skip to Main Content

Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Narratives Interview

Als Gesprächsmethode in der ThP kann die offene Befragung in Form des biographischen Interviews gewählt werden. Beim NI als Methode der biographischen Forschung und der oral history wird die Frage-Antwort-Struktur aufgelöst. Ausgangspunkt ist die Aufteilung eines Interviews in mehrere Phasen.

In der ersten Phase, Haupterzählung genannt, sollte der Interviewte nicht vorab auf bestimmte Fragen festgelegt werden, lediglich eine zentrale Anfangsthemenstellung soll eine Erzählung des Interviewpartners in Gang setzen. Folglich muss zuerst ein Thema bestimmt werden, das den Befragten dazu bewegt, persönlich erlebte oder von Augenzeugen übermittelte Geschichten zu erzählen. Bei einem biographischen Interview gilt das Interesse der Lebensgeschichte oder es richtet sich auf einen zeitlichen und thematischen Ausschnitt der Biographie des Befragten. Als Grund für das Zusammentreffen wird die Durchführung eines Interviews mit lebensgeschichtlichem Schwerpunkt benannt. Der Gesprächspartner wird vorinformiert, damit Fragen oder Bedenken geklärt werden können. Bei dieser sensiblen Interviewform ist der Beziehungsaspekt zwischen dem Interviewten und dem Interviewer und die Vertrauensatmosphäre von herausragender Bedeutung.

Das Interview wird mit einem Bandgerät aufgezeichnet und vollständig im Original-Ton transkribiert (einschließlich des Einfügens von non-verbalen Äußerungen, etwa Lachen, Pausendauer). Der Interviewte wird angeregt, sich in der Erzählweise an dem beschreibbaren und erzählbaren Zusammenhang der erlebten Ereignisse zu orientieren. Um der Angst des Interviewten entgegenzutreten, dass es sich um eine risikoreiche Vermittlung vertraulicher Informationen oder gar um ein Verhör handelt, sollte ein Leitthema gefunden werden, das der Befragte ohne Bedenken übernehmen kann. Der Erzählanstoß ist so gestaltet, dass er den Interviewpartner zu einer Stegreiferzählung bewegt. Während der meist länger dauernden Haupterzählung sollte der Interviewer dem Befragten als produktiv zuhörender Erzählpartner gegenübersitzen. Er hat seine Zuhörerrolle (aktiv) auszuüben, aber ohne Weisungen zu geben und er sollte in keinem Fall (bewusst) steuernd auf die lebensgeschichtliche Erzählung einwirken. Und selbstverständlich muss der Interviewpartner schon vorher davon wissen, dass der Interviewer nur mit ,Hm‘ oder mit einem Kopfnicken auf Ausführungen reagiert. Das unterscheidet diese differenzierte Interviewform von in den Medien gesehenen Abfrage-Interviews.

Nachdem der Interviewte die Haupterzählung deutlich abgeschlossen hat, folgen in der zweiten Phase des NI die Nachfragen. Sie sollten der Erläuterung des Sachverhalts und der Motivation zur Fortsetzung einer Erzählung dienen. Durch die Trennung von Erzählungs- und Nachfragephase hat der Interviewer die Möglichkeit, ihm ungenau erscheinende Sachverhalte und Widersprüche zu thematisieren und den Interviewpartner nun dazu zu bewegen, die erzählte Geschichte durch eine ausführliche Darstellung einzelner Punkte zu konkretisieren. Der Interviewer sollte dabei nur ,Wie (kam es)?‘und ,Was geschah (dann)?‘-Fragen, nicht jedoch ,Warum?‘-Fragen oder Einstellungs- und Meinungsfragen stellen. Zur Verdeutlichung einiger Sachverhalte der Lebensgeschichte sollten die Nachfragen immer am vorher schon Erzählten, das beiden bekannt ist, anknüpfen.

Als eine dritte Phase schließt sich die Bilanz als Ergänzung der eigentlichen Interviewkommunikation an. Hierbei wird das Aufnahmegerät abgeschaltet, so dass der Befragte und der Interviewer in ein Alltagsgespräch  zurückkehren können.

In den Gedächtnisprotokollen, die der Interviewer unmittelbar nach den abgeschlossenen Interview-Teilen fertigt, notiert er seine Gefühle und seine Eindrücke über die Person und über die Befragungssituation. Solche in einem Forschungstagebuch zusammengetragenen Wahrnehmungen werden zur Auswertung des Interviews mit herangezogen.

Die erste und zentrale Frage beim NI lautet: ‚Was haben die Befragten erlebt?‘ und dann erst: ‚Was möchten sie bezeugen, was ist ihre Botschaft?‘ Eine ‚Botschaft‘ ist mehr als das, was sich für den Befragten selbst im Fluss des Erzählens als seine Intention herausbildet. Eine ‚Botschaft‘ steckt auch in den Mustern der Erzählung.

Es geht beim NI vornehmlich um einen historisch bestimmten Blick etwa auf eine Altersphase der Befragten und um die Frage der subjektiven und sozialen Integration ihrer Erfahrungen in ihr aktuelles Leben, wobei die Thematisierung von Balancen und Brüchen, Diskontinuitäten und Kontinuitäten großes Gewicht bekommt. Es geht auch um Formen der Selbst(re)konstruktion von Biographien als historischem Phänomen und um einen intergenerativen Dialog, welcher als soziale Praxis das Recht auf eine individuell unverwechselbare Geschichte gegenüber politischer Definitionsmacht würdigt.

Im Erzählen seiner Geschichte kehrt der Erzählende erinnernd in die Vorstellung der Ereignisse zurück und verleiht ihnen im Zuge des Erzählens deren subjektiv biographischen sowie aktuellen Sinn. Erlebnisse, Erfahrungen und Schlüsse schichten sich zu einem Erinnerungsbestand auf, aus dem in der thp Arbeit geschöpft werden kann.

Baacke, Dieter/Schulze, Theodor: Pädagogische Biographieforschung. Weinheim, Basel 1985; Flick, Uwe u. a. (Hg.): Qualitative Forschung. Reinbek 2002; Fuchs, WerNickel, Hans-Wolfgangner: Biographische Forschung. Opladen 1984; Glinka, Hans-Jürgen: Das narrative Interview. Weinheim, München 1998; Gudjons, Herbert/Pieper, Marianne/Wagener, Birgit: Auf meinen Spuren. Das Entdecken der eigenen Lebensgeschichte.  Hamburg  1996;  Hansen-Schaberg,  Inge   (Hg.): ,Etwas erzählen‘. Hohengehren 1997; Hermanns, Harri: Das narrative Interview in berufsbiographisch orientierten Untersuchungen. Kassel 1981; Hof, Christiane: Erzählen in der Erwachsenenbildung. Neuwied 1995; Riemann, Gerhard: Das Fremdwerden der eigenen Biographie. München 1987; Rosenthal, Gabriele: Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Frankfurt a. M. 1995; Schmidt, Birger: Biographieforschung. Spurensicherung auf der Insel Fehmarn – Großeltern als Zeitzeugen. Diplomarbeit. Alice-Salomon-Fachhochschule. Berlin 1993; Ders.: Biographische Selbstreflexion. Ost-West-Paarbeziehungen und die erzählte Geschichte des Lebens. Diplomarbeit. TU Berlin 1998; Schütze, Fritz: Biographieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis, 1983, H.  3.

BIRGER SCHMIDT

Autobiographisches  Theater  –  Dialog  –  Erzähltheater – Kommunikation – Konstruktivismus – Kreatives Schreiben – Recherche – Selbsterfahrung – Spurensuche – Theaterarbeit aus Erfahrungen

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
Back To Top