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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Szenische Lesung

Die SL ist eine Veranstaltungsform, in der die Gestaltung eines Themas oder die Bearbeitung von Texten (auch beides) verfolgt wird. Sie kann als Theaterform mit sparsamen Mitteln eingestuft werden, bei der das Auswendiglernen durch die Darsteller nicht erforderlich ist. Gestaltungsfragen und der Adressatenbezug zum Publikum wie auch zu den Darstellern stehen stärker im Vordergrund als bei der ,klassischen Lesung‘. SL haben oft, aber nicht zwingend, einen aktuellen Bezug.

Die SL um ein ausgewähltes Thema eignet sich für eine erfahrungsbezogene Erarbeitung, die eigene Erlebnisse der Teilnehmer zum Ausgangspunkt nimmt. Dadurch kann ein energetischer Bezug zum Thema entstehen, der nachhaltige Entwicklungsmöglichkeiten für die Teilnehmer bewirkt und dessen körperliche Resonanz sich später leichter auf das Publikum überträgt.

Der Bezug zum Thema bekommt ein „vielperspektivisches“ (Koch 117) Spektrum, wenn die Teilnehmer ihren persönlichen Zugang erklären und ihn dann auch aufschreiben. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen können die spätere Lesung schon vorstrukturieren. Auch die ersten beobachtbaren Emotionen eröffnen entscheidende Aspekte für die weitere Arbeit. Die thematischen Auseinandersetzungen, die nach Klärung suchen, bieten den Darstellern von SL gute Anlässe für weitergehende persönliche Erfahrungen. Nach dem Erarbeiten dieser Grundhaltungen sind die Variationen über das Thema wichtig. Überraschende inhaltliche Seiten und unterschiedliche Stimmungslagen können gestaltet werden. Dafür stehen neben den eigenen Texten etwa folgende Textarten zur Verfügung: Literarische Prosatexte, Sachtexte (von Experten, Parteien, Randgruppen usw.), dialogische Texte, lyrische Texte, Lieder und Musik, Werbetexte, Witze und Anekdoten, Interviews und Quellentexte, Filmausschnitte sowie verschiedenes Bildmaterial. Die Raumgestaltung kann die Variationen unterstützen.

Die SL, die sich ausschließlich der Bearbeitung von Texten widmet, konzentriert sich meistens auf einen Autor oder auf sinnverwandte Autoren. Auch dafür gibt es aktuelle Anlässe. SL mit der Konzentration auf literarische Texte sollten im thp Zusammenhang nicht auf den persönlichen Bezug ihrer Darsteller verzichten. Auch wenn die Figuren nicht so umfassend ausgearbeitet sind wie im Theaterstück, so bietet nach Ritter „eine sich differenzierende Erzählhaltung vor allem durch das Einbringen des gestischen Moments in Tonfall, mimischen Details, Gesten, Körperhaltung usw.“ wichtige Deutungsmöglichkeiten. „In verschiedener Hinsicht bewege ich mich bei einer so angelegten Realisierung von Texten in einem Zwischenbereich zwischen Rede und Theater, […] der vor dem Hintergrund des erzählerischen Grundgestus allerdings immer zitiert und ausgewählt und niemals in seiner gewohnten Kontinuität erscheint.“ (Ritter 1987, 69)

Hackel, Elisabeth: Lesebühne der Kulturen in Berlin-Karlshorst. In: Korrespondenzen, 2002, H. 41; Koch, Gerd: Einige ,vermischte‘ Anmerkungen zur Methode der szenischen Lesung. In: 60 Jahre Gesetz für Jugendwohlfahrt 1922– 1982. Bonn 1982; Ritter, Hans Martin: Das gestische Prinzip bei Bertolt Brecht. Köln 1986; Ders.: Szenisches Erzählen. In: Theaterpädagogik, 1987, H. 6; Schwendter, Rolf: Lesetheater. Wien 2002; Wilhelm, Edgar: Die ,szenische Lesung‘ als Theaterform. In: Korrespondenzen, 1998, H.  32.

EDGAR WILHELM

> Dialog  –  Erzähltheater  –  Sprechen  –  Szenische Interpretation

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und des Schibri Verlags
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