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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Theatre of Development

TfD gibt es hauptsächlich in den Ländern der sog. Dritten Welt, aber die Bewegung hat auch die Industrienationen erreicht. In den letzten zwanzig Jahren hat sich TfD über den ganzen afrikanischen Kontinent verbreitet. TfD ist eine Theaterform, die soziales Bewusstsein, Aufklärung, Entwicklung und Selbstbestimmung der Bevölkerung, speziell der ländlichen, bewirken möchte. Im Mittelpunkt der Theaterarbeit stehen Entwicklungsprobleme wie Gesundheit, Aidsaufklärung, die Rolle der Frau, Wasserversorgung, Landwirtschaftsmethoden oder die Menschenrechte. Aufgegriffen werden aber auch Themen der einzelnen Regionen  oder Dörfer.

Die Bewegung TfD begann 1974 in Botswana. Anfang der 1980er Jahre änderte sich ihr politischer Stil und das Verhalten. Nun entstand eine Form, hervorgegangen aus dem grass-roots level, die die Aufmerksamkeit auf die Masse der Land- und Stadtbevölkerung lenkte und ihnen eine Stimme gab, die ihre Probleme artikuliert.

Die Eliten in den Städten und internationale Entwicklungsorganisationen fühlten sich verantwortlich, den Entwicklungsprozess in den ländlichen Gebieten zu unterstützen. Sie erkannten, dass es nicht damit getan war, Schulen und Krankenhäuser zu bauen oder Wasserpumpen zu installieren. Die Bevölkerung musste aufgeklärt werden, um soziale Veränderungen zu sichern. Es sollte die Selbstbestimmung vor allem der ländlichen Bevölkerung erzielt werden. Um diese Ziele zu erreichen, wurde das Medium Theater genutzt – unter anderem die Anregungen zweier Brasilianer: Paulo → Freire und Augusto → Boal.

Theater war der Landbevölkerung ein vertrautes Medium für soziale Auseinandersetzungen. Im TfD werden Elemente des westlichen Theaters und traditionelles afrikanisches Theater vereint. TfD macht die Bevölkerung zu aktiven Teilnehmern im Entwicklungsprozess. Durch Theater sollen ihre Konflikte aufgedeckt und ihre Probleme zum Ausdruck gebracht werden.

Die größte Bedeutung hat TfD in folgenden Ländern: Botswana, Malawi, Swaziland, Lesotho, Sambia, Sierra Leone, Nigeria, Kamerun, Tansania, Kenia und Uganda.

In den ersten Jahren waren die TfD-Projekte hauptsächlich Agitprop-Projekte: ,Creating theatre for the people‘ war das Motto. Von außen Kommende spielten Theaterstücke über Entwicklungsthemen. Diese Projekte hatten Aufklärungscharakter. Die Leitenden waren oft Mitarbeiter internationaler Entwicklungshilfeorganisationen, die meist Sponsoren dieser Projekte waren. Die Dorfbevölkerung war wenig beteiligt. Von ,Creating theatre for the people‘ gab es eine Bewegung zu ,Creating theatre with the people‘. Die Stücke wurden gemeinsam mit den Dorfbewohnern entwickelt und aufgeführt. Auch die Leiter waren immer häufiger Einheimische. Die nächste Bewegung ging in die Richtung zu ,Theatre for Conscientisation‘. Dieses TfD sollte weniger die Dorfbevölkerung über Themen aufklären, als mehr Bewusstsein fördern, um eigenes Verhalten ändern zu können. Alle drei Arten existierten und existieren nebeneinander.

Für die Finanzierung und Organisation der TfD-Projekte sind meist internationale Organisationen wie die WHO oder UNICEF oder regionale Organisationen verantwortlich. Die Projekte werden größtenteils in Workshop-Form von ein paar Wochen durchgeführt. Die Leitung übernehmen in der Regel professionelle Schauspieler, Entwicklungshelfer und Sozialarbeiter aus dem Ausland, in den letzten Jahren jedoch zunehmend auch Menschen aus den jeweiligen Ländern.

TfD ist nicht produkt-, sondern prozessorientiert – ein Prozess, der Themensammlung, Analyse, gruppendynamische Prozesse, Theaterarbeit, Erarbeitung eines Stückes  durch → Improvisation,  Aufführungen  und anschließende Diskussionen beinhaltet. Der Aufklärungsbedarf und die Entwicklungsprobleme werden in Analysen und Diskussionen mit den Dorfgemeinden ermittelt. Die Aufführungen gibt es gewöhnlich in der Sprache der Region; sie haben oft die Ärmsten und die Ungebildeten – oft Analphabeten – als → Zielgruppe.  Hier  ist  meist  Theater  das  einzige Medium der Information und Aufklärung. In vielen Teilen Afrikas liegt der Anteil der Analphabeten bei über 40 %, bei Frauen noch viel höher. Printmedien sind für diese Menschen wenig geeignet; Fernsehen kann kaum, Radio nur gelegentlich empfangen werden. Aus diesen Gründen ist Theater das beste → Medium, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Durch eine anschließende Diskussion werden die Aufführungen und deren Themen besprochen. Ziele sind Aufklärung und Sensibilisierung für bestimmte Themen und Probleme, Förderung eines kritischen Bewusstseins und Mobilisierung für Veränderung von Ansichten und Verhalten, Erkennen und Klärung von Konflikten und Lösung von Problemen. TfD ist ein Bildungsprozess, der die Dorfgemeinden am Prozess beteiligt. Es beinhaltet interaktives Lernen, eine Art von ,Geben und Nehmen‘.

Längst nicht alle TfD-Projekte erreichen ihre Ziele. Die Effektivität eines TfD-Prozesses hängt vom Einfühlungsvermögen der Katalysatoren, der Leitenden der Projekte ab.

Ein großer internationaler Workshop mit Katalysatoren aus allen Teilen der Welt, die in einem kleinen Dorf ein → Experiment machen möchten, ist nicht der beste Weg, ein TfD-Projekt durchzuführen. Viele TfD-Projekte wurden von europäischen Experten wie Ross Kidd, Martin Byram, Andrew Horn, David Kerr, Brian Crow und Michael Etherton organisiert; deren Wissen über Theater, ihre Theatertechniken waren durch ihren europäischen Hintergrund geprägt und ignorierten zum Teil die afrikanischen Theaterformen. Dies kann als eine Form des Neo-Kolonialismus bezeichnet werden. Die internationalen Workshops mit ihren Katalysatoren sind nur kurz in den Dörfern, wobei ihnen wenig Zeit bleibt, die Dorfbewohner, Dorfstrukturen  und  Probleme kennenzulernen.

TfD ist kulturspezifisch. Die Themen sollten nicht von außen hereingetragen werden, sondern sie sollten von innen, von den Dorfbewohnern selber kommen. Dem muss eine Datensammlung und Problemanalyse vorausgehen. Die afrikanischen Entwicklungshelfer sind in einem Labyrinth aus Widersprüchen gefangen. Oft müssen die Katalysatoren einen Spagat zwischen den Interessen der Sponsoren und den Interessen der Zielgruppe machen, denn die Interessen sind nicht immer identisch. Wenn der Sponsor die Regierung des Landes ist, stehen TfD-Projekte oft unter staatlicher Kontrolle.

Viele der Katalysatoren haben einen bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Hintergrund. Oft fällt es ihnen schwer, sich davon zu lösen. Noch häufiger fallen die äußerlichen Symbole ihrer Sozialisation auf, zum Beispiel die Art der Kleidung und ihre Sprache. Auch wenn sie diese Symbole hinter sich lassen und sich frei unter die Dorfgemeinden mischen würden, blieben sie doch immer ein Fremdkörper. Aus diesen Gründen ist es notwendig, dass die Katalysatoren eine Zeit lang mit den Dorfbewohnern zusammenleben, mit ihnen den Alltag teilen, bevor der Workshop beginnt. Die Beziehung zwischen Katalysator und Zielgruppe spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg eines TfD-Prozesses. Er tritt dann ein, wenn die Zielgruppe an dem gesamten Prozess beteiligt ist. Dann animiert TfD Menschen, durch Aktionen ihre Konflikte und Probleme zu lösen.

Breitinger, Eckhard: Theatre for Development. Bayreuth 1994; Deu, Anja: Theatre for Development in Afrika. Diplomarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule. Berlin 2002; Frank, Marion: Aids education trough theatre: case studies from Uganda. Bayreuth 1995; Kerr, David: African Popular Theatre: From Pre-colonial Times to the Present Day. London 1995; Mda, Zakes: When People Play People. Development Communication Through Theatre. Johannesburg, London 1993; Mlama, Penina: Culture and Development. The Popular Theatre Approach in Africa. Motala 1991.

ANJA DEU

Dialog – Prozess und Produkt – Recherche – Theater der Unterdrückten – Theaterarbeit in sozialen Feldern – Werkstatt

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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