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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Phantasie

,Stell dir vor, es sei‘ – und was immer die drei Punkte füllt, es erscheinen aus dem eigenen Repertoire Bilder und Vorstellungen, gebildet aus Erinnerungen und eigener Erfahrung. Eine Grundfunktion der menschlichen Psyche ist die Fähigkeit, innere Vorstellungen in der Form von Bildern und Symbolen zu produzieren, die momentan in der umgebenden Wirklichkeit nicht vorhanden oder wahrnehmbar  sind. Eine Vielfalt von Begriffen versucht dieses Phänomen zu bezeichnen und zu erklären. In der allgemeinen Psychologie wird die Einbildungskraft (vgl. Rubinstein 407ff.) im Zusammenspiel von Wahrnehmung, Gedächtnis und Denken gesehen, die wiederum nicht als einheitliche psychische Kategorien gelten, sondern jeweils als komplexe Erscheinungsformen elementarer psychischer Vorgänge. So gewiss die Bilder unserer P auf Sinneseindrücken basieren, so sicher wirkt diese auf den Prozess der sinnlichen Wahrnehmung ein (selektive Wahrnehmung). Das Gedächtnis ist nicht allein Speicher für Erinnerungen, es gestaltet aktiv Inhalte und Formen früherer Erlebnisse. P bezeichnet insbesondere diesen umwandelnden, neugestaltenden Aspekt der Erinnerung, in dem alle inneren Milieus und psychischen Instanzen wirksam sein können. Aktuelle Gefühlslagen wie Angst oder Hoffnung formen die Gebilde unserer P ebenso wie Wünsche, vitale Interessen und bewusste Handlungsziele. Geht die Nähe zu tatsächlich wahrgenommenen Situationen verloren, spricht man auch von Illusionen, wobei nicht selten mitschwingt, es handele sich um falsche Bilder der Wirklichkeit. Die Bewertung der schöpferischen Leistungen unserer P hängt aber wesentlich vom Kontext und Wertsystem ab. Für den Einzelnen ist sein Vorstellungsvermögen und seine persönliche Sammlung innerer Bilder unverzichtbarer Bestandteil des eigenen Selbst und wichtiges Handlungsregulativ. Auf den Gestaltungstendenzen der P basieren alle gesellschaftlichen Erscheinungen. Die inneren Bilder gewinnen Gestalt in der Außenwelt: durch Sprache in der Literatur, durch die bildende Hand in der Kunst, durch konstruktive Tätigkeiten in der Technik, durch visionäre Programme in der Politik, metaphysische Systeme in der Religion und durch lebendiges Spiel im Theater.

P-spiele sind Übungsformen zur bewussten Gestaltung inneren Erlebens. In pädagogischen und psychologischen Feldern gibt es dazu eine Vielzahl von Übungsangeboten (vgl. z. B. Vopel). Für Kinder wie für Erwachsene gibt es seit alters her Märchen, die Bilder menschlicher Erfahrungen transportieren. Moderne Bildlieferanten sind die Medien, insbesondere das Fernsehen. Aber wie bei den Märchen ist es die Ptätigkeit der Zuhörer und Zuschauer, die aus den technisch übermittelten optischen und akustischen Reizen wieder Bilder und Bildsequenzen zusammenbaut. Aus der psychoanalytischen Sicht Lacans konstituiert sich Subjektivität in der Interaktion von Imaginärem, Symbolischem und dem Realen (vgl. Lacan). Das Imaginäre, die Basis unserer P, bildet sich in der dualen Beziehung zum Anderen, in der relationalen Spiegelung des Ich. Und genau diese Beziehung fehlt, wenn aus elektronischen Signalen Erlebnisse geformt werden. Erst in der zweiseitigen Kommunikation, im Mitteilen vor Zuhörern/Zuschauern mit Rückkanal, wie im Theater, entfaltet sich die regulative Kraft der P, die uns befähigt, das sog. Faktische zu überschreiten und neue Wirklichkeiten zu schaffen.

Evans, Dylan: Einführendes Wörterbuch zur Lacanschen Psychoanalyse. Wien 2000; Lacan, Jacques: Schriften, Bd. 3. Weinheim, Berlin 1994; Rubinstein, S(ergej) L.: Grundlagen der Allgemeinen Psychologie. Berlin 1961; Vopel, Klaus W.: Zwischen Himmel und Erde. Phantasiereisen für Sucher. Salzhausen 2001.

HEINER ZILLMER

Autobiographisches  Theater  –  Beobachten  /  Beschreiben / Bewerten – Entwicklungspsychologie – Magie – Psychodrama – Sinnlichkeit – Zukunftswerkstatt – ZuschauSpieler

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
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