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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)
Papiertheater

Das P (auch Kindertheater, Tischtheater, Zimmertheater, englisch Toy Theatre) ist ein Modelltheater, das im 19. und noch zu Beginn des 20. Jhs. als Spielzeug in vielen Bürgerstuben in Mitteleuropa zu finden war und  das  sich  in  Bühnengestaltung,  Repertoire und Bühnentechnik bewusst an die Bühne des 19. Jhs. anlehnte. Als Material für Theater, Dekorationen und Figuren wurden auf Karton geklebte und ausgeschnittene Drucke verwendet, die Bilderbogen-Verlage in großer Vielzahl produzierten. Durch einen geschickten Aufbau der flachen Teile im Raum entstand ein beachtlicher dreidimensionaler Eindruck.

Das Repertoire des historischen P reichte von der Oper und dem Schauspiel des großen Theaters bis hin zum Märchen. Das P war aber nicht nur Bildungsinstrument und liebenswertes Symbol im 19. Jh., sondern ist heute eine wichtige Quelle für die > Theaterwissenschaft. Oft waren die Bilderbogen den Inszenierungen der großen Bühnen nachempfunden. Begünstigt durch das Druckverfahren der Lithographie und die Verbürgerlichung des Theaters entwickelte sich das Spielzeug bis zum Ende des 19. Jhs. zu einem häufig genutzten Medium. Nach dem 1. Weltkrieg stagnierte das Interesse am P in Deutschland, bis in den 1970er Jahren sein Charme und Zauber wieder entdeckt wurden. In anderen europäischen Ländern, insbesondere in England und Dänemark, wird die Produktion von Theaterbilderbogen von den Verlagen bis in unsere Tage fortgeführt.

Sehr beliebt ist das P bei Pädagogen, da es Raum lässt für Phantasie und Kreativität von Schülern und Lehrern. Nach jeder Aufführung des P können die Zuschauer hinter die Kulissen schauen und erhalten so einen Einblick in die Wirkungsweise von Theater. Aufgrund seiner Einfachheit regt P alle Altersgruppen an, Theater selber zu machen und zu (be)spielen. Zu einem vorgegebenen Text oder Thema kann in kürzester Zeit eine komplette Theaterinszenierung von der Idee bis zur Aufführung entstehen, obwohl nicht zu vergessen ist, dass der Bühnenbau Ausdauer und technisches Geschick verlangt.

Welche Auswirkungen eine P-aufführung haben kann,  zeigte  Peter Brook  in  einem  Interview.  Er äußerte, er habe den stärksten Theatereindruck seines Lebens mit acht, neun Jahren gehabt, als er eine Aufführung für Kinder, in einem Theater aus Papier im Stil des 19. Jhs. gespielt, gesehen habe (vgl. Brook).

P-ausstellungen, Präsentationen, SammlerInnen und SpielerInnen gibt es in Deutschland, Dänemark, England, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Spanien und in den USA. P-tage finden jährlich in Preetz (Holstein), zur Adventszeit in Berlin im Stadtmuseum, im März in Waiblingen und im Hanauer Schloss Philippsruhe statt.

Baldwin, Peter: Toy Theatres of the World. London 1992; Brook, Peter: Zeitfäden. Frankfurt a. M. 1999; Garde, Georg: Theatergeschichte im Spiegel der Kindertheater. Kopenhagen 1971; Grünewald, Dietrich: Vom Umgang mit Papiertheater. Berlin 1993; Pflüger, Kurt/Herbst, Helmut: Schreibers Kindertheater. Pinneberg 1986; Röhler, Walter: Große Liebe zu kleinen Theatern. Hamburg 1963; Speaight, George: The History of the English Toy Theatre. London 1969; Zwiauer, Herbert/Trumler, Gerhard: Papiertheater. Bühnenwelt en miniature. Wien  1987.

www.invisius.de; www.papiertheater.de; www.papiertheater-forum.de

REGINE MAHLER / RÜDIGER KOCH

Bildertheater – Bühnenbild – Bühnenräume – Geschichte der Pädagogik – Lernen und Theater – Spiel – Theaterhistoriographie

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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