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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Spurensuche

Spuren werden meistens nicht absichtlich hinterlassen. Sie sind scheinbar wertlose temporäre Abfallprodukte vergangener Ereignisse. Der geübte Spurensucher kann die Spuren wie eine geschriebene Information lesen und aus dem Teil (der Spur) auf das Ganze schließen (vgl. Ginzburg). Der Jäger kann aus den Spuren Größe und Verfassung des Beutetieres bestimmen. Der Kriminalist sucht nach diversen Spuren und sichert sie (nimmt ihnen also ihre Flüchtigkeit), um eine Straftat zu rekonstruieren und aus den Indizien mit Hilfe von Zeugen den Straftäter zu überführen. Die Historiker nutzen verschiedene Quellen, um aus ihnen Rückschlüsse auf die Vergangenheit zu ziehen, wobei lange Zeit vor allem dem geschriebenen Wort und der ,großen Geschichte‘ Bedeutung beigemessen wurde. Mit dem veränderten politischen Bewusstsein, schärfte sich in den 1970er Jahren auch in der BRD das Interesse an der Geschichte jener Menschen, deren Lebensrealität bisher nicht oder nur unzureichend dokumentiert worden war: Arbeiter, Frauen, Verfolgte des Nazi-Regimes und andere. Es entstanden Projekte, vor allem auch Geschichtswerkstätten, die damit begannen, Spuren des Alltags- und Arbeitslebens sowie sozialer und politischer Bewegungen in Stadtteilen und vor allem auch in der Provinz (vgl. Lecke) zu suchen und zu sichern. Auch in der Schule und in der Jugend- und Erwachsenenbildung wird S als Methode verstärkt eingesetzt. Dabei geht es darum, Geschichte erfahrbar zu machen, Interesse an regionalen Themen zu wecken sowie generationsübergreifende Kontakte in Gang zu setzen. Während der S kann den Befragten bewusst werden, dass sie selbst historisch gestaltende Menschen sind und ihre subjektiven Erfahrungen auch für andere von objektivem Interesse sein können. Mit erfragter Geschichte setzt sich in der modernen Geschichtswissenschaft die Oral History auseinander, eine Methode, die nicht zwangsläufig an einen bestimmten Gegenstand (Geschichte von unten) gebunden ist. In der ,Oral History‘ spielt das Interview mit Betroffenen, der Bericht über erlebte Geschichte, eine zentrale Rolle. Nachdem sich die/der Fragende in das jeweilige Thema eingearbeitet hat, wird die/der Befragte  durch  Fragen,  Fotos,  Gegenstände, Gerüche, dazu angeregt, sich erinnernd mit der eigenen bzw. der allgemeinen Geschichte auseinander zu setzen. Die Befragten vergegenwärtigen sich im Interview vergangene, möglicherweise längst vergessen geglaubte oder verdrängte Ereignisse. Ihre Haltungen und Sichtweisen des Erlebten können sich im Verlauf des Gesprächs verändern. Dabei ist die/der Fragende nicht  Therapeut  oder  Agitator,  sondern  sozusagen ,Kriminalist‘, der die Spuren eines Lebens sichtbar werden lässt und sie sichert. Dokumentiert wird nicht nur der Inhalt des Gesprächs und dessen typisch assoziativer Verlauf, sondern auch Sprache, Dialekt und Gestik (vgl. Vorländer 131ff.).

S wird in der Schauspielarbeit, vor allem aber auch in der ThP häufig bewusst oder auch unbewusst angewendet. Theater selbst ist eine Art S: Aus einzelnen Spuren einer Figur und einer Geschichte entsteht durch Rekonstruktion ein Ganzes. Der Wirklichkeit entnommene Spuren können für die Entwicklung eines Theaterstückes von großer Bedeutung sein. Diese Spuren können auch der eigenen Lebensgeschichte entnommen, also selbst erinnerte Geschichte sein. Im Gegensatz zum geschichtswissenschaftlichen Interesse an der Objektivierbarkeit des Erzählten, besteht das Interesse des Theaterschaffenden an der S gerade in der Besonderheit des Individuellen, in aller Widersprüchlichkeit.  Verwandte  Methoden  sind:  > Recherche, Benutzung von Quellen (z. B. Briefe, Tagebücher) und die biographische Methode.

Auf der Grundlage der durch Spurensicherung gesammelten Geschichten entstanden verschiedene Theaterprojekte (vgl. Chawwerusch; Praml), in denen Figuren, Themen, Episoden aufgegriffen und künstlerisch gestaltet wurden. Zentrale Themen waren z. B. Faschismus, Minderheiten (Juden, Flüchtlinge, ,Fremdarbeiter‘), Krieg, Wiederaufbau, Arbeiter- und Industriegeschichte, Handwerk, dörfliches Leben, Frauengeschichte, Aus- und Einwanderung, Strukturveränderungen. Diese Theaterproduktionen sprachen ein breites Publikum an, deren Themen ja auch im Stück verhandelt wurden. Häufig wirken in thp Projekten die Interviewer auch als Schauspieler mit.

Als Beispiel für die Umsetzung von S in ein Theaterprojekt sollen hier kurz die Arbeitsschritte für das Stück Starker Duwak (vgl. Chawwerusch) skizziert werden. Das Projekt wurde in dem Großdorf Herxheim (ca. 10 000 Einwohner) bei Landau in der Pfalz durchgeführt, das lange durch Tabakanbau und -verarbeitung geprägt war. Initiiert wurde es durch Chawwerusch, einem vor Ort ansässigen professionell arbeitenden freien Theater.

Projektierung: Es wurde eine Projektgruppe gegründet, die sich mit erlebter Geschichte auseinander setzen wollte. Als Aufgabenstellung setzte sich die Gruppe die Veränderung der Hauptstraße als Ort des öffentlichen Lebens während der vergangenen Jahrzehnte; und zwar festgemacht an der Veränderung der Lebensrealität innerhalb ausgewählter Häuser in dieser Straße (Wirtschaft mit ehemaligem Tanzsaal, ehemalige Synagoge, Rathaus u. ä.).

Spurensuche: Fragestellungen wurden entwickelt und Interviewpartner ausgesucht. Im Interview wechselten sich Alltagsund Familiengeschichte sowie die Beschreibung der Auswirkungen öffentlicher Ereignisse ab. Dabei zeigte sich, dass die Erzählung nicht nur aus heiteren Anekdoten bestand, sondern auch sehr dramatische und bewegende Momente erinnert und teilweise wieder durchlebt wurden. Die Befragungen wurden von jeweils zwei Personen vorgenommen: eine führte das Interview, die andere protokollierte das Ergebnis und Erzählverhalten.

Spurensicherung: Die Gespräche wurden dokumentiert und durch→ Recherche ergänzt. Dabei wurden Informationen beigefügt oder auch Widersprüche deutlich. Die Ergebnisse wurden in der Projektgruppe diskutiert.

Dokumentation: Als erster Schritt der Veröffentlichung wurde eine Ausstellung erarbeitet, in der die Veränderung der Hauptstraße durch Fotos, Gegenstände und Text dokumentiert wurde. Die Besucher der Ausstellung gaben ihrerseits Rückmeldung, ergänzten und kontrastierten die vorhandenen Informationen.

Theaterstück: Nachdem die Finanzierung sichergestellt war, schrieb ein Team aus Theatermachern und Mitgliedern der Projektgruppe aus dem vorhandenen Material ein Theaterstück; ergänzende Interviews wurden geführt. Das Theaterstück wurde mit etwa fünfzig Mitwirkenden inszeniert. Dabei wirkten Mitglieder der Projektgruppe und interessierte Einwohner mit. So war die Probenarbeit auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Das Theaterstück wurde mehrmals mit großem öffentlichen Interesse unter freiem Himmel gezeigt. Darüber kam es wieder zu regen Gesprächen zwischen Zuschauern, die die Geschichten teilweise miterlebt hatten, und Spielern sowie Machern.

Abschluss: Der Prozess des immerhin etwa fünf Jahre dauernden → Projektes  wurde  reflektiert  und  dokumentiert.

Chawwerusch Theater: Starker Duwak; Wasser Weiber weiße Wäsch; Nuff un nunner. Dokumentationen über Theaterprojekte und Spurensuche. Herxheim 1991–1998; Ginzburg, Carlo: Spurensicherung. Sherlock Holmes, Freud, Morelli – und die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. In: Freibeuter, 1980, H. 3 u. 4; Lecke, Detlev (Hg.): Lebensorte als Lernorte: Handbuch Spurensicherung. Reinheim 1983;  Praml,  Willy:  Theater  im  Dorf.  In: Herrenknecht, Stanislawski,  Konstantin Sergejewitsch Albert/Lecke, Detlef (Hg.): Jahrbuch Provinzarbeit 1. München 1981; Vorländer, Herwart: Oral History, mündlich erfragte Geschichte. Göttingen 1990.

WALTER  MENZLAW

→  Authentizität  – Autobiographisches  Theater  – Kultursozialarbeit – Narratives Interview

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