Neuartiges (generell vgl. Comaroff ; für spezielle Fälle u. a. Biebuyck 84ff.).

Spätestens seit den 1970er Jahren werden nicht nur religiös-mythisch-magische Praktiken, sondern auch ganze Klassen weltlicher sozialer und politischer Tätigkeiten als R behandelt. So sah David L. Kertzer 1988 die generelle Vernetzung von R, Politik und Macht nicht zuletzt im Hinblick auf zeitgenössische politische öffentliche Aktivitäten (vgl. Kertzer; Wilenitz). 1977 argumentierten Sally Moore und Barbara Myerhoff, das religiöse R bewege „die andere Welt, auf diese hier einzuwirken (affect)“; eine säkulare Zeremonie „bewege diese Welt und nur diese Welt“. Daher unterlägen den „zwei Darstellungen (performances)“ zwei ganz verschiedene Kausalitätserklärungen. „Doch gerade diese Differenz beleuchtet (brings out) eine bedeutende Ähnlichkeit zwischen religiösen und weltlichen R. Beide zeigen das Unsichtbare. Das religiöse R zeigt die Existenz der anderen Welt durch das Vorstellen von Versuchen, sie zu bewegen. Analog dazu zeigt eine weltliche Zeremonie […] die Existenz gesellschaftlicher Beziehungsgeflechte (die Regierung, die Partei usw.) oder Ideen und Werte, die im Wesen meistens unsichtbar sind. Sie objektiviert […] sie. Sie stellt Symbole ihrer Existenz aus, und durch implizite Referenz behauptet sie ihre ,Realität‘ und agiert (enact) diese aus.“ (Moore u.a. 14; vgl. Hughes-Freeland)

In der weiten Sicht zeigt sich, wie unscharf, bis hin zum Paradoxen, das Begreifen der Phänomene ist, die unter R zu sehen wären. Bemüht, das Spezifische von ritualen Aktionen im Unterschied zu allen anderen zu bestimmen, betonen Caroline Humphrey und James Laidlaw z. B., jede Handlungsart könne ritualisiert werden. Es komme deshalb auf die Art und Weise an, wie Aktionen als R fungieren: „We do not claim that our analysis explains everything about every event and practice which might reasonably called ‚ritual‘. We shall argue below […] that no useful theory of the whole range of such phenomena is possible, and that the term ,ritual‘ does not pick out a class of events or institutions in an analytically useful way (although it remains useful as an informal descriptive term). We suggest instead that ritual is a distinctive way in which an action, probably any action, may be performed. Thus a ‚theory of ritual‘ is an account of the transformation of action by ritualization.“ (Humphrey u. a. 2). R seien Praktiken, die gleichsam als solche objektiv für Subjekte in einer Tradition der Ritualisierung stehen. Individuen (Gruppen) belegen diese mit Intentionen (Bedeutungen), die nicht unbedingt in dem ritualisierten Handlungsschema selbst enthalten sind. Das Ritualisierte sei ein Vorgegebenes, ein Objekt, dessen Strukturlogik der Praktizierende sich unterwerfe, indem er es selbst mit Deutungen wieder fülle. Die Symbolhaftigkeit sei nicht entscheidend für  R.

Genau diese Eigenart betonen die Comaroffs, zugleich wissend, wie fließend die Grenzen zwischen R und anderen Typen bedeutungsgenerierender Tätigkeiten (signifying practice) sind (vgl. Comaroff u. a.). Von der symbolischen Kraft des R ausgehend, suchen Klaus-Peter Köpping und Ursula Rao das Spezifische von Ritualen gegenüber anderen Formen von ,sygnifying practice‘ auszumachen. Sie sehen es in der transformativen Wirkung, die sich während des und durch das rituale Geschehen (Mit-Machen) für die Teilnehmer/Akteure ergebe. „Die rituelle Performanz bereitet durch die Formalismen des hochreflektierten Handelns […] eine Transformation vor, die wie rituelle Masken nicht etwa die Wahrheit verdecken oder nur vortäuschen, indem sie sie repräsentieren. Vielmehr wird eine ‚andere‘ Realität zum Vorschein gebracht. Es ist diese andere, nämlich die theatrale oder rituelle Realität, die die ‚wirkliche‘ Welt nicht nur darstellt, sondern ist“ (Köpping u.a. 24).

Erfahrungen mit anderen Typen ritualisierter Darstellungen, gerade auch mit ritualen Masken wie im Fall der Egungun-Tätigkeiten der Yoruba, zeigen die Einseitigkeit eines solch allgemein definierenden Ansatzes (vgl. Drewal). Die enorme Unschärfe der Trennlinien zwischen als R gesehenen Vorgängen und anderen  Handlungen  machte  Ronald  Grimes  in  einem ,Schema‘ anschaulich. Er nannte u. a. folgende Eigenschaften, die jeweils anders oder nur partiell in konkreten R zusammengehen können: „performed, embodied, enacted,  gestural“,  „dramatic,  ludic  (playlike)“, „mystical, transcendent, religious (not secular or merely empirical)“, „adaptive, functional (not obsessional)“, „neurotic“ und „conscious, deliberate (not unconscious or preconscious)“ (Grimes 14) – also die ,widersprechenden‘, höchst differenten Komponenten, die Ritualisierung ausmachen (können).

Grimes und Köpping/Rao sehen, wie andere Spezialisten, die dramatische, spielerische und theatrale Dimension von R. Besonders Richard Schechner als Theatermacher und -theoretiker sowie Victor Turner als Anthropologe haben seit den 1970er Jahren die Überschneidungen und generelle Verwandtschaft zwischen Theater, Performance und R zu fassen gesucht und dabei sich zugleich um eine Bestimmung ihrer Differenzen bemüht (vgl. u.a. Schechner 1977; Schechner 1985; Turner 1982; Fiebach). Aus dem Studium konkreter Fälle von Ritualisierungen kann die thp Praxis durchaus wichtige Anregungen erhalten. R bzw. ,rituales Theater‘ können offensichtlich Konzepte und praktische Arbeit von Theaterpädagogen bestimmen, wie der Einfluss der Koteba-Tradition in Mali auf Angelika Wehr-Koitas spieltheoretischen Ansatz zeigt (vgl. Wehr-Koita).

Bell, Catherine: Ritual Theory, Ritual Practice. New York, Oxford 1992; Biebuyck, Daniel: Lega Culture. Art, Intiation, and Moral Philosophy among a Central African People. Berkeley, Los Angeles, London 1973; Comaroff, Jean/Comaroff, John (Hg.): Modernity and Malcontents. Ritual and Power in Postcolonial Africa. Chicago 1993; Drewal, Margaret Thompson: Yoruba Ritual. Performers, Play, Agency. Bloomington 1992; Fiebach, Joachim: Rituale als diskursive Schauspiele des Ambivalenten. In: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, 1996, H. 37; Goody, Jack: ,Against Ritual‘. Loosely Structured Thoughts on a Loosely Defined Topic. In: Moore u.a., a.a.O.; Grimes, Ronald L.: Ritual Criticism. Case Studies in Its Practice. Essays on Its Theory. Columbia 1990; Hughes-Freeland, Felicia (Hg.): Performance, Media, Ritual. London 1998; Humphrey, Caroline/Laidlaw, James: The Archetypal Actions Of Ritual. A Theory of Ritual illustrated by the Jain Rite of Worship. Oxford 1994; Kertzer, David L.: Ritual, Politics, and Power. New Haven, London 1988; Köpping, Klaus-Peter/Rao, Ursula: Einleitung. Die ,performative Wende‘: Leben – Ritual – Theater. In: Dies. (Hg.): Im Rausch des Rituals. Gestaltung und Transformation der Wirklichkeit in körperlicher Performanz. Münster, Hamburg, London 2000; Lévi-Strauss, Claude: Mythologica, Bd. 4/2. Frankfurt a. M. 1990; Lincoln, Bruce: Discourse and the Construction of Society. Comparative Studies of Myth, Ritual, and Classification. New York, Oxford 1989; Moore, Sally F./Myerhoff, Barbara G. (Hg.): Secular Ritual. Amsterdam 1977; Schechner, Richard: Essays on Performance Theory 1970–1976. New York 1977; Ders.: Between Theater and Anthropology. Philadelphia 1985; Turner, Victor: From Ritual to Theatre. The Human Seriousness of Play. New York 1982; Wehr-Koita, Angelika: Koteba – Kreis der Schnecke. Darstellung eines traditionellen afrikanischen Kotebatheaters als soziales Ordnungssystem. Ein Beitrag zur interkulturellen Kommunikation in Form einer Spieltheorie [im Druck]; Wilenitz, Sean (Hg.): Rites of Power. Symbolism, Ritual, and Politics Since the Middle Ages. Philadelphia 1999.

JOACHIM FIEBACH

Kommunikation – Magie – Performance – Theatralität

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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