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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Theatersport

Der Engländer Keith → Johnstone entwickelte in den 1960er Jahren den T. Die Begeisterung der Zuschauer bei Wrestling-Veranstaltungen inspirierte Johnstone, die Wettkampfform für das Theater zu übernehmen. In der Auseinandersetzung mit Erzähltechniken entwickelte er im Rahmen seiner Schauspielkurse am Royal Court Theatre in London T-spiele und -übungen und trat mit seiner Schauspielklasse vor ein Publikum. 1971 ging Johnstone nach Kanada und arbeitete als Professor an der University of Calgary. Hier setzte er seine Idee des T (des inszenierten Wettkampfes) in dem von ihm gegründeten Loose Moose Theatre öffentlich vor Publikum um.

Mittlerweile wird T auf der ganzen Welt gespielt. Der internationale, offizielle Ansprechpartner für T ist das International Theatresports Institute in Kanada (www.intl.-theatresports.ab.ca).

T ist ein geschützter Begriff, den nur die Improgruppen für ihre Arbeit benutzen dürfen, die eine Lizenz erworben haben. Mit dieser Lizenz verpflichten sich die Gruppen, T genau in der von Johnstone konzipierten Form durchzuführen. In Deutschland spielen auch Gruppen ohne Lizenz T.

Zwei Theaterteams treten im Rahmen einer Wettkampfinszenierung gegeneinander an und improvisieren abwechselnd und auch gemeinsam um die Gunst des Publikums. Die Akteure erfinden aus dem → Stegreif, inspiriert durch Publikumsvorgaben (knappe Anhaltspunkte wie Spielorte, Gegenstände, Genres, Themen usw.), lebendig und amüsant einmalige Szenen und Geschichten. Die Zuschauer entscheiden nach jeder Spielrunde, etwa durch das Hochhalten von Abstimmkarten, welches Team die Punkte für die beste Umsetzung bekommen soll. Am Ende siegt das Team mit den meisten  Punkten.

T ist neben der Improshow, dem Maestro, der Langform usw. nur eine Form des Improvisationstheaters (Impro). Gerungen wird mit Worten, → Gesten, → Pantomime, mit schnellen Ideen, viel Feingefühl und Kreativität, ohne Kostüm, ohne Kulissen, allerhöchstens mit einem Stuhl und einem Requisit aus dem Publikum. Es ist  ein  assoziatives → Spiel,  in  dem  weder  Darsteller noch Zuschauer wissen, was im nächsten Moment auf der Bühne passiert. T-Szenen sind in der Regel 3 bis 15 Minuten lang. Ein Musiker, oft ein Pianist, gestaltet die Szenen gleichberechtigt mit den Schauspielern.

Theatersportler sind Autoren, Regisseure und Schauspieler in einem. Sie füllen die Figuren und deren Handlungen mit den Impulsen ihrer eigenen Phantasie und schöpfen abhängig voneinander ihre Figuren und den Geschichtsverlauf. Dabei gilt: Je größer die Präsenz, das Erlebnisspektrum und die Ausdrucksmöglichkeiten, die individuellen Bezüge auf Gedanken und  Empfindungen,  das  Wissen  um ,Johnstonsche‘ Geschichtsstrukturen und Improtechniken sind, und je stärker der Mut des einzelnen Schauspielers ist, seine Phantasie einzusetzen, desto farbiger, differenzierter und spannender gestalten sich die improvisierten Geschichten für das Publikum.

Der T-Zuschauer bekommt eine neue Rolle: Er soll wie im Sport anfeuern, applaudieren, buhen und kommentieren.  Der  einer → Improvisation  eigene  ungewisse Ausgang garantiert die Aufmerksamkeit der Zuschauer, denen bewusst ist, dass die Darsteller jederzeit im Spiel, bei dem es keine Probensituation gibt, scheitern können. Zusätzlich weckt das Nennen der Vorgaben das Interesse der Zuschauer, die wissen wollen, was die Akteure aus dem von ihnen zugerufenen Begriff auf die Bühne ,zaubern‘ werden. Die Bewertungsaufgabe (das Abstimmen) vergrößert abermals die Aufmerksamkeit des Publikums. Vielerorts wird das Publikum vor Showbeginn ,aufgewärmt‘ und einige T-Gruppen bitten, bei Gefallen bzw. Nichtgefallen einer Szene nasse Schwämme oder Rosen auf die Bühne zu werfen. Die meisten Gruppen locken einen festen Fankreis immer wieder zu sich ins Theater. Die Stimmung und→ Interaktion,  die  im  T  gewünscht  ist,  nimmt  der Zuschauer als ein besonderes Erlebnis wahr und führt ihn näher an die Ereignisse auf der Bühne heran (vgl. Wellmann).

In Deutschland gründete sich 1988 mit Emscherblut (Dortmund) die erste T-Gruppe. 2001 spielten 60 von den 100 Improgruppen Matches, also T; Tendenz ansteigend. Seit der 1. Deutschen Meisterschaft 1993 organisieren sich die Gruppen formal über die von dem Emscherblütler Bernd Witte ins Leben gerufene ImproLiga, die aber keine Tabellen führt. In der Liga sind professionell- bzw. semiprofessionell arbeitende Gruppen sowie Amateurgruppen zu gleichen Teilen vorzufinden. Das Internet ist neben dem seit 1993 im Quartal erscheinenden Rundbrief das Haupt-Austauschmedium der aktiven Gruppen. Hier (www.buschfunk.de) findet man die Kontaktadresse der Gruppen aus der Impro-Liga, den Impro-Rundbrief, Informationen über Veranstaltungen, Spielformen, Diskussionsforen usw. Anders als z. B. zentralistisch in Frankreich bewerkstelligt in Deutschland die jeweilige Heimmannschaft lokal in Selbstorganisation die Ausrichtungen von Matches, Turnieren oder deutschen Meisterschaften (bis 2001 waren es vier). Beinahe jede Gruppe besitzt ihr eigenes Rahmenformat der Wettkampfinszenierung (z. B. mit oder ohne Schiedsrichter). Der Auffassung, Qualität durch einen vorgegebenen Rahmen mit Schiedsrichtern, die das Publikum erziehen, zu sichern, steht die Meinung entgegen, dass T als künstlerische Gestaltungsform, wenn sie lebendig sein und sich weiterentwickeln will, nicht an nur einer Formatvorlage kleben bleiben kann. Die Vielfältigkeit der neuen Formen in Anlehnung an die Normierung nach Johnstone macht die Qualität des deutschen T aus. Die abweichenden deutschen Spielweisen werden augenscheinlich geduldet, aber von Johnstone nicht gutgeheißen.

Viele der von Johnstone niedergeschriebenen Impro- und Theaterspiele, -Übungen und -Techniken gehören schon längst zum thp Repertoire. Johnstone stellt einen großen Katalog von Möglichkeiten zur Verfügung. Der Bogen reicht von zahlreichen Übungen und Spielen, die sich mit der für das Improvisieren notwendigen Einstellung befassen und die das Geschichtenerfinden (Regeln und Hilfestellungen), die Darstellungsfähigkeit, Präsenz, Spontaneität, → Phantasie, Risikofreude und das Zusammenspiel auf lustvolle Weise trainieren und erklären. Improvisationstheatertechniken wie ,Status‘ und ,das Zuweisen von Eigenschaften‘, um nur zwei zu nennen, sind gute Techniken, um ernsthafte Szenen zu improvisieren bzw. die Beziehungen zwischen den Figuren interessanter und realistischer zu gestalten.

T bietet sowohl den Zuschauern als auch den Darstellern die Möglichkeit, Theater neu zu  erleben.

Andersen, Marianne Miami: Theatersport und Improtheater. Planegg 1996; Johnstone, Keith: Improvisation und Theater. Berlin 1995; Ders.: Theaterspiele. Spontaneität, Improvisation und Theatersport. Berlin 1998; Senft, Haro/Fritzen, Gerald: Wie das Leben spielt. Dokumentarfilm. Video [o. O 1999.]; Vlcek, Radim: Workshop Improvisationstheater. Übungs- und Spielesammlung für Theaterarbeit, Ausdrucksfindung und Gruppendynamik. München 1997; Wellmann, Tina: Formen und Möglichkeiten des Theatersports. Die Betrachtung einer neuen Theaterform in Deutschland. Magisterarbeit im Fach Deutsche Literaturwissenschaft. Universität Hannover. März 1999.

TINA  WELLMANN

Diskotheater – Erzähltheater – Spaß – Sportpädagogik – Zielgruppe – ZuschauSpieler

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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