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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Szenische Interpretation (DaF)

Verschiedene Varianten der thp Erarbeitung von literarischen Texten sind möglich. Dies ist eine verkürzt dargestellte Variante. – Der Ausgangspunkt der gemeinsamen Erarbeitung ist der Titel des literarischen Textes, ein Klappentext und eventuelle Bilder, zu denen Assoziationen in der Lernergruppe gesammelt werden (advance organizer). Vor dem Hintergrund der lernereigenen soziokulturellen Biographie entstehen Erwartungen an den Text und es wird das Interesse geweckt, sich mit dem Text zu beschäftigen.

Der Text bzw. Textausschnitt (bei längeren Texten) wird als Ganzes gelesen (kursorisches Lesen) und in Gruppen werden in knapper Form die folgenden Fragen für ein erstes Szenengerüst beantwortet: Wer sind die handelnden Personen? Was passiert? Wo und wann spielt die Handlung? In der anschließenden Arbeitsphase suchen die Lernenden in Gruppen arbeitsteilig nach Attributen und Aussagen zu den einzelnen Protagonisten (äußeres Erscheinungsbild, Einstellungen, Haltungen) in dem Text (selektives Lesen). Man achte darauf, dass jeder der Protagonisten mehrfach bearbeitet wird. Die Ergebnisse werden verglichen, eventuell korrigiert oder  erweitert.

In Kleingruppen werden nun nach den Vorgaben Skulpturen von den Protagonisten modelliert. Alle Lernenden betrachten, vergleichen und versprachlichen ihre Wahrnehmungen der Körperhaltungen. Diese Form der Wortschatzarbeit über Körperteile und Körperhaltungen wird i. d. R. als interessant empfunden. Im Anschluss werden Rollenbiographien in der Ich-Form zu den einzelnen Protagonisten geschrieben (Einzelarbeit). Auf dem anschließenden ,heißen Stuhl‘ wird die Rollenbiographie vorgetragen. Alle anderen Zuhörer können Fragen stellen oder auch widersprechen. Rückgriffe auf den Text sind dabei ausdrücklich erwünscht.

Eine weitere Einfühlungsübung besteht darin, Bewegungsabläufe zu inszenieren: sich auf einen Stuhl setzen, wieder aufstehen und zur Tür gehen. Um das Beziehungspotenzial der Protagonisten zu erarbeiten kann man auch Begegnungen (mit und ohne Sprache) durchspielen. Um das szenische Potenzial zu vertiefen, ist es oft sinnvoll, auf die sprachliche Ausgestaltung vorerst zu verzichten.

In Plenararbeit (Halbkreis/,Bühne‘ am offenen Ende) wird das erste Bild gemeinsam entwickelt. Es empfiehlt sich, den gesamten Text in überschaubare Bilder zu gliedern, was für die spätere Gruppenarbeit wichtig ist, um Textaufkommen für die Lernenden begrenzt zu halten. Alle Rollen sind mehrfach besetzt; den Protagonisten werden eindeutige Requisiten zugeordnet, die bei Spielerwechsel weitergereicht werden können. Ausgangspunkt ist wieder das Szenengerüst: wer, wann, wo, was? Der Text ist für das entstehende Bild ein wichtiger Zuträger; individuelle Interpretationen können sofort durch Spielerwechsel (Requisitenwechsel) ausprobiert und gezeigt werden; das endgültige Bild entsteht durch kollektive Aushandlung innerhalb der Gruppe.

Der in Bilder gegliederte Text wird anschließend arbeitsteilig an Kleingruppen gegeben. Ein Regisseur kann eingebaut werden (Textpräsenz). Die Lehrkraft sollte unterstützen, wenn es gewünscht wird. Bei diesem Arbeitsschritt können Wortschatzprobleme auftauchen, da die Arbeit eng am Text verläuft. Über das Erspielen sind sie oft wesentlich leichter zu beheben als durch ein  Wörterbuch.

Bei der sich anschließenden Präsentation (Halbkreis) aller Gruppen wird ein erster Durchlauf des Stückes gezeigt. I. d. R. muss dann noch entschieden werden, ob ein Erzähler gebraucht wird, der die notwendigen nicht-dialogischen Teile übernimmt oder ob und wie diese Teile szenisch dargestellt werden.

In vielen Erfahrungsberichten aus der Praxis werden die positiven Elemente thp Arbeit hervorgehoben; die Verbesserung sprachpraktischer Kompetenz, die Entwicklung interkultureller Kommunikationsfähigkeit und vor allem der Motivationsgewinn beim Fremdsprachenlernen. Trotz dieser positiven Resonanz fehlt es im deutschsprachigen Raum noch immer an thp Didaktisierungen für die Literaturvermittlung im DaF-Unterricht.

Bräuer, Gerd/Strathausen, Carsten: Brechts Kleinbürgerhochzeit. Ein Beispiel für die Arbeit mit dramatischen Texten im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. In: Zielsprache Deutsch, 1995, H. 2; Schewe, Manfred: Fokus Lehrpraxis. Für  einen  integrierten,  dramapädagogischen  Deutsch  als Fremdsprache-Unterricht für Fortgeschrittene. In: Info DaF. Informationen Deutsch als Fremdsprache, 1988, H. 4; Ders. (Hg.): Drama und Theater in der Schule und für die Schule. Beiträge zur Einführung in die britische Drama- und Theaterpädagogik. Oldenburg 1990; Ders.: Fremdsprache inszenieren. Zur Fundierung einer Lehr- und Lernpraxis. Oldenburg 1993; Ders./Wilms, Heinz: Texte lesen und inszenieren. Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund. München 1995.

ELLEN TICHY

Szenische Interpretation

→ Deutsch  als  Fremdsprache  –  Deutschunterricht  – Kreatives Schreiben – Szenische Interpretation – Szenische Interpretation von Musiktheater

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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