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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Theatertherapie

Unter T wird meist verstanden, dass Darstellungs- und Ausdrucksweisen der Bühne auf therapierende Prozesse angewandt werden. „Gemeinsam ist ihnen die szenische Rekonstruktion von Vergangenheit, die Katharsis, und das vorbereitende Einüben von Situationen“ (Petzold 1982, 7). Probe- und Ersatzhandeln im Spiel werden seit Jahrtausenden zur Beeinflussung benutzt (Schamanismus, Mysterienspiel). T ist: (1.) Teil der Psychotherapie (Methode der Persönlichkeitsentwicklung oder zur Entdeckung persönlichen Erlebens); (2.) Sozialtherapie und Pädagogik (Wahrnehmung und Ausdruck erlernen, Gruppenverhalten erproben); (3.) Freizeitangebot (Ästhetisches im Therapiebereich) (vgl. Kern 76f.). Tanzen, Singen und Instrumentenspiel gehören zu den Mitteln: Musiktherapeutische Verfahren (vgl. van Deest) leiten zu Körpertherapien über (vgl. Petzold 1992).

Eine über die Katharsis hinausgehende Theorie und Praxis der T entwickelte zuerst V. L. Iljine 1908 (Moskau). Bis auf die kurze Zeit der Oktoberrevolution blieb das Therapeutische Theater im klinischen Bereich: → Improvisation  innerhalb  einer  Rahmenhandlung soll neurotische Menschen zum Spielen neuer Handlungsmuster leiten. Theater spielt, wer die biographischen Anteile seiner Lebensrolle weitgehend ersetzt durch die re- und projizierende (Selbst-)Darstellung  in  einer  Spielrolle.  Dabei  können → Regie oder Therapie leiten: Die ästhetische und/oder therapeutische Rückmeldung oder Analyse und Kritik liefern Ansätze für die → Inszenierung. Wird beim situativ-szenischen Handeln die Erwi(e)derung (Spielpartner oder Zuschauer) nicht nur zum Hilfsmittel, sondern zur Berührung, dann erst wird das → Spiel wahrhaftig-dialogisch. Spielen: (1.) für imaginierte Partner wirkt monologisch; (2.) mit realen Partnern und aus ihnen wirkt dialogisch; (3.) der Rollenerwartungen anderer wirkt scheindialogisch; (4.) der eigenen Rollenerwartungen wirkt scheinmonologisch. Jede dieser Formen kann therapierende Sekundär- und Primärfunktion erfüllen.

Leben  therapierend  inszenieren:  Im → Psychodrama Jacob Morenos  wird  die  Lebenswelt  als  Bühne verstanden. Urszene ist die totale Verbundenheit intrauteriner Entwicklung. Trennungserfahrungen entstehen aus traumatisierenden Brutpflegepraktiken. Rollenzuschreibungen und Rollenverkörperungen konstituieren eine Identität der Person aus Leib und Szene in der Zeit. Bei ähnlichen Lebenssituationen werden vergessene Szenen (unbewusst) reaktualisiert zu ,vitaler Evidenz‘. Die Neu-Inszenierung einer ,Alternativerfahrung‘ als Konfliktlösung sichert ein neues Handlungsmuster: „[…] diese Aufrollung des Lebens im Schein […] bestätigt den Satz: jedes wahre zweite Mal ist die Befreiung vom ersten“ (Moreno 77). Entscheidend ist die Szenenfolge, ihr Sinnbezug im Lebenslauf. Achtsames Wahrnehmen von Kleinigkeiten (z. B. regressiver Stimmklang) holt Szenen in die Gegenwart. Heutige  Methoden  sind  Doppel-Ich,  Rollentausch, Gestalt-Awareness-Training, Imaginations- und Visualisierungstechniken. TherapeutIn und Gruppe fühlen mit (Sharing), konstituieren die Metaszene im Rück- und Vorgriff. Phasen: Initialisierung (Aufwärmen, Erinnern oder Stimulieren), Aktion (Spielen, Wiederholen oder Explorieren), Integration (Besprechen, Durcharbeiten oder Integrieren, szenisches Verstehen), Neuorientierung (Spielen, Verändern oder Erproben). Ein identifizierendes Ausagieren reinszeniert die Konflikte, macht den Schmerz spürbar, kann Voraussetzung sein für den nächsten Schritt: Ein distanzierendes, gestisches Sprechen stellt die Konflikte und Rollenbrüche dar, ermöglicht eine Neuordnung des Verstehens (Reframing bei Goffman 143ff.).

Theater  therapierend  inszenieren:  „ → Artaud  lieferte uns, durch sein Martyrium, einen leuchtenden Beweis vom  Theater  als  Therapie.“  ( Grotowski  116f.) Artauds expressiv-exploratives Theater der Grausamkeit (gegen sich selbst!) gibt Grotowski die Methode: leibgebunden, bezogen auf Widerstand und Lust der Spielenden, mit dem Ziel einer aufrichtigen Selbsthingabe, einem ,totalen Akt‘, der in jeder → Geste eine Erfahrung offenbart. Zunächst werden alle Hindernisse (Gewohnheiten) beseitigt, die eigener Kraft und Freiheit im Weg stehen. Regie und Spielende müssen sich im Handeln der anderen wiedererkennen, sich verständigen. Kontrollierte, artikulierte Bloßlegung aller Schichten der Persönlichkeit und Selbstaufgabe führen zu einer Grenzüberschreitung wie in der Liebe, zur Konfrontation mit den Zuschauern, zur Selbsterkenntnis, zur Therapie. Grotowskis Übungen (125–224) sind  in  situative,  personale  Kontexte eingebunden:

„Irgendetwas reizt sie, und sie reagieren darauf: das ist das ganze Geheimnis. Reiz, Impuls, Reaktion“ (Grotowski 207).

Therapie theatralisch inszenieren: „Manchmal nehme ich meine Fehler während des Trainings und komponiere sie in ein Stück Tanztheater mit hinein“ (Weißmann 75).

Alltag therapierend inszenieren: In der Darstellung von Sexualität, Macht und Gewalt in Mustern und Ritualen wird der Alltag  sekundär  therapierend  genutzt (z. B. kompensierendes Imponiergehabe, Autofahrstile).

Theater theatralisch inszenieren: Die autonome Wahrheit der Szene kann als distanziertester Teil eines Reframings (Goffman) genutzt werden, der den Überblick zur Neuordnung der Handlungsweisen ermöglicht: Eine innere Leere schreit nach Füllung durch sinnstiftendes Gestalten in direkter Handlung, Projektion bzw. Übertragung. „Die Schauspieler sollen sagen, was sonst kein Mensch sagt, denn es ist ja nicht Leben. Sie sollen Arbeit zeigen.“ (Jelinek 157) Ein für sich stehendes Theatertheater therapiert nicht-invasiv, nicht-manipulativ, nur aufzeigend, im Sinne gespielter Bibliotherapie.

Heilung theatralisch inszenieren: Die „Konfrontation von maskiertem Alltagsverhalten und authentischem Verhalten auf der Bühne.“ – „Das Abreißen der Lebensmaske“, die Gestaltwerdung „ungelebter Anteile […] heißt […] komplexer und heiler werden“ (Klosterkötter-Prisor).

Der Heil(en)sanspruch des healing übersteigt den einer Therapie, die bestenfalls Privat- und Berufsrollen in die Lebensrolle integrieren kann. Der Traum auf der Bühne illusioniert den Alltag der Rollenzwänge.

Theater mit behinderten Menschen: Es gründet auf besonderen Bedürfnissen, Wahrnehmungen und Fähigkeiten, weicht aber sonst in nichts ab. Das Berliner Theater RambaZamba zielt auf Publikum; Therapie ist Nebenprodukt. → Höhne  beobachtet  bei  geistig  behinderten Menschen dadaistische → Phantasie, gespeist aus „den dünnen Nahtstellen zu ihrem Unbewussten“. Herkömmliche Werte werden „invertiert und parodiert“ (Höhne zit. n. Ruping  75ff.).

Theatertherapeutische Forschung und Lehre: Schöpferische Prozesse können Suchtverhalten ersetzen (Kern 79ff.): Von 46 drogentherapeutischen Einrichtungen boten (1996) 31 Psychodrama und/oder Theaterspiel an. Das Angebot gilt als soziothp. Maßnahme (23), weniger als psychothp. (9). An der FH Ottersberg gibt es das Studium zum Diplom-Kunsttherapeuten auf dem Gebiet des Schauspiels (vgl. Matthies in Ruping 145ff.). An der FH Hildesheim wird Integrative ThP als Studiengang angeboten (vgl. Klosterkötter-Prisor). Beispiel für Methodenintegration: TanzTheaterTherapie (Weißmann) als Bedürfnisbefriedigung nach Leben: Frühkindliche Interaktionen setzen sich in Bewegungsmustern fest, die erneut ausgelebt und beschrieben werden sollen. Von der künstlerisch-spielerischen Darstellung  aus  kann  therapierende  Wirkung   entstehen.

Leitgedanken  (Weißmann  nach Winnicot):  (1.) Beobachten-Beschreiben-Reinszenieren; (2.) Entfalten-lassen der Szene des Selbst; (3.) körperliches Mit-gehen und Bejahen des anderen, bewusstes Mitfließen wie bei der Geburtshilfe. Für Therapierende gilt: „1. Patienten manchmal lieb zu haben wie Babys. 2. Kreatives Leben ist wichtiger als Freiheit von der Neurose“ (Weißmann 28). Aus der Re-Inszenierung „inszenieren wir gerade die Widerstände, die Verdrehungen, die Tricks, die die Patienten zu ihrem Schutz gebrauchen, um genau dahinter ihre Wünsche und Ängste kennen zu lernen“ (Weißmann  41).

Boal, Augusto: Der Regenbogen der Wünsche. Seelze 1999; van Deest, Hinrich: Heilen mit Musik. München 1997; Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. Frankfurt a. M. 1980; Grotowski, Jerzy: Das arme Theater des J. G. Velber 1969; Jelinek, Elfriede: Ich will seicht sein. In: Gürtler, Christa: Gegen den schönen Schein. Frankfurt a. M. 1990; Kern, Albert (Hg.): Theater in der Therapie. Geesthacht 1997; Klosterkoetter-Prisor: Seminarbeschreibung. Symposion 2001. www.fh-hildesheim.de/FBE/FBS; Moreno, Jacob L.: Gruppenpsychotherapie und Psychodrama. Stuttgart 1959; Petzold, Hilarion (Hg.): Dramatische Therapie. Neue Wege der Behandlung durch Psychodrama, Rollenspiel, therapeutisches Theater. Stuttgart 1982; Ders. (Hg.): Die neuen Körpertherapien. München 1992; Ruping, Bernd (Hg.): Theater, Trotz und Therapie. Lingen 1999; Spolin, Viola: Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater. Paderborn 1997; Weißmann, Eva: Tanz, Theater, Therapie.  München 1998.

GABRIEL PTOK

Authentizität – Bibliodrama – Contact Improvisation – Kommunikationstraining – Ritual – Selbsterfahrung

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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