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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Spielleute

Die geschichtliche Entwicklung der S beginnt nicht erst bei den fahrenden Gauklern im frühen Mittelalter. Bereits der antike mimus dichtete, sang und tanzte. Weitere antike Vorfahren der S sind die ioculatores, die Gaukler.

Die S, zu denen Spaßmacher, Dichtersänger, Musikanten, schauspielende Truppen zählen, werden neben ambulanten Gewerbetreibenden, Landstreichern, Bettlern und Zigeunern zum fahrenden Volk gezählt.

In sozialer Hinsicht ist es die Kategorie ‚Nichtsesshaftigkeit‘, unter der die genannten Gruppen subsumiert werden. S, wie auch andere unbehauste, mobile Randgruppen, unterstanden keinem Herrn, was im damaligen, personengebundenen Gesellschaftssystem neben häufiger Armut einer Recht- und Schutzlosigkeit gleichkam.

Dargeboten wurden die Künste vor einfachem Volk auf öffentlichen Plätzen und Jahrmärkten, bei Hofe und zu feierlichen Anlässen der bürgerlichen Patrizier (Hochzeiten). Vielfache Belege von ihren Auftritten sind durch Klagen der Kirche erhalten geblieben. Diese sah in den derb-sinnlichen Vorführungen eine Gefahr für den gottwohlgefälligen, keuschen Lebenswandel. Die bereits im Frühchristentum erfolgte soziale und sittliche Stigmatisierung der S wurde über die Jahrhunderte auf Konzilen und Synoden immer wieder  bekräftigt  und  erneuert.  Im  12.  Jh.  wurde der ,Unehrlichkeitsverruf‘ festgeschrieben (vgl. Schubert 116). Trotz der kirchlichen Verurteilung der S verlangte die städtische und höfische Gesellschaft nach Unterhaltung. Auch Bischöfe und Äbte (meist selbst Abkömmlinge von Adelsgeschlechtern) hielten – ebenso wie weltliche Fürsten – S aus.

Der merkwürdige Widerspruch zwischen Beliebtheit der Vorführkünste und Ablehnung der sie ausführenden S wurde schon vom römisch-christlichen Schriftsteller Tertullian im 2. Jh. aufgezeigt: „Welche Verkehrtheit! Man liebt die Leute und beeinträchtigt sie; man entehrt sie und zollt ihnen Beifall; den Künstler brandmarkt man, seine Kunstfertigkeit hält man hoch. Welch wunderliches Urteil: jemand kommt in Verruf durch das, worin sein Verdienst besteht.“ (zit. n. Bachfischer 7)

Im Spätmittelalter gehören S auch zum Heeresaufgebot: Der Rhythmus erzwingt das Marschieren; laute, lärmende Musik soll Mut machen im Kampf. Die Militärmusik hat hier ihren Ursprung. Mit dem ausgehenden 15. Jh. werden die angesehenen S fester an den Hof gebunden (Hofkantoreien und -kapellen). Die einfachen S werden in den Städten „bedingt Sesshafte“ (Schubert 175), sog. Stadtpfeifer, die temporär und regional mobil bleiben.

S ist ein „Sammelbegriff für fahrende Leute, die vom Unterhaltungsbedürfnis der Menschen leben“ (Schubert 15). Die soziale Spannweite zwischen dem höfischen und dem gemeinen spilman lässt jedoch keine fest umrissene Typisierung zu. Die soziale Einordnung nach der Vorstellung des ständischen Prinzips erscheint allzu vereinfachend. Keineswegs alle fahrenden S waren gesellschaftlich stigmatisiert. Um 1200 tritt der soziale Typus des höfischen S in Erscheinung. Was Lebensform, Kunstfertigkeit und soziale Existenz angeht, ist er nicht zu vergleichen mit den Gauklern auf Jahrmärkten und Bauernhochzeiten. Oswald von Wolkenstein (ritterlicher Herkunft und wohlhabend) führte lange Jahre das Leben eines S. Auch Walther von der Vogelweide verdiente nach dem Tod seines Gönners Friedrich von Österreich als fahrender Dichter und Sänger sein Brot und erhielt 1220 von Kaiser Friedrich II. ein Lehen (vgl. Rump  32f.).

Der Ausdruck S bezeichnet „nicht eine Lebensform, sondern eine Erwerbsform; […] von den Bedürfnissen der höfischen Welt, der Städte und der Dörfer ausgehend, werden die Existenzmöglichkeiten der Mimen, Sänger und Joculatoren im jeweiligen sozialen Kontext verständlich“ (Schubert 152).

Bachfischer, Margit: Musikanten, Gaukler und Vaganten. Spielmannskunst im Mittelalter. Augsburg 1998; Hartung, Wolfgang: Die Spielleute. Eine Randgruppe in der Gesellschaft des Mittelalters. In: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beih. 72. Wiesbaden 1982; Hauser, Arnold: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. München 1975; Rump, Hans-Uwe: Walther von der Vogelweide in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1974; Schubert, Ernst: Fahrendes Volk im Mittelalter. Bielefeld 1995.

SIEGLINDE  EBERHART

Theaterwissenschaft – Volkstheater

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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