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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Angst und Kunst

Kunst ist, das darf immer wieder angenommen werden, seit gesellschaftlichen Urzeiten, seit den Höhlenzeichnungen vor vierzigtausend Jahren, ein zugleich theoretischer und praktischer Versuch, die Angst zu entkräften und in Formen zu bannen – im Tanz, in kultischen Spektakeln, in Zeichnungen und Bemalungen. Gleichviel, ob archaische Ängste vor der feindlichen und gefährlichen Natur, vor den Sternen und anderen außerirdischen Gewalten, ob Ängste vor den ruhelosen Seelen der Toten oder moderne Ängste vor der ruhelosen, lebendigen Macht eigener und fremder Leidenschaften – es sind stets Ängste vor Dingen, die sich der Bemächtigung entziehen.

Kunst ist nicht die einzige Praxis der Angst-Entkräftung, aber was unterscheidet sie von den anderen Unternehmen, wie den Wissenschaften, den Religionen oder der Politik, die ja auch Überwindung und Minderung der Menschheitsängste im Programm haben? Der Unterschied ist: Kunst selbst macht keine Angst. Natürlich gibt es Schrecken erregende Werke und kann Kunst leibhaftig schockieren, aber in der Kunst gibt es keine Verdammnis wie in den Religionen, sie macht nicht Gewalt und Kriege wie die Politik und keine objektiv gefährlichen Entdeckungen wie die Wissenschaften. Das verdankt sie ihrem inhärenten Lustmoment. Das Lustprinzip, dem die Kunst folgt, ist nämlich ein ,binnen-ökonomisches‘ im Gegensatz zur außen-ökonomischen Steuerung von Religion, Politik und Wissenschaft. ,Binnen-ökonomisch‘ heißt, dass das am Wohlbefinden orientierte, lustökonomische Bestreben, Spannungen auszugleichen, sich selbst und der Welt zu trauen, sich äußert, also von innen nach außen geht, und nicht, wie bei Verarbeitungsnötigungen und Zwängen, durch äußere Umstände umgekehrt und  verinnerlicht wird.

Das Lustprinzip äußert sich in Form von Geschenken an die Welt, und das ist das Gesellschaftliche dieser sog. Übergangsobjekte von innen nach außen. Sie verkörpern die innere Ökonomie der Subjekte, und das ist das Gegenteil zur Verdinglichung der Körper durch die äußere Ökonomie etwa der Arbeitskraftverwertung. Die soziale Form solch binnen-ökonomischer Äußerungen ist mithin nicht die der Ware, sondern die der Gabe oder des Geschenks. Und das ist auch die soziale Form der Kunst. Kunst ist primär keine Leistung, sondern ein Geschenk, also nicht schon von der Angst geprägt, bewertet oder berechnet zu werden wie Opfer, Waffen oder Arbeit.

So sehr Kunst befremdet, sinnliche Freude und sinnliches Entsetzen des Augenblicks zugleich ist, muss an ihr etwas sein, das sie von anderen Dingen und Erfahrungen unterscheidet. Wenn Angst vom Fremden kommt, Kunst aber keine Angst macht, muss sie etwas Urvertrautes sein. Sie kann nicht von außen kommen, sondern muss zu den ersten, frühen menschlichen Äußerungsformen gehören. Ihr Motiv ist nicht die Befriedigung einer Überlebensnotwendigkeit, mithin auch nie die Angst, dass etwas fehlen könnte, sondern es ist die Lebenslust selbst, die in Übergangsobjekten verwirklicht wird. Malen, singen, Theater spielen, in irgendeiner Kunst zu dilettieren, d. h. sich zu vergnügen, hat in diesem Sinn Übergangscharakter: nämlich sich der Fülle und Geräumigkeit der Welt zu erfreuen im Prozess der Selbsterfahrung als Fremderfahrung.

Kunst zu machen, ist kreative Urerfahrung der Nicht-Identität, ohne die alles andere, das Fremde, Unbekannte und Unsichere, nicht zu ertragen wäre. Und es ist offenbar eine angstfreie Urerfahrung, gespeist aus Lebensgarantie und Lebenslust, die einander bedingen. Diese Erfahrung kann zwar nicht ein Leben lang konserviert werden, und viel große Kunst ist unter widrigsten Umständen geschaffen worden. Aber die Erfahrung, etwas machen zu können, das als Gabe sich auch nur für Momente behauptet zwischen Werden und Vergehen, zwischen Impuls und Verfestigung, ist unersetzlich.

Pfütze, Hermann: Form, Ursprung und Gegenwart der Kunst. Frankfurt a. M. 1999; Rech, Peter: Abwesenheit und Verwandlung. Das Kunstwerk als Übergangsobjekt. Frankfurt a. M. 1981; Winnicott, Donald W.: Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart 1987.

HERMANN PFÜTZE

Clownerie – Magie

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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