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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Sportpädagogik

S geht auf bildungstheoretisch orientierte Konzepte der Leibeserziehung und der Theorie der Leibeserziehung zurück, die reformpädagogische Erziehungsprinzipien beinhalteten (z. B. ,Natürlichkeit‘) oder/ und einem unveränderbaren Kanon von Leibesübungen nachhingen. Gesellschaftliche Entwicklungen und dynamische Veränderungen des Sports wurden nur wenig aufgegriffen.

Der rapide wachsende Sport wurde den bis dahin in der Leibeserziehung eigenständigen Formen Spiel, Tanz, Gymnastik und Turnen begrifflich übergeordnet (vgl. Bernett). In der Folge wandelte sich die Leibeserziehung und ihre Theorie in Sportwissenschaft und die dazugehörige S etablierte sich als reguläres Studienfach an den Universitäten.

Seit ca. 1980 ist eine Wiederbelebung und Weiterentwicklung bzw. Neuschöpfung der auf Selbstwahrnehmung, Ausdruck, Expressivität, Gestaltung und Darstellung orientierenden Grundformen zu verzeichnen. Der Sport sieht sich mit einer zunehmenden, vielfältigen, auch nicht-sportlichen Bewegungskultur konfrontiert, die ebenfalls in die Bildungsinstitutionen drängt. Hinzu kommen verschiedene, normative sportdidaktische Konzepte wie z. B. der Körpererfahrung und der Handlungsfähigkeit (vgl. Kurz 1977; 2000), die die Frage nach der Bildung in und durch → Bewegung wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken und die Fachdiskussion bestimmen (vgl. Prohl; Beckers). Diese ist eingebettet in den Bildungsdiskurs der Erziehungswissenschaften.

Nach 1990 stehen Sportwissenschaft und S vor der Aufgabe, sich mit den Folgen der Auflösung und Umstrukturierung der Sportwissenschaft aus beiden deutschen Staaten kritisch auseinanderzusetzen. Des Weiteren sehen sie sich in der Rolle, sich an den Universitäten weiter zu etablieren und dem Sport als weltweites Bildungs- und Kulturgut (vgl. Grupe) noch mehr Anerkennung zu verschaffen. Die skeptische S (vgl. Thiele) plädiert in postmoderner Orientierung für eine Perspektivenvielfalt und die aktive Integration neuer Bewegungskulturen.

Unstrittig scheint zu sein, dass der ,Bewegungskompetenz als Bildungsdimension‘ (vgl. Klafki) ein unverzichtbarer Platz in der allgemeinen Bildung zukommt. S versteht sich als die Wissenschaft der Bildung und Erziehung im und durch Sport. S wird in Abhängigkeit des jeweiligen Sport-, Erziehungs-, Unterrichts-, Bewegungs- und Bildungsverständnisses verschieden aufgefasst und ist Teilgebiet von erziehungswissenschaftlicher und sportwissenschaftlicher Forschung. S bezieht sich aber auch konkret auf den Sportunterricht und  ist  im  Kern  als  Sportdidaktik  und  -methodik anzusehen.

Die S ist überwiegend am Schulsport ausgerichtet. Die neuere sportpädagogische Lehre und Forschung bezieht auch angesichts eines wachsenden Bedeutungsverlusts außerschulische und nicht-sportliche Körper- und Bewegungsphänomene und angrenzende gesellschaftliche Bereiche (z. B. Gesundheit) mit ein. Sie steht vor der Legitimationsprobleme einschließenden Aufgabe (vgl. Lenzen) eines umfassenderen Konzepts der → Bewegungserziehung  in  unserer  Gesellschaft und formuliert daher wieder vermehrt bildungstheoretische Fragestellungen mit Blick auf den ganzen Menschen in seiner → Leiblichkeit und Bewegung.

Vermittlungs- und Methodenfragen z. B. im Vereins- oder Leistungssport unterscheiden sich hinsichtlich der Sinngebung des sozialen Lernens oder der Leistungsoptimierung als dominante Handlungsperspektive gegenüber (schul-)pädagogischen Perspektiven (vgl. Ministerium; Kurz 2000). Schon länger wird statt von ,Sport‘ von ,Bewegung, Spiel und Sport‘ gesprochen. Neue, sich verändernde Lebenswirklichkeiten machen die Integration einer zunehmenden Anzahl nicht-sportlicher Komponenten einer vielfältigen Bewegungskultur notwendig. Vermehrter fächerverbindender   Projektunterricht   (Bewegungstheater) wäre – auch unter diesem Gesichtspunkt – zu wünschen.

Wichtige gemeinsame sportpädagogische und thp Problemfelder sind Bildung, Körper- und Bewegungsstudium, Leiblichkeit, Körperlichkeit (vgl. Jurké 1997; 2002), ästhetische Bildung und ihre Theorie (vgl. Hentschel). ,Pädagogische Perspektiven‘ (vgl. Kurz 2000) wie die der Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit, des Körperausdrucks und der Bewegungsgestaltung sind genuin thp und dem Theater immanent. Sie verweisen auf eine offene, erweiterte S, die ästhetische und künstlerische Gestaltungsprozesse integriert.

Neben dieser fachdidaktischen Ebene gibt es weitere Schnittflächen in anthropologischen und kulturwissenschaftlichen Forschungsfeldern  wie  ,Leib‘, → ,Inszenierung‘ und ,Performativität‘.

Einerseits nimmt die S wieder verstärkt das Thema der ästhetischen und aisthetischen Erziehung und Bildung auf. Andererseits ist nach wie vor ein – angesichts der zunehmenden Thematisierung ästhetischer Bildung – dominanter und einengender Sportbegriff (Hochleistungssport) immer weniger zu rechtfertigen, weil damit einseitig Ressourcen in der Sportwissenschaft und S absorbiert werden, mit all seinen problematischen Auswirkungen auf den krisenhaften Schulsport.

S und andere sportwissenschaftliche Teildisziplinen bleiben da problematisch, wo sie funktional-mechanistisch die äußere Seite von Bewegungsprozessen überbetonen und normativen Vorgaben des Hochleistungssports nachhängen. Angemessener wäre, sich der historischen Wandelbarkeit und gesellschaftlichen Verantwortung als bildendes > Medium bewusst zu sein.

Die  Begriffsentwicklung  tendiert  zum  Terminus ,Bewegungs- und S‘. Eine kritische Wiederaufnahme des ,Leibdiskurses‘ in der ThP und S scheint geboten. Eine systematische Nutzung der sportpädagogischen und thp Forschung und der Forschungsergebnisse angrenzender Wissenschaftsbereiche steht noch aus.

Beckers, Edgar: Renaissance des Bildungsbegriffs in der Sportpädagogik? In: Prohl, a.a.O.; Bernett, Hajo: Grundformen der Leibeserziehung. Schorndorf 1965; Grupe, Ommo: Vom Sinn des Sports. Kulturelle, pädagogische und ethische Aspekte. Schorndorf 2000; Hentschel, Ulrike: Theaterspielen als ästhetische Bildung. Über einen Beitrag künstlerischen produktiven Gestaltens zur Selbstbildung. Weinheim 2000; Jurké, Volker: Die Feldenkraismethode, ihr theoretischer Hintergrund und ihre mögliche Bedeutung für die ästhetische Bildung. In: Spectrum Sportwissenschaften, Wien 1997, H. 1; Ders.: Der Körper lügt! Zur Bedeutung der ,Körperarbeit‘ in der Theaterpädagogik. In: Korrespondenzen, 2002, H. 40; Klafki, Wolfgang: Bewegungskompetenz als Bildungsdimension. In: Prohl, a.a.O.; Kurz, Dietrich: Elemente des Schulsports. Schorndorf 1977; Ders.: Pädagogische Perspektiven für den Schulsport. In: Körpererziehung, 2000, H. 50; Lenzen, Dieter: Sport, Bewegung oder was? In: Sportunterricht, 2000, H. 49; Ministerium für Schule, Weiterbildung, Wissenschaft und Bildung NRW (Hg.): Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarschule/Gymnasium/Gesamtschule in NRW  – Sport. Frechen 1999; Prohl, Robert (Hg.): Bildung und Bewegung. Hamburg 2001; Thiele, Jörg: Skeptische Sportpädagogik. Überlegungen zu den pädagogischen Herausforderungen der Postmoderne. In: Spectrum der Sportwissenschaften, 1997, H. 1.

VOLKER JURKÉ

Didaktik – Geschichte der Pädagogik – Geschichte der Sozialpädagogik – Lernen und Theater – Projekt – Reformpädagogik – Rehabilitation –  Tanzpädagogik –  Theatralität

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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