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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Schau – und Zeigelust

Sigmund Freud identifizierte die SuZ als Triebstrebungen, die zu uns Menschen gehören und somit Teil unserer conditio humana sind (vgl. Freud). Kleine Kinder geben hiervon Zeugnis, bei ihnen lässt sich zuweilen eine unverkennbare Freude daran beobachten, sich zu zeigen und darzustellen. Sie genießen es, ,aufzutreten‘ und im Mittelpunkt zu stehen; neugierig schauen sie und verlangen Einblicke. Diese kindliche Unbefangenheit währt zumeist nur kurz. Sie wird eingeschränkt und umgeformt mittels einer Emotion, die wir > Scham nennen. Scham kann als eine Gegenmacht, als ein im Individuum wirksam werdender seelischer Damm verstanden werden, der gesellschaftlich nicht tolerierte Äußerungen der SuZ negativ sanktioniert. Sie ist, psychologisch betrachtet, eine Reaktionsbildung auf SuZ.

Exhibitionistische und voyeuristische Strebungen werden in unserer Kultur nur bedingt toleriert, sie werden in der ontogenetischen Entwicklung unterdrückt und/oder in gesellschaftlich legitimierte Bahnen gelenkt. Insbesondere im Bereich der Kultur und Kunst werden zahlreiche Möglichkeiten geboten, der SuZ nachzugeben. So erlaubt das Theaterspiel, (sublimiert) exhibitionistische Impulse auszuleben: Einem Schauspieler ist es erlaubt, im ‚Rampenlicht‘ zu stehen, sich lustvoll zu exponieren und das Publikum mit seinem Schau-Spiel beeindrucken zu wollen. Das Theater ist ein Ort, der einen gewissen Exhibitionismus legitimiert und braucht (ebenso wie es auch von den voyeuristischen Strebungen des Publikums lebt). Es ist ein gesellschaftlicher Raum, der aufgrund seiner Struktur und Funktion vieles erlaubt, was sonst verpönt ist. In diesem Umstand liegt ein großer Reiz, der mehr oder weniger bewusst auch ein Motiv des Theaterspielens sein kann. Das Theaterspielen erlaubt, sich in einer Weise zu verhalten, die einem im wirklichen Leben peinlich wäre oder dort negativ sanktioniert würde. Den Schauspielern bietet die Behauptung Schutz, dass man ja als Schauspieler nicht sich selbst dar- und ausstellt, sondern nur eine vom Autor geschaffene Figur. Das Risiko jedoch, das hiermit verbunden ist, ist die Scham bzw. die Sanktion der Beschämung, die im → Lampenfieber vorweggenommen wird.

SuZ ergänzen und brauchen sich: Zeigelust will Schaulust erregen, Schaulust wiederum möchte etwas gezeigt bekommen/enthüllt sehen, was Befriedigung verspricht. Im Zentrum dieser Dynamik steht das Sinnesorgan Auge bzw. der Blick. Wer gerne Theater spielt, der kann sich (auch lustvoll) der Schaulust des Publikums darbieten. Ein solcher Akteur möchte etwas zeigen, was das Publikum fasziniert und diesem Bewunderung abnötigt. Dies macht deutlich, dass es nicht zuletzt auch um eine narzisstische Gratifikation geht, die gesucht wird: um den Wunsch gesehen zu werden und Anerkennung zu  finden.

Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Bd. 5, Frankfurt a. M.; Schorn, Ariane: Verbotene Blicke, begehrt und gefürchtet. In: Psychosozial. Schwerpunkt Schau-und Zeigelust, 2000, H.  4.

ARIANE SCHORN

Angst und Kunst – Sinnlichkeit

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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