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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Legislatives Lernen

Begonnen hat das politisch-theatrale Experiment des LT 1992 mit einer Wahlkampagne des Centro do Teatro do Oprimido (CTO-Rio) für die brasilianische Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores). Dabei entschied  sich  Augusto  Boal  für  die  Kandidatur  zum Abgeordneten des Stadtparlaments von Rio de Janeiro. Nach seiner Wahl entwickelte er von 1992 bis 1996 zusammen mit MitarbeiterInnen aus dem Theater- und Rechtsbereich das Projekt des  LT.

Ziel des LT ist es, mit Hilfe des Kommunikationsmediums Theater Partizipationsmöglichkeiten in politischen Prozessen zu schaffen. Damit erreicht das Theater  der  Unterdrückten  im  LT  eine  neue  Dimension: Neben der szenischen Reflexion alternativer Handlungsstrategien  wird  die  Transformation politisch-struktureller Rahmenbedingungen angestrebt. Die Intervention in der theatralisierten Realität wird zum Ausgangspunkt für die Entwicklung eines neuen Gesetzes, „das den Unterdrückten als Instrument zu ihrer Verteidigung dient“ (Boal zit. in Baumann 23). Das Theater selbst wird zur transitiven Demokratie (vgl. Boal 22), in welcher die BürgerInnen durch den Abgeordneten Gesetze initiieren. Die theatrale Sprache ermöglicht es den BürgerInnen, auf einer anderen Kommunikationsebene als gewöhnlich an politischen Prozessen teilzunehmen.

Die konkrete Umsetzung des LT findet an der sozialen Basis statt. Von der Straße in das Parlament führt der Theaterweg mit der Kernmethode des Forumtheaters:  BürgerInnen  inszenieren  in  Theatergruppen öffentliche Forumtheateraufführungen zu alltäglichen Unterdrückungserfahrungen. Die Interventionen der zuschauenden BürgerInnen werden in einem Team von Rechtsexperten und Theaterleuten (sog. Stoffwechselzellen) evaluiert, zu Gesetzesentwürfen weiterentwickelt und in den parlamentarischen Prozess eingebracht (ebd. 93f.). In umgekehrter Richtung führt der Kabinettsweg vom Parlament auf die Straße: In inszenierten Parlamentssitzungen werden Gesetzesvorschläge anderer Abgeordneter von der Bevölkerung auf der Straße diskutiert. Während Boals Amtszeit sind 13 Gesetzesvorschläge von insgesamt über 30 Theatergruppen verabschiedet worden. Das wichtigste Gesetz schreibt den ZeugInnenschutz bei der Verbrechensbekämpfung vor (ebd. 104).

Seit 1998 führt das CTO-Rio das Projekt des LT ohne politisches Mandat, mit privater Unterstützung, weiter. Neben anderen brasilianischen Städten gibt es auch in Europa verschiedene Versuche, das LT zu adaptieren. Hier stellt sich v. a. die Frage nach der Akzeptanz dieser theatralen Sprache in der politischen Kultur Europas. Die Verknüpfung von Theaterarbeit und gesetzesgebender Ebene ist dabei die größte Herausforderung. Insbesondere die zentrale Rolle des Jokers, der den Dialog zwischen Bühne und Publikum moderiert, bedarf in diesem Zusammenhang einer stärkeren Reflexion (vgl. Kempchen 134ff.).

Balby, Cleide Negrão: Augusto Boal – Theatertheorie und Praxis unter besonderer Berücksichtigung des ,Legislativen Theaters‘. Magisterarbeit. München 1997; Baumann, Till: Von der Politisierung des Theaters zur Theatralisierung der Politik. Theater der Unterdrückten im Rio de Janeiro der neunziger Jahre. Stuttgart 2001; Ders./Kastner, Barbara/ Kempchen, Doris: Theatre goes politics – es geht weiter. In: Korrespondenzen, 1999, H. 34; Boal, Augusto: Legislative Theatre. Using Performance to make Politics. London 1998;CTO-Rio (Hg.): Metaxis. In: The Theatre of the Oppressed Review/CTO-Rio. Rio de Janeiro. 2001, H. 1; Kempchen, Doris: Wirklichkeiten erkennen, enttarnen, verändern. Dialog und Identitätsbildung im Theater der Unterdrückten. Stuttgart 2001; Paulo-Freire-Gesellschaft (Hg.): Szenen verändern – Joker aus Rio unterwegs. Zs. für befreiende Pädagogik,  2000,  H. 25/26.

www.ctorio.com.br;  www.joker-netz.de.

DORIS KEMPCHEN

Regenbogen der Wünsche – Statuentheater – Unsichtbares Theater – Zeitungstheater – Zielgruppe – ZuschauSpieler

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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