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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Chorisches Sprechen

CS ist einerseits ein szenisches Gestaltungselement und andererseits ein thp Verfahren. Als szenisches Gestaltungselement lässt es sich sowohl von der griechischen Tragödie herleiten, in der der singende, tanzende Chor eine führende Rolle einnimmt, als auch mit der Liturgie der christlichen Kirche in Zusammenhang bringen. In seinen Ursprüngen erfüllte das CS kultische Aufgaben. Im Sprechtheater der Neuzeit werden gelegentlich chorische Passagen einbezogen; das Schuldrama und die Oper gründen auf chorischen Gestaltungsprinzipien. Schiller nimmt mit der Braut von Messina (1803) explizit Bezug auf das griechische Chordrama. Mit der Verwendung des Chors als handelnde Person bemüht er sich – im Verzicht auf ,naturalistische‘ Darstellung – um eine Poetisierung des Dramas und um die Wiedergewinnung des Unmittelbaren: „Der Dichter […] muß alles Unmittelbare, das durch die künstliche Einrichtung des wirklichen Lebens aufgehoben ist, wiederherstellen und alles künstliche Machwerk an dem Menschen und um denselben, das die Erscheinung seiner innern Natur und seines ursprünglichen Charakters hindert, […] abwerfen.“ (Schiller 553f.) Eine intensive Beachtung erfährt das CS in der Sprechchorbewegung der 20er/30er Jahre des 20. Jhs. Der Sprechchor ist hier nicht in Theaterstücke eingebunden, sondern tritt als eigenständiger Klangkörper in Erscheinung. Er lässt sich mit dem Gemeinschaftsgedanken der Jugendbewegung in Verbindung bringen. Zwei  Richtungen des Sprechchors werden unterschieden: die ästhetischtendenzlose und die politisch-tendenziöse (vgl.  Belstler 1 a.). In seiner politischen Form ist der Sprechchor ein Ausdrucksmittel des Proletariats: „In den proletarischen Morgenfeiern in Berlin, auf Tagungen wie dem Jugendtag der sozialistischen Arbeiterjugend in Hamburg oder der Arbeiterkulturwoche in Leipzig im August 1926, auf der Schönlanks Sprechchorspiel Großstadt zur Aufführung gelangte: Bei all diesen und ähnlichen Gelegenheiten ertönte und ertönt chorisch gesprochenes Wort: anfeuernd, aufrüttelnd, politisch werbend.“ (Belstler u. a. 10) Der proletarische Sprechchor ist keine Bühnenkunst, sondern politischer Ausdruck einer sich als Gemeinschaft fühlenden gesellschaftlichen Gruppe. In der ästhetischen Form dagegen wird der Sprechchor als künstlerisches Gestaltungsmittel aufgegriffen und zur Darstellung unterschiedlicher Stoffe und Texte eingesetzt. In enger Verbindung zu dieser Form des Sprechchors stehen die Autoren, die den Sprechchor für die Schule nutzbar machen wollen. Eine bis in unsere Gegenwart vorkommende eigene Gattung bilden musikalische Sprechchorkompositionen, in denen die rhythmische und klangliche Gestalt durch einen Komponisten festgelegt ist.

Zwischen CS und Sprechchor wird differenziert. Während die Sprechchorarbeit einem künstlerischen Selbstzweck dient oder aber ein politisches Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck bringt, wird CS im Kontext pädagogischer Zweckbestimmungen gesehen. Es wird von Seiten der Sprecherziehung, des Literaturunterrichts, des Laientheaters und aus allgemeinpädagogischen Interessen in Anspruch genommen. Der Sprecherziehung geht es vor allem um die Ermutigung zum ausdrucksvollen Sprechen, zu dem der einzelne Schüler möglicherweise zu gehemmt ist und das er in der sprechenden Gruppe lernen kann. „Die Sprechlust der Lebendigen reißt die Stillen mit und ermutigt sie schließlich auch zu Einzelleistungen.“ (Drach 213) Ziel ist die Verbesserung der individuellen Ausdrucksfähigkeit. Der Literaturunterricht legt seinen Schwerpunkt auf die Verlebendigung und Vergegenwärtigung vor allem lyrischer Texte. Die Begegnung und Auseinandersetzung mit einem Gedicht soll zu einem Erlebnis werden: „Während früher Zergliederung, Inhaltsangabe usw. das Gedicht nur nach der logischen Seite erfassten, vermag die Zerlegung als Sprechchor der logischen wie der gefühlsmäßigen Seite gleichmäßig gerecht zu werden.“ (Sprang 24) Zur Integration des Gefühls bei der Gedichtrezeption trägt vor allem auch die Wahrnehmung sprachklanglicher Gestaltungselemente bei der chorischen Gedichterarbeitung bei. Für das Laienspiel ist die Einbeziehung chorischer Elemente eine Möglichkeit, viele Darsteller gleichberechtigt in die Darstellung eines Stückes einzubeziehen (vgl. Nübling). Zudem rückt es die ,Kollektivität des Produzierens und Spielens‘ in das Zentrum der Aufmerksamkeit der Spieler (vgl. Kurzenberger).  Das  chorische  Prinzip  ist  auf  der Laienbühne nicht auf chorisches Sprechen beschränkt, sondern umfasst genauso Bewegungsaktionen. In allgemeinpädagogischer Argumentation wird der Aspekt des chorischen Sprechens als Gemeinschaftserlebnis betont: „Der Schüler ordnet sich ein, passt sich an, und so verkettet das sprechchorisch dargebotene Gedicht die ganze Schülerschar zu einer Gefühls- und Erlebnisgemeinschaft.“ (Heinrichs 11) In der jüngeren Literatur wird dagegen nicht ein Aufgehen in der Gemeinschaft als Ziel gesehen, sondern das chorische Miteinander als Anlass verstanden, über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft nachzudenken und seiner Problematik in der chorischen Aktion Ausdruck zu verleihen (vgl. Nübling).

Die methodischen Grundfragen des CS beziehen sich auf die Wahl der Gestaltungsmittel, die Textauswahl, die Arbeitsweise und die Integration szenischer Elemente. Die Frage nach der Wahl der Gestaltungsmittel ist auch eine Stilfrage. Vielfach wird darauf hingewiesen, dass der Sprechchor sich vom musikalischen Chor grundsätzlich unterscheiden solle und nicht in einen Sprechgesang verfallen dürfe (vgl. Christians). Die charakteristischen Gestaltungsmittel  des Sprechchors liegen weniger in einer Festlegung der Satzmelodie oder Sprechtonhöhe als im Wechsel zwischen Teilchören, zwischen Chor und Einzelsprecher, in der Variierung des Sprechausdrucks und in der Festlegung der Phrasierung sowie der Pausen. Bei der Textauswahl werden lyrische Texte übereinstimmend bevorzugt, jedoch wird kontrovers diskutiert, ob geeignete Texte in sich bereits chorisch angelegt sein müssen, ob Balladen (epische Elemente) geeignet sind, ob sich Gefühle und Schicksal eines Einzelnen chorisch darstellen lassen. In der Erarbeitung eines Textes sollen die Gestaltungsideen den Sprechenden nicht vorgegeben, sondern von diesen selbst gefunden werden, denn „nicht sowohl das Arbeitserzeugnis – der fertig geübte Chor in seiner Wirkung auf Außenstehende – ist das erziehlich Wertvolle, als vielmehr die schöpferische Arbeit der Teilnehmer, die um das Erzeugnis sich bemühen“ (Drach 214). Die Integration von Bewegungen in die Chorarbeit wird von vielen Autoren angestrebt. Es geht dabei um die Erarbeitung von Mimik und Gestik und um die Rhythmisierung des chorischen Geschehens. In der Anknüpfung an rhythmisierte Kinderverse und -spiele soll der Zusammenhang von Körper und Sprache erfahrbar werden (vgl. Belstler u. a. 41).

Ungeachtet seiner methodischen Vielfalt und pädagogischen Verwendbarkeit bleibt der Sprechchor in den 1920er/30er Jahren ein umstrittenes Medium, dessen künstlerische und pädagogische Leistungsfähigkeit angezweifelt wird. Eine systematische Sichtung seiner Bedeutung für die ThP der Gegenwart steht noch aus.

Belstler, Hans/Stolz, Paula: Der Sprechchor in der Schule. München u.a. 1932; Christians, Hermann: Von der Absicht und den verschiedenen Arten des Sprechchores. In: Lebede, Hans: Sprecherziehung, Rede, Vortragskunst. Berlin 1930; Drach, Erich: Sprecherziehung. Die Pflege des gesprochenen Wortes in der Schule. Oberursel 1949; Heinrichs, Fritz: Der Sprechchor in der Volksschule. Langensalza 1928; Kurzenberger, Hajo: Theater als Chor. In: Ders. (Hg.): Praktische Theaterwissenschaft. Spiel – Inszenierung – Text. Hildesheim 1998; Nübling, Sebastian: Chorisches Spiel 1. Zur Aktualität eines szenischen Verfahrens in der theaterwissenschaftlichen Projektarbeit: Shakespeare, Schwitters, Handke. In: Kurzenberger, a.a.O.; Schiller, Friedrich: Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie. In: Ders.: Über Kunst und Wirklichkeit. Leipzig 1975; Sprang, Karl: Der Sprechchor und seine Bedeutung für die Gedichtbehandlung. Methodische Betrachtung nebst einer Sammlung typischer Sprechchorformen. Breslau 1927.

CONSTANZE RORA

Arbeitertheater – Atmung – Deutschunterricht – Geistliche Spiele – Rhetorik – Sprechen

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