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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Magie

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Wort M zur Bezeichnung nicht erklärbarer, wundersamer Ereignisse benutzt, im erweiterten Sinne auch zur Beschreibung besonders schöner, zauberhafter Momente, auch zur Kennzeichnung der künstlerischen Produktion und des Kunsterlebens. Seinem griechischen Wortursprung nach ist M mit Zauberei gleichzusetzen und kennzeichnet eine von Aberglauben durchdrungene Handlung, die Einfluss auf Natur und Mensch nehmen und Macht ausüben will. Im magischen Weltbild (im Gegensatz zum religiösen oder wissenschaftlichen) wird bestimmten Worten, Gesten, Zahlen, Formeln, Bildern, Schriften, Zeichen, Stoffen, Gegenständen, Gerüchen, Tönen oder Riten eine Handlungsvollmacht zugeschrieben, mit der die Kräfte der Natur beschworen, mobilisiert und beeinflusst werden sollen. Ursächlich mit der rituellen Praxis sog. primitiver Völker in Verbindung gebracht, wird das Wort M häufig auch zur Kennzeichnung einer vorwissenschaftlichen, außerrationalen ,Geisteshaltung‘ verwendet und das magische Weltbild als eine Vorstufe der Menschheitsgeschichte verstanden. Kritik an dem ethnozentristisch verengten Blick innerhalb der Anthropologie und Ethnologie übt insbesondere LéviStrauss, wenn er nicht das Denken der Wilden, sondern das wilde Denken betont, das mit der rationalen Erkenntnis untrennbar verbunden ist, sich jedoch den sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen – im Unterschied zur analytischen Methode – in der Art eines Bastlers nähert (vgl. Lévi-Strauss). Ob sog. Naturvölker mit ihrer exakten Naturbeobachtung oder moderne Naturwissenschaftler mit ihrer Ursachenforschung  inzwischen wird davon ausgegangen, dass der Mensch, sobald er beobachtet, experimentiert und klassifiziert, von seinem Glauben genauso besessen ist wie vom Zufall abhängig; auch die Physiker halten (bisweilen den Tatsachen zum Trotz) an ihren Ideen fest und finden auch etwas heraus (vgl. Feyerabend).

Im Gegensatz zum rationalen, auf Fortschritt bauenden Denken liegt dem magischen Denken ein zyklisches Weltverständnis zugrunde: Mimetisches Handeln (vgl. Gebauer u. a.) erneuert die kosmische Ordnung, und jede Störung (Krankheit, Krieg, Tod, mangelnde Fruchtbarkeit, fehlender Regen) bedarf besonderer ritueller oder magischer Handlungen, die das Gleichgewicht wieder herstellen. M beruht im Wesentlichen auf der (letztlich äußerst abstrakten) Vorstellung, dass Zeichen Dingliches bewirken können. Der Körper wird hier nicht als geschlossene Entität, sondern als anderen Körpern oder Umwelten gegenüber offen gedacht, so dass gute wie schlechte Kräfte in ihn einzudringen vermögen und er durch weiße M oder schwarze M beeinflussbar ist. Der Ethnologe Frazer unterscheidet zwei Praktiken: (1.) die auf Ähnlichkeit beruhende imitative M, die von der Vorstellung ausgeht, dass Ursache und Wirkung identisch sind, ähnliche Handlungen also Gleiches bewirken und (2.) die auf Kontiguität beruhende kontagiöse M, die von einem (meist willkürlich hergestellten) Zusammenhang zwischen Zeichen und Wirkung ausgeht, somit Dingen, die einmal in einem Zusammenhang zueinander standen, weiterhin (auch aus der Ferne) Wirkkraft zuspricht (vgl. auch Freud). Der Unterschied zwischen einer praktischen und einer magischen Handlung ist, dass letztere nicht an ihrer objektiven Wirkung gemessen wird. Ihrer Logik zufolge liegt der Zweck der Handlung bereits im Handeln selbst, entsprechend bricht die magische Sicht also auch dann nicht zusammen, wenn sie ,objektiv‘ nicht funktioniert (vgl. Bateson). Das magische Bewusstsein kennt keine Subjekt-Objekt-Spaltung, der Handelnde folgt einer scheinbar äußeren Notwendigkeit (z. B. einem Naturgesetz) und handelt (z. B. in Trance) als ob er determiniert sei. Auch heute noch machen insbesondere Schocks, Krisenzeiten, Leiden oder Sinnprobleme anfällig für den Glauben an Teufel, Geister, Wunderheiler, Talismane, geheime Vorzeichen und nähren den Wunsch, den eigenen Willen auf Dinge und Personen zu übertragen oder selbst ein anderer sein zu wollen. Während in archaischen Gesellschaften Grenzüberschreitungen und liminales Schwellenerleben (in Übergangsriten etwa) zur öffentlichen Praxis gehören und kollektiv eingebunden sind (vgl. Turner; Douglas), werden sie in der modernen Gesellschaft tabuisiert und (bis auf wenige Ausnahmen wie im Sport oder Spiel) individualisiert oder in den ,geistigen‘ Bereich etwa von Religion oder Kunst verwiesen. Auf das Weiterleben magischer Praktiken in dem dämonischen Charakter des Seelenlebens hat die Psychoanalyse aufmerksam gemacht. Die Allmacht des Wunsches ist in der Traumarbeit oder im Primärprozess genauso gegenwärtig wie in der neurotischen, phobischen oder paranoischen Symptombildung. Das magische Denken prägt die Wirklichkeit des Spiels, die halluzinatorische, darstellende (nachahmende), projizierende Wunscherfüllung und insbesondere auch die magischen Jahre des Kleinkindes (vgl. Fraiberg); es wirkt auf das Unbewusste wie auf die Wahrnehmung. Mit der Re-Inszenierung des Dionysos-Kults in der griechischen Antike hat das Theater die Menschen vom magischen Bann zu befreien versucht. Die kosmische Ordnung wird nun als göttliche angesehen und steht der menschlichen fortan unversöhnlich gegenüber. Zur Wiederbelebung der Platonischen Idee, dass der Mensch in der Begegnung mit der äußeren Natur auch ohne göttliche Hilfe (oder Strafe) erkennen kann, studieren die Renaissance-Gelehrten u.a. auch antike und arabische Geheimschriften. Die natürliche M wird von der Zauberei abgegrenzt und von namhaften Gelehrten wie Ficino, Bruno oder Paracelsus als Teil der scientia angesehen, die die Geheimnisse der Natur sehen und die Wesensverwandtschaft aller Dinge und Erscheinungen (auch mit Hilfe der Alchimie) ergründen kann. Erst mit der Durchsetzung der modernen Naturwissenschaften, die nicht mehr Wirkungen beschreiben (oder beschwören), sondern Ursachen erforschen, gerät die M endgültig ins Abseits; die neuen Zeichen und Formeln zeugen von einer entmystifizierten Weltanschauung, mit der die Erscheinungen der Natur rational erklärbar werden. Was sich der Berechnung und objektiven Überprüfung entzieht, wird als Sinnesverwirrung oder Irrglaube abgetan, überlebt in praktizierenden Geheimzirkeln und an den Rändern der Gesellschaft; das magische Erleben wird in den Bereich der Einbildung oder aber an die Künste verwiesen und selbst hier zivilisiert und gebändigt.

Im Zeitalter der Vernunft verliert das Theater seine in der Materialität liegende geistige Wirksamkeit. Der Schauspieler ist nicht mehr der Zauberer, der zwischen dem Wirklichen und dem Überwirklichen vermittelt; er soll zwar von seiner Figur besessen sein, doch zugleich die Zeichen dieser Besessenheit verbergen (also als Schauspieler verschwinden) und mit der Figur identisch werden (vgl. Barthes). Wenn auch schon mit dem christlichen Sündenfall der Name aus seiner ihm immanenten Magie heraustritt, um als Wort etwas außer sich selbst mitzuteilen, also von außen magisch zu werden (vgl. Benjamin), so hat doch erst das moderne Schauspiel (insbesondere im 19. Jh.) der  Eigenmächtigkeit des Wortes endgültig Einhalt geboten. Kritiker wie Artaud sehen das Theater als ,blutleere‘ und ,fleischlose‘ Erzählkunst, die keine Transzendenz mehr kennt. Inspiriert durch die Körperlichkeit und M des balinesischen Theaters kämpfte er für ein alchimistisches Theater, das die Stufen der niederen Materie, des Rausches und der Ekstase zur Freilegung einer verfeinerten Wahrnehmung durchlaufen und Worte wieder zu Taten machen soll (vgl. Artaud). In der Auseinandersetzung mit der außereuropäischen Theatertradition und durch die Protestaktionen der 1960er Jahre angetrieben, wird nach den Ursprüngen des Theaters gesucht und die magische und beschwörende Wirkung des theatralen Ereignisses erprobt – Theaterschaffende wie  Grotowski,  Brook,  Barba,  Schechner, das Living Theatre, die Wooster Group oder San Francisco Mime Troupe entdecken das Theater als Ort der Erfahrung (bisweilen auch der spirituellen Erfahrung, wie im Übrigen auch Beuys, Nitsch oder Stockhausen in den anderen Künsten).

Theater wie M sind zuletzt eine Kunst des Hervorbringens; sie beruhen auf der (durch den Konstruktivismus inzwischen anerkannten) Tatsache, dass Menschen durch ihre Ideen tatsächlich Ereignisse beeinflussen, hervorbringen und diese durchaus auch wahrnehmen können. Schon vor 100 Jahren hat Panizza auf das Wundersame und Unfassbare der Wahrnehmung aufmerksam gemacht, die mit ihren Bildern buchstäblich ,Spukgestalten‘ herstellt. Denn was bleibt, so fragt er, nach Abzug der Sinne? „Etwas zweifellos Vorhandenes: der Geist, das Kreatorische, der Dämon in der Natur“ (Panizza 164). Die M des theatralen Geschehens beruht jedoch weniger auf der Tatsache, dass der Zuschauer etwas nicht Vorhandenes tatsächlich sehen kann (anstelle einer Holzpuppe eine belebte Figur, anstelle des Schauspielers den leibhaftigen Hamlet), seine „Als-ob“-Setzung und sein make-believe also wirklich funktioniert, sondern dass es believed-in-Theater (vgl. Schechner 1999) sein kann. Während das Erhabene des Kunsterlebens eine innere Distanz schafft, zieht M mitten in das Lebens hinein. Seine magische Kraft erfährt das Theater vor allem dann, wenn es das klassische Setting verlässt, die Personen, Dinge oder der Raum nicht mehr nur für etwas anderes stehen, sondern diese sich durch die Kraft der Aktion von der Wirklichkeit einholen lassen. Wenn also die Doppelnatur des Schauspielers, not-himself und zugleich notnot-himself (vgl. Schechner 1985) zu sein, und die Doppelnatur der Handlung, zugleich real und symbolisch zu sein, selbst ins Spiel kommen und die Materialität der Zeichen, die unmittelbare ,Ansprache‘ also, den theatralen Rahmen sprengen – was insbesondere die Performance-Künste  provoziert haben.

Auch im thp Kontext vermag Theater buchstäblich zu einem Ort der Magie zu werden, insbesondere mit Blick auf die produktionsästhetische Seite. Die emphatische Fähigkeit des Menschen, sich Menschen, Dingen und Welten zu nähern, baut nicht nur auf imitative oder kontagiöse M, sie wird buchstäblich Wirklichkeit; die Möglichkeit, einen anderen zu spielen, ist zuletzt die essentielle Erfahrung, dieser andere für Momente auch zu sein. Und es ist gerade der nicht kontrollierbare Moment im Akt der Verwandlung (oder im Umgang mit Dingen oder anderen Menschen), dieses pathische ,Ergriffensein‘ im Spiel, dieses von Worten, Dingen, Handlungen Fortgetragen-Werden, das die M als dem Leben evident zugehörig erscheinen lässt, wenn auch vom Bewusstsein uneinholbar. Mit der als magisch erlebten Präsenz findet das thp Anliegen insbesondere auch eine kritische Antwort auf die zunehmend ,magisch‘ erlebte Theatralisierung und Mediatisierung des gesellschaftlichen Alltags, macht ihn, wenn auch nicht durchschaubar, so doch handhabbar.

Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double. Frankfurt a. 1983; Barthes, Roland: Ich hab das Theater immer geliebt, und dennoch gehe ich fast nie mehr hin. Schriften zum Theater. Berlin 2002; Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Frankfurt a. M. 1985; Benjamin, Walter: Sprache und Geschichte. Stuttgart 1992; Caillois, Roger: Die Spiele und die Menschen. Frankfurt a. M. 1982; Douglas, Mary: Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Frankfurt a. M. 1981; Dürr, Hans Peter: Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation. Frankfurt a. M. 1978; Feyerabend, Paul: Die Natur als ein Kunstwerk. In: Welsch, Wolfgang (Hg.): Die Aktualität des Ästhetischen. München 1993; Fraiberg, Selma: Die magischen Jahre in der Persönlichkeitsentwicklung des Vorschulkindes. Reinbek 1984; Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Frankfurt a. M. 1975; Gebauer, Gunter/Wulf, Christoph: Spiel, Ritual, Geste. Mimetisches Handeln in der sozialen Welt. Reinbek 1998; Jappe, Elisabeth: Performance, Ritual, Prozeß. München 1993; LéviStrauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt a. M. 1969; Malinowski, Bronislaw: Magic, Science and Religion. Garden City 1954; Panizza, Oskar: Der Illusionismus und die Rettung der Persönlichkeit. In: Ders.: Die kriminelle Psychose. München 1978; Schechner, Richard: between theatre & anthropology. University of Pennsylvania 1985; Ders.: ,Believed-in‘-Theater. In: Caduff, Corinna/Pfaff-Czarnecka, Joanna (Hg.): Rituale heute. Theorien – Kontroversen – Entwürfe. Berlin 1999; Turner, Victor: Vom Ritual zum Theater. Frankfurt a. M.  1995.

HANNE SEITZ

Ästhetische Bildung – Ästhetischer Wert – „Als-ob“  – Happening – Leiblichkeit – Objekttheater – OffTheater – Performance – Ritual

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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