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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Private Moment

Gemeint ist ein möglichst authentisches Spiel, im Sinne lebens-interpretativer und simulativ-psychosozialer Schauhandlungen des darstellenden Subjekts, das die Interaktion   mit   dem   Publikum   einfließen   lässt. Spielende sollen unter den jeweiligen Bedingungen der Szene und den Voraussetzungen der Rollenfigur den inneren Monolog jeweils mit sich, wie den äußeren Dialog mit dem Publikum trainieren. PM ist durch die Arbeiten des amerikanischen Schauspielpädagogen Lee Strasberg, auch the method, bekannt geworden. Hier bedeutet PM einen Trainingskanon spielvorbereitender Konzentrationsübungen für die Bühnenpräsentation. Ziel dieser zeitlich aufwändigen Übungen ist, die Anwesenheit des Publikums zu erspüren und dem auftretenden Präsentationsdruck vorzubeugen und im Sinne der Rollenverabredungen standzuhalten. Nach Strasberg soll diese Übung einen außergewöhnlich intim-persönlichen Moment des Schauspielmenschen so ansprechen, dass dieser/diese mit der jeweiligen Handlung sofort aufhören würde, wenn eine zweite Person den Raum  beträte.

Ein weiteres Arbeitsziel dieser Übungen verlangt vom Spielenden, den Spielzustand des Intim-Persönlichen unverkrampft zu erreichen und einen möglichst ungezwungenen, natürlichen Zugang zur Rollendarstellung zu finden.

Der auch bei erfahrenen SchauspielerInnen bisweilen zu beobachtende Hang zur übertriebenen Darstellung – verbunden mit der Angst, nicht über die sog. Rampe zu kommen – oder andererseits eine nicht gewollte oder eher erzwungene authentische Spielform finden zu müssen, kann so erfahrbar und korrigiert werden. Es sind die absichtlich nach außen tretenden Spielarten unreflektierter Schauspielkonvention, die die method Strasbergs auf diese Weise zu eliminieren sucht. Andererseits ist es nicht Ziel dieses Schauspieltrainings, den Schauspielmenschen als privates Subjekt zu entblößen, sondern die darstellerischen Mittel der dreiseitigen Kommunikation zwischen sich, der Rolle und dem Zuschauer immer wieder neu zu  gestalten.

Strasberg entdeckte, dass ein gewisser psychischer Druck, der häufig durch die Anwesenheit eines Publikums auftritt, ein gezieltes, irritationsfreies Heraustreten des Rollenträgers zur Rollengestaltung empfindlich stören kann. Aus dem Gefühl der Verunsicherung beziehen sich Schauspieler schnell auf bereits vorgedachte Rollenanalysen, Spielweisen, Konventionen und  Intentionen.

PM soll das sog. Blockieren beim Einzelnen entdecken helfen und die Selbstreflexion der Spielenden in Stresssituationen anregen, so dass diese zu eigenen spielerischen Lösungen finden können. Strasberg bewertete die gewohnheitsmäßigen Verhaltensweisen des Privatmenschen ,SchauspielerIn‘ als außergewöhnlich hemmende Momente bei der Suche nach einer adäquaten Rollengestaltung.

Methodisch lassen sich alle Trainingsvarianten des PM als Dispositionsübungen für das darstellende Verhalten verorten, da so entscheidende Arbeitsbegriffe, wie das Sich-Befinden auf der Bühne, die Konzentration, der Zustand von Entspannung und Spannung und die Reflexion der eigenen privaten Gewohnheiten des Schauspielenden, die für das Spiel der Rolle unbrauchbar wären, evaluiert werden  können.

Der gesamte Übungskomplex ist bereits in der russischen  Schauspielpädagogik  u. a.  bei Stanislawski und Wachtangow angelegt und zählt zu den von ihnen bereits zu Beginn des letzten Jhs. eingeführten Arbeitsbegriffen des sog. ,inneren und äußeren Befindens auf der Bühne‘. Die Übungen finden sich jeweils ausgeführt in den Curricula der Studios und dienten der Vorbereitung (Warming Up) zu Rollenproben oder als inaugurierender Bestandteil des gesamten Ausbildungsprozesses. Entsprechend beschreibt Stanislawski die Arbeit des Schauspielers als ein sich selbst reflektierendes Beobachtungsverfahren: „Der Schauspieler lebt, er weint und lacht auf der Bühne, doch weinend und lachend beobachtet er sein Lachen und Weinen. Und in diesem Dazwischen, in diesem Gleichgewicht zwischen Leben und Spiel liegt die Kunst.“ (Stanislawski 279ff.)

Blank, Richard: Schauspielkunst in Theater und Film. Berlin 2001; Hoffmeier, Dieter (Hg.): Stanislawski. Ausgewählte Schriften. Berlin 1988; Hull, Loriane S.: Strasberg’s method as a thaught. Woodbridge 1985; Schauspielhaus Bochum (Hg.): Das Schauspielerseminar Lee Strasberg. Bochum 1978; Simhandl, Peter (Hg.): Stanislawski-Lesebuch. Berlin 1992; Stanislawski, Konstantin S.: Werke, Bd. 1 u. 2. Berlin 1983; Ders.: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst im schöpferischen Prozeß des Erlebens, Bd. 1. Berlin 2002; Strasberg, John: Accidentally on purpose. New York u.a. 1996; Strasberg, Lee: Schauspielen und das Training des Schauspielers. Berlin 1988; Ders.: Strasberg at the actors studio. Tape-recorded sessions. New York u. a. 1991; Ders.: Ein Traum der Leidenschaft. München 2000; Trobisch, Stephen: Theaterwissenschaftliche Studien zu Sinn und Anwendbarkeit von Verfahren zur Schauspieler-Ausbildung. Frankfurt a. M. u. a. 1993; Wachtangow, Jewgeni B.: Schriften. Berlin 1982.

ANDREAS POPPE

Authentizität – Improvisation – Kreatives Schreiben- Mimesis – Rollenarbeit – Rollenspiel – Scham – Schau- und Zeigelust – ZuschauSpieler

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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