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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Minidrama

M sind im thp Kontext entstandene experimentelle Kleinformen, genauere Bezeichnung: Mini- und Monodramen. Das sind kurze Stücke mit wenig Aufwand, die durch professionelle SchauspielerInnen oder TheaterpädagogInnen in Schulklassen oder für kleine Gruppen gespielt werden können. Sie sind eine Form des Mitspieltheaters, da sie immer die aktive Einbeziehung des Publikums intendieren.

M sind im Fach Schulspiel seit 1977 an der Pädagogischen Hochschule (PH) Berlin (seit 1980 Institut für Spiel- und Theaterpädagogik an der Hochschule der Künste, Berlin; seit 2001 Universität der Künste) entstanden und erarbeitet worden. Die Grundidee ging von Hans-Wolfgang Nickel aus, dem Begründer des Faches Schulspiel an der PH. Mit einer konstanten StudentInnengruppe wurden verschiedenste Formen und Programme entwickelt und immer wieder ausprobiert, verändert und neu erprobt. Der Höhepunkt ihrer Nutzung/Anwendung reichte bis weit in die 1980er Jahre hinein; heute finden nur noch vereinzelte Formen Anwendung (z.B. die Tiergeschichten im Rahmen sozialpädagogischer Ausbildung). Eine Intensivierung und Ausweitung hat das ,Autorenspiel‘ erfahren, das im Rahmen von zuschauerbezogenem Improvisationstheater von der Erfurter Gruppe ImproVision umfassend untersucht und variiert wird.

M sind als eine Form von Kinder- und Jugendtheater für die Schule konzipiert, für eine Schulklasse und für eine oder zwei Schulstunden – sie sind aber genauso für Kinder- und Jugendgruppen außerhalb der Schule  geeignet.  Gespielt  werden  sie  von  einem/r (Mono-Drama-) oder wenigen (Mini-Drama-)DarstellerInnen. Damit stellen sie eine Form dar, die zwischen Schule und professionellem Theater steht: Einerseits werden die Mittel und Formen des Theaters genutzt, andererseits machen sie sich die Gegebenheiten der Schule als Vorteile zu eigen.

M lassen Gemeinsamkeiten in ihrer theoretischen Konzeption und ihrer praktischen Durchführung erkennen. Es handelt sich um eine Form von armem, direktem Theater. Gemeinsame Charakteristika sind: kein (Scheinwerfer-)Licht, kaum Requisiten, kaum Kostüme. Die Grundausstattung besteht aus einem alltäglichen Ort (Klassenraum in der Schule), einem oder mehreren SpielerInnen, ZuschauerInnen (eine Schulklasse, eine Jugendgruppe). Die Ziele sind je nach Programm unterschiedlich (z. B. Förderung von Kreativität, Spontaneität, Selbstbewusstsein). Hauptanliegen ist immer die intensive Mitwirkung der ZuschauerInnen und eine partielle Aufhebung der traditionellen Arbeitsteiligkeit.

Zwei ausgewählte M sollen die Form verdeutlichen. Beispiel 1: Tiergeschichten, ein M für die 3. Klasse; 2 DarstellerInnen; Dauer: 1 Schulstunde (45 min.). Es handelt sich um vier (z. T. vorbereitete) Geschichten, mit deren Ablauf die Aktionsform bzw. die Teilnahme der SchülerInnen aufgebaut wird. In der ersten Geschichte hören die SchülerInnen nur zu; in der zweiten Geschichte nennen sie dem Erzähler oder der Erzählerin mehrere Tiere, die diese(r) in die Geschichte einbezieht. Vor der dritten Geschichte wählen die SchülerInnen zwei Tiere als Grundhandlungsträger aus, die dann von den DarstellerInnen gespielt werden. Auch vor der vierten Geschichte benennen sie die Haupthandlungsträger; im weiteren Verlauf werden jedoch alle SchülerInnen in die Geschichte aktiv spielerisch mit einbezogen; das Ende der Geschichte ist offen, intendiert ist ein gemeinsames Agieren der Kinder gegen einen ,Tyrannen‘.

Beispiel 2: Autorenspiel, für SchülerInnen von der 7. Klasse an und mindestens 2 SpielerInnen; Dauer: 1 bis 2 Schulstunden. Hierbei handelt es sich um eine völlig offene Improvisationsform, da die SchülerInnen im Verlauf des Programms über fünf Stationen ein Stück entwerfen. Dabei geben die SchülerInnen die Anweisungen, die von den SpielerInnen umgesetzt werden. Mitspiel ist nicht intendiert, wird aber auch nicht ausgeschlossen.

Insbesondere die letzte Form ist in ihrer ,offenen Strukturiertheit‘ vielfältig einsetzbar und kann auch heute noch als Grundlage für weitere Formen von Improvisationstheater dienen.

Dörger, Dagmar: Mini- und Mono-Dramen. Eine Anleitung zu theatralen Kleinformen. Wilhelmshaven 1985.

DAGMAR DÖRGER

Darstellendes Spiel – Drama in Education – Erzähltheater – Geschichte der Pädagogik – Geschichte der Sozialpädagogik – Improvisation – Interaktion – Lernen und Theater – Schultheater – Theater im Klassenzimmer – Theatralisierung (von Lehr- und Lernprozessen)

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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