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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Übungsfirma

Die Ü hat seit langer Zeit ihren festen Platz im kaufmännischen Aus- und Weiterbildungsbereich in Deutschland. Aus ersten Anfängen Ende der 1950er Jahre ist durch ständige Anpassung an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes und die Bildungsanforderungen der Lernenden die Ü heutigen Stils entstanden. Das pädagogische Konzept ist so erfolgreich, dass zu den ca. 900 Ü, die im Deutschen Ü-ring zusammengeschlossen sind, innerhalb weniger Jahre ein weltweites Netz mit über 1 500 weiteren Ü in vielen anderen Ländern der Welt gewebt wurde, vorwiegend in Europa, aber auch z. B. in Australien, Kanada, Brasilien, Südafrika – die ganze Welt ist (scheinbar) Bühne!

Ü heißt, dass unter der Anleitung von Lehrenden ,Firma gespielt‘ wird. Alle kaufmännischen Abteilungen eines Betriebes werden simuliert. Die Lernenden (Arbeitslose und RehabilitantInnen in Umschulungen und Fortbildungen, Auszubildende, BerufsschülerInnen) übernehmen die Aufgaben von MitarbeiterInnen und durchlaufen alle wichtigen Funktionsbereiche eines Unternehmens.

Das → ,Spiel‘ beschränkt sich aber nicht auf nur eine Spielstätte: Ü arbeiten in einem Markt zusammen, hier sind sie als Produktions-, Handels- und Dienstleistungsbetriebe tätig. Der gesamte kaufmännische Schriftverkehr, also Anfragen, Aufträge, Angebote, Lieferscheine, Rechnungen, Warenbegleitpapiere usw., wird zwischen den Ü ausgetauscht. Modernste Technologien werden angewendet, Internetseiten gepflegt, eigene Webshops eingerichtet und betreut. Zur Bezahlung der Dienstleistungen und Waren wurde ein eigenes weltweites Bankensystem (allerdings ohne Bargeld) geschaffen. Realitätsgetreu gibt es auch weitere Dienste wie Finanzamt, Krankenkassen, Zollamt und ein Telekommunikationsnetz.

Ein großes Ereignis im Ü-geschäft ist das Inszenieren einer Verkaufsmesse: Alljährlich findet an wechselnden Orten die Internationale Ü-messe statt. Hier werden – mit der dazugehörenden → Vor -und Nachbereitung in der Firma – die eigenen Produkte präsentiert, Verhandlungen, Ein- und Verkaufsgespräche geführt und für die Firma geworben. Nicht zu vernachlässigen ist zudem das gesellschaftliche Leben an den Messe Abenden.

Für das pädagogische Konzept wesentlich ist, dass die Güterund Geldkreisläufe aus kaufmännischer Sicht vollständig sind. Das Spiel unterscheidet sich nur dadurch von der Geschäftswelt, dass die Warenbewegungen, Dienst- und Geldleistungen nicht real erbracht werden. Die konkrete Verbindung von Theorie und Praxis eröffnet den Lernenden einen Erfahrungsraum, in dem sie kaufmännisches Handeln und ökonomisches Denken unmittelbar aufeinander beziehen können. Die Handlungs- und Entscheidungsfreiräume erlauben Fehler und ermöglichen dadurch angstfreies Arbeiten. Die Einordnung in das Sozialgefüge Ü und die dabei gesammelten Erfahrungen fördern die Persönlichkeitsentwicklung, die Akzeptanz innerbetrieblicher Hierarchien und geben Orientierung für die Arbeitswelt. In diesem angeleiteten training on the job erwerben die Lernenden zusätzlich zu den fachlichen Kenntnissen wichtige Schlüsselqualifikationen wie Arbeiten im Team, Treffen von Entscheidungen, Lösen von Konflikten, und sie erproben ihre Belastbarkeit und Frustrationstoleranz.

Der weltweite Ü-markt bietet, im Gegensatz zu anderen simulierenden Einrichtungen, die Möglichkeit, der Praxis entsprechend eine Vielzahl qualitativ und quantitativ unterschiedlicher Geschäftsvorgänge zu bearbeiten. Dies durchbricht den traditionellen Lehr- und Lernprozess: Störfälle sind zwar eingeplant, aber in ihrer Art nicht steuer- und planbar. Die Arbeit in der Ü scheint reale Arbeitswelt zu sein. Das Lernen ist kein rein kognitiver, sondern ein sinnlicher, ein theatraler Prozess. Allerdings wird dieser durch kaufmännische Vorgaben (zu verstehen als Drehbuch, Rahmen) dominiert. Der Kreativität bei der Ausgestaltung der Rollen sind deutliche Grenzen gesetzt, zum einen durch die Erfordernisse der Geschäftswelt, zum anderen durch den Wunsch der Lernenden (und die Notwendigkeit), eine Qualifikation für den Arbeitsmarkt zu erhalten. Daher sind Begrifflichkeiten wie Spiel, Simulation, Scheinfirma verpönt, da damit oft mangelnde Seriosität assoziiert wird. Die Ü-arbeit, also die Spiel-Praxis wird nicht wahrgenommen als Spiel, als Probehandeln, als ein → „Als-ob“. Weder die Lehrenden noch die Lernenden begreifen sich als Handelnde in einem theatralen Prozess mit all den einem solchen Prozess innewohnenden Möglichkeiten der Brechung, Verfremdung und Ästhetisierung.

Prospekt der Zentralstelle des Deutschen Übungsfirmenrings (ZÜF) Essen: Die Übungsfirma – Pädagogisches Konzept. Essen (o.J.); Prospekt der Zentralstelle des Deutschen Übungsfirmenrings (ZÜF) Essen: Die Übungsfirma – Lernen und Handeln. Essen (o.J.).

http://www.europen.de;  http://www.zuef.de

BRIGITTE SONNTAG

Didaktik – Geschichte der Pädagogik – Lernen und Theater – Pflegedidaktik und Theaterpädagogik – Rollenspiel – Theaterarbeit in sozialen Feldern – Theatralisierung (von Lehr- und Lernprozessen) – Unternehmenstheater  – Zielgruppe

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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