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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Starallüren

 

Der Begriff Star ist eine im 19. und 20. Jh. aus dem Englischen übernommene Bezeichnung für gefeierte Bühnen- oder Filmpersönlichkeiten und bedeutet eigentlich Stern, indogermanisch abgeleitet aus dem Wort ster: ,am Himmel Ausgestreutes‘. Der Begriff wurde im Laufe des 20. Jhs. auch auf Spitzensportler, -musiker und -politiker übertragen. Der Begriff Allüren bedeutet im gegenwärtigen Sprachgebrauch soviel wie ,Umgangsformen‘ und kann aus dem französischen Wort allure (Gang, Benehmen) abgeleitet werden. Weitere Wortfelder bilden das Wort aller (gehen) und Allee (Baumgang, -straße). Das zusammengesetzte Wort S hat einen kritisch-ironischen, abwertenden Akzent und bezeichnet ein übertrieben selbstbewusstes, wenn nicht sogar arrogantes Auftreten von Menschen, denen der Status eines Stars eigentlich nicht zukommt.

In der Filmkunst Hollywoods tritt der Schauspielertypus des Stars seit Beginn des 20. Jhs. am deutlichsten hervor. Der Filmstar überstrahlt das arbeitsteilig hervorgebrachte, hochdifferenzierte Filmkunstwerk und wird zum Garanten für den Publikumserfolg. Nach Walter → Benjamin  antwortet  der  Film  auf  das  mit seiner technischen Reproduzierbarkeit einhergehende „Einschrumpfen der Aura mit einem künstlichen Aufbau der personality außerhalb des Ateliers“ (Benjamin 32). Der daraus folgende Starkult erhebt die Schauspieler zu fast mythologischen Figuren, die trotz der fortdauernden Metamorphose in den wechselnden Rollen der Filme eine künstlich-medial erzeugte Identität in der Person des Rollenträgers suggerieren (vgl. Tyler). Die mit einer solchen Personalisierungsideologie verbundene Geschichts- und Biographielosigkeit (vgl. Straschek 9ff.) widerspricht allen Zielsetzungen einer ThP, die im Gegenteil in der → Rollenarbeit und dem Schauspiel die konkrete und produktive Auseinandersetzung der Spieler mit ihrem biographischen und sozialen Material als pädagogischen Prozess in Gang setzen will. Ebenso konträr verhalten sich die sozialen Lernziele  der  ThP  zu  den  Hierarchisierungen  des Starsystems.

Die vielfältige Orientierung identitätssuchender Jugendlicher an den Simulakren des Starkultes haben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno treffend dadurch erklärt, dass Individuation in der Gegenwartsgesellschaft nur als Selbsttäuschung möglich ist: „[…] die Liebe zu jenen Heldenmodellen nährt sich von der geheimen Befriedigung darüber, daß man endlich der Anstrengung der Individuation durch die freilich atemlosere der Nachahmung enthoben sei“ (Horkheimer u.a. 140).

„Klar, diese neue Art ist leichter geworden. Sie könnte ihr Leben, ihr fliehendes, sonst nicht bestehen“ (Bloch 35) stellte Ernst Bloch schon für den sozial entwurzelten Typus des Angestellten der Weimarer Republik fest. Bloch sieht in dem Starkult das individuelle Aufbegehren des lebenden Menschen „gegen die Abhängigkeit und Entwürdigung des laufenden Bandes“ und so bildet er sich „am Film, läßt den Sinn für Gesten zur bloßen Filmperson zusammenschießen“ (ebd.).

Der Starkult, die Orientierung und Projektion individueller Hoffnungen und Selbstentwürfe auf die gefeierten Ausnahmesubjekte der Kulturindustrie bildet also eine ideologische Grundorientierung für die Selbsttäuschungen der Subjekte, die die Praxisformen der Tauschverhältnisse in der Gegenwartsgesellschaft nicht erfolgreich ausfüllen können. Die fehlende Aussicht auf eine Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum wird dabei als Mangel der eigenen Subjektivität interpretiert und dementsprechend als defensiver Idealismus der eigenen Besonderheiten, als Mittel und Schranke kultiviert, die in ihrer individuellen Besonderheit – nach dem Vorbild der Stars – im zwischenmenschlichen Bereich auf Anerkennung drängen.

Schon um der schieren Aufmerksamkeit willen, die sich bei jeder Extravaganz leicht einstellt, verfallen Jugendliche darauf, ihre Allüren zum Siegel ihrer von der Masse abstechenden Lebenshaltung zu machen.

Die ThP muss mit diesen Persönlichkeitskonzepten rechnen, ihre Äußerlichkeit erkennbar werden lassen und ihre Klientel in Arbeitszusammenhänge führen, die gegen die ,Atemlosigkeit‘ der wechselnden Profilierungsmoden das soziale und geschichtliche Subjektsein als Möglichkeit der Selbstdefinition der Individuen im Spiel aufscheinen lassen. Dabei bedient sich die ThP zwangsläufig aber auch der Methoden der → Inszenierung und Aufführung, in denen die Spieler gerahmt und ausgestellt werden. Die damit verbundene Aufwertung und Distinktion der Spieler innerhalb ihrer Milieus führt dabei schnell zu den sog. S, mit denen die Spieler ihre reale Subjektbeschränkung kompensieren. ThP, die produktorientiert auf den vordergründigen Schauwert ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit ihres Milieus ausgerichtet ist, befördert geradezu den Hang zu S. Die ungebrochene Einfügung kulturindustriell assimilierter Muster der Jugendkulturen in die Arbeitszusammenhänge der ThP und die damit verbundene Ausbeutung bereits vorhandener Starimitationsfähigkeiten der Spieler führen zwangsläufig zu den S, die sie ja im Grunde genommen bereits implizieren. Diesem fatalen Effekt einer nach außen erfolgsorientierten ThP liegt selbst wiederum ein Zwangsverhältnis der thp Arbeit zugrunde.

In den Erziehungsinstitutionen der Gegenwartsgesellschaft besteht zumeist ein gewisser Druck, die Erziehungsleistungen der ThP vor Auftraggebern und Mitarbeitern zu dokumentieren. Das Leitbild einer erfolgreichen Dokumentation ist dabei in der Regel immer noch die an professionellen Kulturerzeugnissen orientierte Aufführung. Der pädagogische Negativeffekt der S stellt diese Orientierung grundsätzlich in Frage und sollte die ThP anregen, die Kriterien der Dokumentation ihrer Arbeit neu zu entwickeln. Sie wird dies nicht ohne Widerstand seitens der Klientel und ihrer Auftraggeber leisten können.

Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a. M. 1972; Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt a. M. 1979; Garncarz, Joseph: Die Schauspielerin wird Star. Ingrid Bergman – eine öffentliche Kunstfigur. In: Möhrmann, Renate (Hg.): Die Schauspielerin. Zur Kulturgeschichte der weiblichen Bühnenkunst. Frankfurt a. M. 1989; Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a. M. 1971; Straschek, Günter Peter: Handbuch wider das Kino. Frankfurt a. M. 1975; Tyler, Parker: Mythos und Magie in den Filmen Hollywoods. In: Verband des deutschen Filmclubs e. V. (Hg.): Der amerikanische Film 1930–1939. Berlin 1968.

HANS-JOACHIM WIESE

Amateurtheater – Authentizität – Kinder- und Jugendtheater – Rollenspiel – Zielgruppe

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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