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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Theaterarbeit aus Erfahrung

Erfahrungen in der Theaterarbeit (speziell mit älteren Menschen) meinen selbst Erlebtes, Beobachtetes, Erzähltes und auch Angelesenes. Bei der Erarbeitung von Szenen und Programmen geht es darum, möglichst viel Material in Form von interessanten → Improvisationen, subjektiven Eindrücken und Streitgesprächen zu  bekommen.  Das Wort → Authentizität  taugt  nur mäßig zur Beschreibung der Vorgänge im Probenraum und auf der Bühne, denn meistens sind die Produktionen eine Mischung aus Erdachtem und Erfahrenem. Historischer, politischer oder persönlicher Wahrheitsgehalt sind ebenso wichtig, wie ein unterhaltsames und zugleich spannendes Theaterstück auf die Bretter zu bringen.

Je nach Themenstellung und Programmform sind Erfahrungen in unterschiedlicher Weise gefragt. Beim Blick in die Vergangenheit, z. B. Kriegsoder Nachkriegszeit, Ost-West-Konflikt oder Mauerfall fließen viele biographische Elemente in die Stückentwicklung ein.  Bei  einer → Revue  oder  einem  Nummernprogramm spiegelt sich das Erlebte in zugespitzten Konflikten, Figuren oder Konstellationen. In einer Sciencefiction werden heutige politische wie persönliche Positionen mit viel Phantasie in die Zukunft verlängert. Wie deutlich sich Erfahrungsanteile positiv in einer Produktion ausdrücken, hängt von sehr vielen Komponenten  ab:  Thema,  Genre,  Arbeitsmethode, Leitung, Gruppenkonstellation, Fähigkeiten der DarstellerInnen, organisatorischer Rahmen und eine Portion Glück. Die Kehrseite der Medaille kann ein Überfluss an Erfahrungsmenge sein. Sinnvoll ist es, den Erfahrungsschatz der SpielerInnen als Material zu nehmen und dann für das jeweilige Vorhaben zu bearbeiten.

Das methodische Vorgehen muss variantenreich sein, und zwar im Hinblick auf Arbeitsstrukturen, Gruppenkonstellation und -dynamik, organisatorischen Rahmen, inhaltliche Schwerpunkte, Leitungsstil. Die Steuerung dieser Prozesse ist ein Balanceakt, denn die DarstellerInnen sollen eigene Erlebensbereiche kreativ bearbeiten und durchaus auch für sie brenzlige Themenfelder beackern, aber sie sollen nie den → Spaß dabei verlieren. Diese Begeisterung soll später auch gekonnt über die Rampe gebracht werden können. Aufgabe der Leitung ist es, gleichzeitig flexibel und zielorientiert zu arbeiten sowie abzuwägen zwischen eigenen Stückvorstellungen und den Interessen der Gruppenmitglieder.

Als brauchbar haben sich etwa (beim Theater der Erfahrungen – www.theater-der-erfahrungen.de) solche methodischen ‚Essentials‘ erwiesen:

  • organisatorische Voraussetzungen: geschützter Rahmen, ruhiger Probenraum, klare Leitungsstruktur, übersichtlicher Zeitplan, durchsichtige Finanzierung;
  • Kontinuität und Verlässlichkeit in der Gruppe: Kein hire and fire, sonst kommt man nicht an schwierige Themenfelder heran;
  • kreatives Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis: konzipieren, ausprobieren, auswerten, weiter konzipieren, ausprobieren, auswerten;
  • Rhythmusbrechung: Für jede Produktion und jede > Gruppe muss ein neuer Zugang entwickelt werden, nie auf den Lorbeeren ausruhen, sondern immer wieder neue Reibungsflächen suchen;
  • Konzentration auf das Theatergeschehen: Nicht zu viel Platz geben für die Besprechung von Gruppendynamik;
  • Leistungsdruck nur in Maßen: Produktionen erst dann in die Öffentlichkeit bringen, wenn alle SpielerInnen dahinterstehen

Bittner, Eva/Kaiser, Johanna: Graue Stars. Freiburg 1996; Wartemann, Geesche: Theater der Erfahrung. Hildesheim 2002.

JOHANNA KAISER / EVA BITTNER

Altentheater – Projekt – Recherche – Spielleitung – Zielgruppe

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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