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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Jugendclubs an Theatern

Seit dem 20. Jh. sind Beispiele von Kinder- und Jugendarbeit an Theatern im Sinne einer ästhetischen Erziehung bekannt (Natalia Saz, Moskau etwa 1920).

Bertolt Brecht hat die Forderung nach ästhetischer Erziehung durch das Theater um den politischen Faktor erweitert. In diesem Zusammenhang hat er auch die Kluft zwischen Laienbühne und Berufsbühne, zwischen ,spielendem Publikum‘ und Berufsschauspielern in Frage gestellt. Wenn Tätige zu Betrachtenden werden und umgekehrt, so Brechts Überlegung, werde der Unterschied zwischen Philosophie und Politik aufgehoben.

In den Theatern der DDR kannte man Jugendfreizeiteinrichtungen seit den frühen 1960er Jahren, z. B. auf Initiative Thomas Braschs an der Volksbühne Berlin. In der BRD wurde in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren eine deutliche Politisierung im Theater spürbar, das Publikum wurde verstärkt ins Bühnengeschehen einbezogen. In diese Zeit fällt auch die Gründung des ersten Theater-Jugendclubs im Jahre 1969 in Köln von Hansgünther Heyme. Er trug den Namen ,Jugend-Club Kritisches Theater‘ (JKT). Anknüpfend an die Tradition der Foyer-Gespräche im ,Berliner Ensemble‘ (BE) fanden hier vornehmlich Diskussionen mit Regisseuren statt. In den 1980er Jahren setzte Heyme die Jugendclubarbeit als Schauspieldirektor am Staatstheater in Stuttgart fort. Hier kam es allerdings zu Inszenierungen, die mit großem Aufwand an Sachmitteln auch im regulären Spielplan zu sehen waren. In die Mitte der 1980er Jahre fällt der Beginn einer breiteren Streuung des Phänomens der aufführenden Jugendclubs an Stadt-, Staats- und Landestheatern. Zum Katalysator der Bewegung wurde das Treffen ,Jugendclubs an Theatern‘, das erstmals 1990 von den Theaterpädagogen Herbert Enge und Marlis Jeske am ,Thalia Theater‘ Hamburg ins Leben gerufen wurde. Dokumentiert werden diese Treffen regelmäßig in ,Korrespondenzen‘ (zuletzt: 2002, H. 41). Jugendclubs und nationale Jugendclubtreffen gibt es in der BRD, der Schweiz und in vergleichbaren Ansätzen auch  in Österreich.

Vereinzelt sind Jugendclubproduktionen auch im regulären Spielplanbetrieb der Theater integriert und ersetzen oder konkurrieren die Sparte Kinder- und Jugendtheater (z. B. Stadttheater in Ulm).

Der Theater-Jugendclub kann eine eigene Abteilung im Theaterbetrieb darstellen, die in der Regel von Theaterpädagogen geleitet wird. Die Jugendclubarbeit an einem Theater ist abzugrenzen von Kinder -und Jugendengagements an Bühnen im Sinne einer Statisterietätigkeit sowie von der Sparte Kinder -und Jugendtheater. Auch theatrale Publikumsorganisationen wie Servicebetriebe aus Volkshochschule oder der Schulgruppenarbeit der ThP beschreiben andere Arbeitsbereiche. Der Jugendclubidee liegt der Gedanke der Beteiligung des spielenden Publikums als ästhetischem Zusatzprogramm im Gesamtangebot zugrunde. Im weitesten Sinne kann er als Beitrag zum ungeschriebenen Generationenvertrag im Theater gerechnet werden, eine Bemühung also, das Theaterinteresse in die folgende Generation zu tragen.

Zielgruppe  sind  junge  Menschen  zwischen  14 und 25 Jahren. Von altersgemäß vergleichbaren Schultheatergruppen unterscheidet sich die Spielpraxis der Jugendclubs vor allem dadurch, dass hier Theaterarbeit eher in Laborsituationen bzw. aus dem kreativen Chaos heraus angegangen wird, während in schulpädagogischer Arbeit eher ein strukturiertes, formendes Inszenieren anzutreffen ist.

Das Betätigungsangebot selbst kann alle künstlerischen, technischen und administrativen Bereiche des Theaterschaffens für interessierte Jugendliche zugänglich machen. Zum Beispiel Theater-Workshops unter Anleitung von Schauspielern, Theaterpädagogen, Dramaturgen, Assistenten aus dem professionellen Theaterbereich. In der Regel liegt der Schwerpunkt der Angebote auf Schauspiel-Jugendclubs. Bekannt sind auch Jugendclubs z. B. zu Bühnenbildgestaltung, Theaterkritik, Autorenwerkstätten, Jugend-Tanz-Ensembles.

Die Produkte der Jugendclubarbeit sind, ähnlich der Arbeit von Schultheatergruppen, zumeist das Ergebnis eines schöpferischen Dialogs zwischen den Jugendlichen und einer erwachsenen Leitungspersönlichkeit zu theatralen Themen. In seltenen Fällen überlassen die Theater die Jugendclubarbeit ganz der Initiative der Jugendlichen (gelegentlich an der Volksbühne Berlin).

Enge, Herbert/Jeske, Marlis/Schneider, Wolfgang (Hg.): Jugendclubs an Theatern. Frankfurt a. M. 1991; Frank, Martin: Erfinden kann man nur die eigene Wirklichkeit. In: Hoffmann, Christel/Israel, Annett (Hg.): Theater spielen mit Kindern und Jugendlichen. Weinheim, München 1999; Jugendclubs an Theatern. Dokumentation des 7. Bundestreffens am Theater im Zentrum. Stuttgart 1996; Trobisch, Nina: Arbeitsmethoden im Vergleich. In:  Ebd.

MARTIN FRANK

Arbeitsfelder der Theaterpädagogik – Dramaturgie – Kulturelle Bildung – Projekt – Rezensionen von theaterpädagogischen Aufführungen – Theaterpädagogischer Dienst – Vorund Nachbereitung – Werkstatt

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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