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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Theaterlied

Das T ist eine Erscheinung des europäischen Theaters. In archaischen und den sich daraus ableitenden Theaterkulturen – auch der griechischen – bilden Musik, Tanz und Wort eine Einheit. Im Gegensatz dazu unterbricht das T den szenischen Vorgang oder ist in ihn eingebettet. Lieder dieser Art finden sich bereits in den  spätmittelalterlichen → geistlichen  Spielen.  Anknüpfungspunkte sind zum anderen die Spielmannslieder der frühen Neuzeit, das frühe Bänkellied oder die Kultur des Lautenliedes im England der Shakespearezeit. In den Anfängen des professionellen europäischen Theater, in der Commedia dell’Arte oder im elisabethanischen Theater folgen die Lieder vielfach folkloristischen Vorbildern oder sind selbst Volkslieder. Sie spiegeln die Kultur des Singens im Alltag. Diese Einflüsse bestimmen auch das T in Deutschland – etwa in den Stücken Goethes, Büchners, auch noch bei Horváth. Die intensivste Reflexion und die Weiterentwicklung des T zum Bühnenlied erfolgt im Umraum des Brechtschen Theaters, nicht zuletzt durch die Mitwirkung bedeutender Komponisten wie Kurt Weill, Hanns Eisler oder Paul Dessau, aber auch unter dem Einfluss des Wedekindschen Brettlliedes, des Kabarettliedes und des Agitprop-Theaters. Vergleichbare Erscheinungen finden sich noch heute – vor allem im → Kinder- und Jugendtheater.

Das T in seiner einfachsten Form ist das szenische Lied. Es wächst unmittelbar aus der szenischen Handlung heraus und ist durch sie motiviert. Es hat situative oder charakterisierende Momente und kann  lyrische, epische oder auch argumentative Züge tragen. Dramaturgisch kann es den Einstieg in eine Szene, ihr Resümee oder auch Höhe oder Wendepunkte markieren. Im Bühnenlied verstärkt sich der Aspekt der Einlage und damit der Unterbrechung szenischer Vorgänge. Der Schauspieler tritt aus dem Geschehen oder sogar aus der Figur heraus und wendet sich dem Publikum zu. Das Lied wird zu einem eigenständigen szenischen Ereignis. Im szenisch arrangierten Liedprogramm wird häufig nur noch gesungen und aus dem Singen heraus agiert. Das T gewinnt hier absolute Dominanz, zugleich verliert es seine dramaturgische und theatralische Qualität als spezifisches Ereignis im Theatervorgang.

Im T tritt der Schauspieler in der Regel nicht als Sänger auf; er singt als Schauspieler. Bestimmend für seine Art zu singen ist das gestische Moment. Der Impuls zum Singen zielt nicht vor allem auf gesangliche Darbietung, sondern ist eine besondere Form der Zuwendung. Das gestische Moment liegt gelegentlich schon in der Komposition selbst: in der melodischen Diktion, im Rhythmus, in der motivischen Struktur, der Harmoniebewegung oder in Vorgaben für Stil und Tonfall des Singens. Das schauspielerische Singen ist somit eine unter anderen Spielarten des Singens. Es braucht  die  Nähe  zum → Gestus  des  Sprechens  und zum Sprechton – nicht zuletzt, um den Widerspruch und den plötzlichen Bruch zwischen Singen und Sprechen im Lied selbst zu realisieren. Die Stimme muss – wie schön auch immer – vor allem lebensecht klingen. Der singende Schauspieler hat damit nicht nur eine andere Motivation als ein klassischer Sänger oder auch ein Schlagersänger, sondern eine andere Professionalität. Die Kluft zwischen dem schauspielerischen Singen und dem klassischen Gesang in der Oper oder auf dem Konzertpodium kann sehr weit sein. Der Bezug zum Chanson, zur Unterhaltungsmusik oder zum Jazz ist deutlich enger. Das hat seine Rückwirkung auf die gesangliche Ausbildung. Stilformen des Kunstgesangs, aber auch des Schlagers, des Jazz oder der Rockmusik, sind für den Schauspieler nicht eigentlich Ausbildungsgegenstand, es sei denn als Gegenstand der Imitation. Das gilt auch für Formen des Singens in thp Zusammenhängen.

Ritter, Hans Martin: Der Schauspieler und die Musik. Berlin 2001.

HANS  MARTIN RITTER

Chorisches Sprechen / Sprechchor – Musikspiele – Musisch-ästhetische Erziehung – Schulmusical – Schuloper

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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