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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Text und Autoren

Das Verhältnis von Autoren und ihren Texten einerseits und dem Theater andererseits stellt sich in seiner Geschichte von Zeit zu Zeit als problematisch, mitunter als kontrovers dar. Immer wieder versucht das Theater, die Fesseln des Textes abzustreifen, sich von der Literatur zu emanzipieren und seine eigenständig schöpferische, nicht nur reproduzierende und interpretierende Position zu behaupten. Als Ausdruck dafür kann heute im professionellen Theater der Trend zur ,Dekonstruktion‘ tradierter Theatertexte gewertet werden. Castorf, Marthaler, Kriegenburg sind Namen, die dafür stehen.

Zugleich mit dieser Entwicklung ist jedoch eine intensive Autorenförderung durch die Theater zu beobachten. Kaum ein Theater, das sich pro Spielzeit nicht mit einer Uraufführung schmückt. Auf verschiedensten Veranstaltungen werden neue Stücke vorgestellt: Heidelberger Stückemarkt und Bonner Biennale sind als prominente Beispiele zu nennen. Jedoch nur ein geringer Teil der präsentierten Stücke findet seinen Weg  ins Repertoire.

Dass die fachgerechte Herstellung von Theatertexten auch gelehrt werden kann, ist eine Erkenntnis, die sich relativ spät, zumindest im Westen Deutschlands, durchgesetzt und auch institutionalisiert hat. Seit den frühen 1980er Jahren unterhält die Hochschule der Künste (heute Universität der Künste) in Berlin eine Autorenwerkstatt, die in den 1990er Jahren zu einem viersemestrigen Studiengang umgewandelt worden ist. Frühe Ergebnisse der Arbeit finden sich dokumentiert in der Zeitschrift Theaterpädagogik vom November 1984. Zur Begründung der Notwendigkeit solcher Ausbildung heißt es: „Der für das Theater schreibende Autor übt in gewissem Sinne einen Theaterberuf aus“ (3) und deshalb müsse er auch die Gegebenheiten des Theaters kennen(-lernen). Solch eine Bemerkung, die fast wie eine Entschuldigung klingt, legt Zeugnis ab für das komplizierte Verhältnis des Theaters zu seinen Autoren, wiewohl diese häufig genug selber Theaterleute sind oder waren – angefangen bei Shakespeare über Molière zu → Brecht, → Tabori oder → Fo. Im heutigen→ Kinder -und Jugendtheater ist Volker Ludwig als Leiter und Hauptautor des Grips-Theaters Berlin zu nennen.

Ähnliches wie im Schreiben für das ,Erwachsenentheater‘ ist für das Kinder-und Jugendtheater zu vermerken. Auch hier wird der Autorenförderung und der Stückentwicklung mittlerweile große Bedeutung beigemessen. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet das Frankfurter Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland, das sich seit seiner Gründung, schon mit dem 1. Frankfurter Autorenforum 1969, der AutorInnen-Förderung für das Kinder- und JugendTheater gewidmet hat (vgl. Taube 6). Unter Federführung des Zentrums werden alle zwei Jahre der Deutsche Kindertheaterpreis und der Deutsche Jugendtheaterpreis ausgelobt.

Auch im weit gefächerten Handlungsfeld der ThP wird dem Theatertext zunehmend mehr Bedeutung beigemessen. Dies kommt in Autorenwettbewerben wie Spielbar – neue Stücke für das Amateurtheater der Landesarbeitsgemeinschaft Spiel Berlin (LAG) im Jahre 2000 oder dem Autorenwettbewerb für das Kinder-und Jugendtheater des BDAT (Bund deutscher Amateurtheater) im Jahr 2001 zum Ausdruck. Bei beiden Wettbewerben sind jeweils auch (Amateur-)Theaterverlage (Deutscher Theaterverlag/Impuls Theater Verlag) an der Jury beteiligt.

Die Nützlichkeit des Theatertextes als Autorentext für die ThP findet nicht immer Anerkennung. Für die in den 1970er Jahren aus dem Geiste der (Sozial-) Pädagogik sich entwickelnde ThP, wie auch für die gleichzeitig entstehende ,Freie Szene‘ (,Freie Gruppen‘), gehören Inszenierungsarbeit und Stückentwicklung zusammen. „Was euch wirklich betrifft, könnt ihr auch in eurer Sprache ausdrücken; wenn nicht, müßt ihr es dringend üben.“ ( → Batz u. a. 258) – heißt es in dem weit verbreiteten ,Handbuch für Freies Theater‘ Theater zwischen Tür und Angel. Und dort setzt man mit Pathos fort: „Laßt bloß keine Spezialisten eure Sprache, eure Texte verwalten; die Zinsen sind allemal vergiftet.“ (258f.)

Der Reform- und Theaterpädagoge Martin → Luserke, selbst Autor von Theaterstücken für das → Amateurtheater, formuliert etwas anders: „Eine Spielgruppe sollte sich ihre Stücke also jedesmal wenigstens einigermaßen zurechtdichten.“ (Luserke, Nachwort 1) Und weiter heißt es dort: „Auch inhaltlich kann der Text gemeinsam vorgeformt werden; erst die wörtliche Rede ist dann Meisterarbeit.“ (7) Beim Feinschliff kommt der trainierte Autor mit seiner technischen und künstlerischen Kompetenz zum Einsatz.

Dass der Theater-Autor aktiver Teilhaber des Theaterprozesses ist, ja an seinem Anfang steht, war schon dem Zittauer ,Schulrector‘ und Stückschreiber Christian Weise (1642–1708), der seine Theaterstücke in pädagogischer Absicht schrieb, sehr bewusst: „Die Schule ist ein Schattichter Ort,“ schrieb er, „da man dem rechten Lichte gar selten nahe kömmt.“ Mit Hilfe des Theaters aber könne es gelingen, das Tageslicht der Realität in die Schule hereinzulassen. Und er fährt fort:

„Über diß wie könnte ich einen zukünftigen Cavalier von meiner hand wegziehen lassen / wenn er zwar das Gemüthe mit Lateinischen Gedancken hingegen aber die Zunge mit keiner anständigen Beredsamkeit / viel weniger das Gesichte und den Leib zu keiner Leutseligen Mine disponirt hätte?“ (Weise 114f.) Die körperlich-geistige Auseinandersetzung mit dem Theatertext, seine Umsetzung in Spiel, bilde den ganzen Menschen und gehe über die Entwicklung des rein Kognitiven der Lateinschule hinaus.

Bewusst oder unbewusst stehen manche AutorInnen des professionellen Kinder- und Jugendtheaters in dieser Tradition und verbinden mit ihrer Arbeit ähnliche Ziele. Zielgerichtet und im Auftrag schreiben sie für das Theater mit Kindern und Jugendlichen, wobei die Grenzen zum Theater für Kinder und Jugendliche durchaus fließend sein können. Mitunter bedingt die eine Arbeit auch die andere. Anja Tuckermann (Berlin) oder Wolfgang Mennel (Stuttgart) z. B. arbeiten mit und für Jugendgruppen, entwickeln deren Stoffe und schreiben ihre Theatertexte für sie – und für sich selbst; etwa Mennels Stück Wohin die Reise geht, geschrieben für eine Jugendgruppe von 12 Darstellern. Ein anderes Beispiel: Für eine Klasse von 28 Kindern entwickelte Hans Zimmer einen Theatertext, indem er die Kinder nach ihren Rollenwünschen befragte. Thematisch ging es um Märchen. Die mitspielenden 11–12jährigen wünschten Flaschengeister und Kobolde, Hexe, Fee, Frosch, Prinz und Prinzessin, Ritter und Hofdamen zu spielen. Die folgende Diskussion in der Schulklasse erbrachte den Ort der Handlung, Improvisationen mit den gefundenen Rollen führten zu einzelnen Szenen. Das Stück, das der Autor dann für die Gruppe schrieb und das alle Rollenwünsche erfüllte, hieß Streitsalz und Versöhnungszucker oder Die Insel der Kobolde (unveröffentlicht). „Die praktische Theaterarbeit mit Kindern- und Jugendlichen und das Schreiben dafür waren und sind die besten Voraussetzungen für das Schreiben fürs professionelle Kinder- und Jugendtheater.“ So stellt Zimmer, der in beiden Arbeitsfeldern gleichermaßen arbeitet, den Zusammenhang her (vgl. Taube 166).

Der praktische Arbeitszusammenhang mit der Zielgruppe erbringt also doppelten Gewinn:

Die Spielenden erhalten haltbare Texte. Der Begriff ,haltbar‘ bezieht sich nun weniger auf ihre (Überlebens-)Dauer, die ist kaum zu ermessen, als auf ihre Tragfähigkeit, ihre handwerkliche Substanz und Übertragbarkeit auch auf andere Spielgruppen. Diese liegt in der → Dramaturgie, in starken Situationen, in den offenen oder verborgenen Konflikten und im verknappten → Dialog,  der  dem  Tonfall  der  Spielenden  aber nahe bleibt.

Die Schreibenden recherchieren, sammeln Material, hören und notieren die O-Töne, schreiben aber durchaus ihre eigenen Stücke, die ihnen eigene Literatur. Sie schreiben für die, mit denen sie arbeiten und von denen sie lernen. Aber die Schreibenden schreiben auch aus eigenem Recht und zu eigenem Zweck. So wird der Autor/die Autorin ein starker Partner, vielleicht ein starker Kontrahent der Spielenden. Spannung entsteht zwischen den Spielenden und ihren Erfahrungen, Sichtweisen und Sprachen, die der Schreibende aufschreibt, verarbeitet, baut und formt.

Der Autor kann in der Zusammenarbeit mit der Spielgruppe nicht Sekretär sein. Zwar schreibt er die Texte, wie Tuckermann erzählt, die Jugendliche geschrieben haben im Prozess der Arbeit, auch einmal ab, aber: „Manchmal schreibe ich beim Abtippen einfach einen Satz dazu – als Geschenk. Das wird natürlich entdeckt, gestrichen, geändert, erweitert oder genauso behalten.“ (Tuckermann 87) Mitunter wird der neue, vom Autor vorgelegte Text, so Zimmers Erfahrung, mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. „Das haben wir wirklich selber geschrieben?“ Es ist tatsächlich das Eigene, wenn auch vielleicht auf den dramatischen Kern oder auf die enthaltene Pointe hin zugespitzt. Der Autor folgt den künstlerischen Intentionen der Jugendlichen, er verändert, er unterstützt, er bearbeitet, aber er zensiert nicht.

Autorenarbeit unterscheidet sich von der Arbeit des Theaterpädagogen, auch wenn beide im selben Umfeld tätig sind und ähnliche Ziele verfolgen. Aber der Weg des Autors im Arbeitsfeld der ThP zielt (über Thema, Reflexion von Erfahrungen und Beobachtungen oder über → Improvisation) auf den Text, den es zu finden, den es zu fixieren gilt. Der Text ist die Vermittlungsinstanz, der Verständigungsweg, das Arbeitsmittel, das Werkstück und das Ziel des Autors. Ist dieses Ziel erst erreicht, kann zum Theater zurückgekehrt werden. Der Autor, der vielleicht auch Theaterpädagoge oder Spielleiter ist, beginnt nun mit der szenischen Arbeit. Die Inszenierungsarbeit aber beinhaltet die erneute Prüfung des gerade erst gefundenen Textes auf seine Theatertauglichkeit hin.

Autorenwerkstatt ,Szenisches Schreiben‘. In: Theaterpädagogik, H. 5. Hochschule der Künste. Berlin 1984; Batz, Michael/Schroth, Horst: Theater zwischen Tür und Angel. Reinbek 1983; Hoffmann, Christel/Ziller, Gudrun  (Hg.): Die Luft knurrt und ruft Mut. Ein Lesebuch. Frankfurt a. M. 2001; Luserke, Martin: Ritter Ruthland und der Schrecken von Lüth. Meldorf 1951; Taube, Gerd (Hg.): Stück-Werk 2. Arbeitsbuch. Berlin 1998; Tuckermann, Anja: Jugendliche schreiben. In: Hoffmann u. a., a.a.O.; Weise, Christian: Schauspiel vom Niederländischen Bauer. Stuttgart 1984; Zimmer, Hans: Hinundzurückhansimglück. Berlin 2001; Ders.: Hat’s schon angefangen? Boppard 2002; Ders.: Ratten in der Stadt. Weinheim 2002; Ders.: Wahre Freunde. Berlin 2002.

HANS ZIMMER

Dramaturgie  –  Inszenierung  –  Mitspiel(theater)  – Off-Theater – Recherche – Reformpädagogik – Regie – Schuldrama – Spielleitung

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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