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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Volkskunst / Folklore

Der Begriff V hat sich in den letzten vier Jahrzehnten des 19. Jhs. ausgehend von der Kunstgewerbebewegung entwickelt und gilt seitdem als umstritten. Die Aufmerksamkeit für Erzeugnisse der V wurde mit der Pariser Weltausstellung 1867 geweckt. V interessierte zum einen als Dokument des Fortwirkens der Stile der Vergangenheit und zum anderen als Hinweis auf Eigenschaften, die im Kunsthandwerk fehlten. Der Kreis der Erzeugnisse, die zur V gezählt wurden, erweiterte sich in Folge des gestiegenen Interesses immer mehr. Innerhalb der Kunstgewerbebewegung gab es sozialpolitisch aktive Kreise, die in den politischen, sozialen und geistigen Entwicklungen, mit denen die Moderne die Lebenswelten einschneidend veränderte, eine Bedrohung sahen und eine Besinnung auf Überlieferung sowie  eine  Aufwertung  der  Handarbeit  gegenüber industrieller Fertigung forderten.

Das wachsende Interesse an V ist hier zu verstehen als eine Reaktion auf Technisierung, Industrialisierung und Urbanisierung. Der Wunsch nach ,Ursprünglichem‘ animierte Anfang des 20. Jhs. viele Künstler (z. B. Paul Gauguin, Wassily Kandinsky, Franz Marc), auf einfache Formen der sog. Naturvölker und der Landbevölkerung zurückzugreifen (bayerische Votivtafeln, Hinterglasmalerei, russische Bilderbogen, exotische Kunst). Innerhalb des wissenschaftlichen Interesses entwickelten sich Kontinuitätsvorstellungen, die anknüpfend an die Romantik und vor allem an Jakob Grimm in der V und der Volksüberlieferung eine Verbindung zu den Kulturen älterer Stufen der Menschheitsgeschichte sahen und der V eine Eigengesetzlichkeit zusprachen. Diese Herangehensweise förderte die Erörterung jeweiliger Nationalstile, was dann in zahlreichen Ausstellungen, eigenen Museen und Instituten zum Ausdruck kam, aber auch zu einer näheren Bestimmung des Begriffs führte. Unter V wurden handwerkliche Erzeugnisse mittlerer und unterer sozialer Schichten, vom 16. bis zur Mitte des 19. Jhs. in Europa hergestellt, verstanden.

Das Interesse galt den ästhetischen Ausdrucksformen, die den sozioökonomischen Bedingungen verpflichtet waren und den Traditionen entsprachen,  im Sinne eines Angesiedeltseins außerhalb der klassischen und modernen Kunst. Bernward Deneke hat jedoch gezeigt, dass tatsächlich aber V (anders als Völkerkunst) immer mit den Erscheinungen der Universalkunst verflochten war. Ihre Formen und Stile sind auf die sich wandelnden Stilformen und auf die allgemeine Kulturentwicklung zu beziehen. Und wer der V einen unpersönlichen Charakter attestiert, übersieht, dass V sich an geläufigen Mustern orientiert, Handwerker teilweise namentlich genannt wurden und die weitere Produktion beeinflussten. Zudem sind die Stile der V immer an den Geschmack der Konsumenten  gebunden.

Das Interesse an den Bedingungen der Produktion und Rezeption der V wuchs erst mit dem sich wandelnden Interesse der Volkskunde, die darlegte, dass die schichtengebundene Zuordnung der Materialien wichtig war für die Beschaffenheit der Erzeugnisse. Ende des 19. Jhs. wurden der V ähnelnde Erzeugnisse industriell in Masse hergestellt und es entstanden regional Zentren, die sich auf die handwerkliche Herstellung einzelner Produkte konzentrierten (z. B. im Erzgebirge). Produkte aus Kulturen, die von der Industrialisierung später erfasst wurden, sind über den Tourismus in den internationalen Markt gelangt (z. B. Mexiko, Afrika).

Immer wieder wurde versucht, den Begriff einzuschränken (Bauernkunst) oder auszuweiten (jegliche populäre Kunst), womit er den französischen Arts populaires und der italienischen Arte popolare näher kam. Im weitesten Sinne umfasst V Kunst, Geschmack und Mentalität der unteren Schichten innerhalb der verschiedenen Kulturen der Welt und ist somit Ausdruck von Wertvorstellungen und sozialen Ordnungen. Anfang des 20. Jhs. wurde V auf alle künstlerischen Ausdrucksformen (Volkslied, Volksmusik, Volkstanz, Volksschauspiel usw.) angewandt. Die Bedeutung von V verengte sich dann auf das bildnerische Schaffen im Sinne einer anonymen, angewandten Kunst. In neuerer Zeit werden unter dem Begriff kreative Praktiken der Popular- und Jugendkultur (z. B. Graffiti, laienkünstlerische Aktivitäten) subsumiert.

Der Begriff F (engl., aus folk: Volk und lore: Wissen) hat sich seit dem ausgehenden 19. Jh. mit verschiedenen Ausprägungen in vielen Ländern ausgebreitet. 1846 kam er in Großbritannien auf, um volkstümliche Überlieferungen zu erfassen. In Frankreich und Italien bezeichnet er sowohl Formen der Volkskultur als auch die wissenschaftliche Disziplin, in der skandinavischen Tradition umfasst F das gesamte mündlich tradierte Erzählgut und in der deutschen ist er Ausdruck für Bräuche, Volksmusik, Alltagswissen. Heute findet man den Begriff in der neueren Volkskunde, der Ethnologie, der Volksliteratur, der Touristik und der Alltagssprache. Als Folklorismus bezeichnet man eine moderne Gesellschaftserscheinung, mithin ein Produkt der Kulturindustrie: das politisch oder wirtschaftlich begründete Wiederbeleben von Bräuchen oder Erfinden von Traditionen (vgl. Hobsbawm).

Als charakteristisch für V gilt, dass sie zumeist nicht in Einzelwerken, sondern in einer Vielzahl hergestellt wurde. Sie reicht von Alltagsgeräten und Gebrauchsgegenständen über Ziergegenstände bis zu Brauchtums- und religiösen Erzeugnissen. Die Erzeugnisse differenzieren nach der Herkunft, allgemein gilt jedoch, dass ornamental-stilistische Muster vorherrschen. Die Stile der verschiedenen Produkte sind geprägt von den Herstellungsorten, den materiellen und immateriellen Möglichkeiten. Die Formprinzipien, mithin die Ähnlichkeit vieler Erzeugnisse aus verschiedenen Regionen, sind begründet in der Ähnlichkeit der Herrschaftsstrukturen und der Produktionsverhältnisse. Die Formen werden bestimmt durch die rezipierten Motive und deren Auswahl ergibt sich aus den Themen, „die dem Bildungshorizont der Produzenten und Konsumenten zugänglich waren“ (Deneke 56). Oft ist V verbunden mit regionalen Traditionen und Festen, zeremoniellen Handlungsabläufen, Wendepunkten wie Geburt, Hochzeit, Tod. Hierhin gehört auch das Volksschauspiel, oft von Laien im jeweiligen Dialekt und entsprechend den Themen des Festkalenders dargeboten. Die Handlung dient zumeist der Erinnerung religiöser oder weltlicher Ereignisse.

In einer gegenwärtigeren Sprache ließen sich sowohl V als auch F nicht als ästhetische Produkte unterer Schichten verorten, sondern als Ausdrucksformen der Subkultur. Diese ist „Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet“ (Schwendter 11). Dabei ließe sich die Frage stellen, inwieweit im Ornamentalen der V nicht deren Charakter als Wunschbild einer harmonischeren Welt zum Ausdruck kommt, als spezifische Erfahrungsweise der Unterprivilegierten und ökonomisch Abhängigen. Sie wäre dann zu verstehen als eine im Dialog mit der Gesellschaft und der Universalkunst entstehende abweichende Praxis. Dabei geht es dann nicht mehr um die Darstellung einer heilen Welt, ein Klischee, das durch viele Ausstellungen zur V befördert wurde, sondern um eine Ästhetik des Alltagslebens.

Bausinger, Hermann: Da capo – Folklorismus. In: Lehmann, Albrecht/Kunz, Andreas (Hg.): Sichtweisen der Volkskunde. Zur Geschichte und Forschungspraxis einer Disziplin. Berlin u.a. 1988; Deneke, Bernward: Europäische Volkskunst. Frankfurt a. M. u. a. 1980; Hobsbawm, Eric: Das Erfinden von Traditionen. In: Conrad, Christoph/Kessel, Martina (Hg.): Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung. Stuttgart 1998; Korff, Gottfried (Hg.): Volkskunst heute? Tübingen 1986; Nikitsch, Herbert/ Tschofen, Bernhard (Hg.): Volkskunst. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien. Wien 1997; Schechter, Harold: The Bosom serpent. Folklore  and popular art. New York u. a. 2001; Schneider, Ingo (Hg.): Europäische Ethnologie und Folklore im internationalen Kontext. Frankfurt a. M. u. a. 1999; Schwendter, Rolf: Theorie der Subkultur. Hamburg  1993.

www.aeiou.at [Volkskunst, Österreich-Lexikon]; www.snl.ch [Volkskunst, Historisches Lexikon der Schweiz].

FRANCESCA VIDAL

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