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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Pantomime

Im englischen und französischen Sprachraum werden die Begriffe Mime und P teilweise synonym verwendet, wobei häufig der weiter gefasste Begriff der Mime bevorzugt wird. In Frankreich wird mitunter der Begriff P blanche (Weiße P) benutzt, um den Stil zu bezeichnen, der mit dem stummen, weißgesichtigen Pierrot verbunden ist. Diese Form wird in Deutschland bisweilen auch als ,klassische‘ P (vgl. Hesse u.a. 64) bezeichnet. Die P (griechisch: ,alles nachahmend‘) war allerdings im Verlauf ihrer Geschichte eher eine stilistisch vielfältige Form gestischen und mimischen Spiels mit offenen Rändern hin zu Musik, Tanz, Gesang und Sprache (vgl. Leabhart).

Die P erlebte eine erste Blütezeit in Rom vom ersten vorchristlichen Jh. bis etwa in das fünfte Jh. u. Z. hinein. Starke pantomimische Anteile gab es auch in der Commedia dell’Arte seit dem 16. Jh. In der ersten Hälfte des 19. Jhs. konzentrierte sich die Entwicklung der P im Bereich des Jahrmarktstheaters, insbesondere der Schaubuden am Pariser Boulevard du Temple, die nicht die Erlaubnis zur Aufführung von Sprechstücken besaßen. Von herausragender Bedeutung ist dabei Jean-Gaspard Deburau (1796–1846), der die aus der Commedia-Tradition übernommene Figur des Pierrot auf einzigartige Weise verkörperte.

Der Stummfilm im frühen 20. Jh. beruhte ebenfalls zum großen Teil auf Darstellungskonventionen, die dem Repertoire der P entnommen sind und von Darstellern wie Charlie Chaplin, Buster Keaton u. a. weiterentwickelt wurden (vgl. Rosenstein).

Von besonderer Bedeutung für die Weiterentwicklung der P ist die pädagogische Tätigkeit von Étienne Decroux (1898–1991), der seine Konzeption als mime corporel bezeichnete. Aus seiner Schule ging Marcel Marceau (geb. 1923) hervor, der seinerseits wiederum eine ganze Generation von Pantomimen geprägt hat, teilweise auch Ladislav Fialka (1931–1991) in Prag, der speziell das aus Solisten bestehende Pantomimen-Ensemble des ,Theater am Geländer‘ in Prag aufbaute (vgl. Kaftan). Durch die Lehrtätigkeit des Decroux-Schülers Jean Soubeyran (geb. 1921) fand die P auch in Deutschland weitere Verbreitung und insbesondere durch die praxisnahen Bücher Werner Müllers Eingang in die ThP.

Der Unterricht in P gliedert sich im Wesentlichen in zwei Bereiche: Imaginative Körpertechnik und dramatische Improvisation. Im Bereich der imaginativen Körpertechnik geht es neben anatomischen Aspekten wie Körperhaltung,  Körperachse,  Zentrum  (vgl. Kaftan 1998, 104f.) um die grundlegenden Techniken der Illusionserzeugung: Arbeit mit fiktiven Gegenständen, Flächen und Gegenkräften. „Das Objekt entsteht aus der Geste des Schauspielers heraus.“ (Soubeyran 22) In der dramatischen Improvisation steht die Entwicklung der schöpferischen Persönlichkeit im Mittelpunkt. Sie vollzieht sich in der Auseinandersetzung mit Übungen zur Sinneswahrnehmung, Atmosphäre, Zeit, zu Gemütsbewegungen, Raum und Rhythmus (vgl. ebd. 66ff.).

Die P wird in der ThP zumeist als ein wichtiger Teilaspekt des übergeordneten Themas Körpertheater diskutiert. Das enge Konzept der klassischen P wird dagegen häufig kritisch gesehen. Jacques Lecoq z. B. behauptet, diese Technik sei „eine ‚Sackgasse‘ des Theaters in dem Sinne, dass man sich nur durch Perfektionismus zu retten vermag“ (Lecoq 141). Ein ähnlicher Vorbehalt gegenüber der P findet sich auch bei Hesse/Schlünzen (vgl. 64). Die Bedenken richten sich allerdings vorrangig gegen die Verabsolutierung eines überkommenen Stilideals, bei dem die Gefahr der unkreativen und schablonenhaften Nachahmung bestünde. Die grundlegende Bedeutung von P und Mime für eine vom Körper und seinen Bewegungen ausgehende ThP wird damit nicht in Frage gestellt.

Anger, Marie-Luise: Geometrie der Bewegung. Berlin 1998; Hesse, Ulrich/Schlünzen, Wulf: Theater mit dem Körper. In: BAG Darstellendes Spiel (Hg.): Theater in der Schule. Hamburg 2000; Kaftan, Jiri: Die abgebrochene Epoche der Prager  Pantomime.  In:  Korrespondenzen,  1996,  H.  26; Ders.: Bemerkungen eines Lehrers der Pantomime. In: Vaßen, Florian u.a. (Hg.): Wechselspiel: KörperTheaterErfahrung. Frankfurt a. M. 1998; Leabhart, Thomas: Modern and Post-modern Mime. New York 1989; Lecoq, Jacques: Der poetische Körper. Berlin 2000; Müller, Werner: Pantomime. München 1979; Nickel, Frank Ulrich: Pädagogik der Pantomime. Weinheim 1997; Rosenstein, Hans Georg: Seine Majestät – der Körper. In: Vaßen, a.a.O.; Soubeyran, Jean: Die wortlose Sprache. Zürich 1984.

MICHAEL ZIMMERMANN

Bewegung – Bewegungserziehung – Körpersprache – Körper- und Bewegungsstudium – Leiblichkeit – Statuentheater – Tanzpädagogik

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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