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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Medien / Medium

Ursprünglich verband man mit einem M eine magisch-kultische Tradition im Sinne der Übertragung spiritueller Kräfte. Reste davon haben sich im Spiritismus erhalten: Ein M garantiert hier den spiritistischen Prozess. Im Theater finden wir eine ähnliche Bedeutung des menschlichen Körpers als einem Ausdrucksmedium. Das Wort Medien, der Plural von Medium, ist heute umgangssprachlich gebräuchlich, um elektronische Apparaturen/Techniken, häufig auch nur das Fernsehen, zu bezeichnen. Der Ausdruck neue Medien markiert dann alle medientechnischen Entwicklungen nach dem Fernsehen – vom Videorecorder bis zum Internet. Die Singularform Medium, vom lat. Medium, der substantivierten Form des lat. Adjektivs medius – ,der in der Mitte befindliche, der mittlere‘ –, etymologisch sehr stark verwandt mit Mitte, steht allgemein für Vermittlung, Mittler, Mittel, aber auch Versuchsperson.

Mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft wird die Pluralform zunehmend für die Benennung der Übertragung von Nachrichten resp. Informationen genutzt. M stehen für Meinungen vermittelnde Einrichtungen, was heute einschließt, dass die öffentliche Meinung alles als M betrachtet, was sie ermöglicht und hervorbringt. Die (mediale) Öffentlichkeit nennt sich selbst Mediengesellschaft. Überdeckt wird mit einem solchen M-begriff der allgemeinere Umstand, dass jede menschliche Beziehung, jeder soziale Kontakt auf den Gebrauch von M angewiesen ist, nur über M funktioniert und aufgrund von M wirklich ist. Denn die Grundstruktur der M ist paradox und tautologisch: Um über M zu sprechen, muss ein M benutzt werden. M setzen M voraus. Ein M selbst kann nicht übertragen werden, sondern dient der Übertragung.

Ein M stellt die Elemente zur Verfügung, die unter bestimmten Formungen einen Laut, ein Schriftzeichen, ein Fernsehbild oder eine Theateraufführung ergeben.

Der moderne M-begriff vereint von vornherein widersprüchliche und heterogene Inhalte. Auf der einen Seite werden – vom Alphabet über den Buchdruck bis zum Computer – M als Vermittler von Kommunikation definiert. Das umfasst sowohl die Speicherung als auch die Übertragung von Informationen. Wichtige Vertreter einer solchen M-auffassung sind u. a. Vilém Flusser, Jacques Derrida und Friedrich Kittler. Dagegen steht ein M-begriff, der alle Technik vom Rad bis zur Digitalkamera unter M verbucht. Diese M-konzeption versteht M als Erweiterung oder Ergänzung von menschlichen Körperteilen und -bedingungen, einschließlich neuronaler Funktionen. Wichtigster Vertreter dafür ist Marshall McLuhan, der in M extensions of man sieht. Vergleichbare Überlegungen finden sich auch in der Anthropologie von Arnold Gehlen. McLuhan ist der Auffassung, dass M technische Artefakte sind, die es den Menschen ermöglichen, ihre Umwelt aufgrund von M als eine soziale Wirklichkeit erlebbar, erfahrbar und kommunizierbar zu machen.

Zwei grundsätzliche Konzepte von M können aus diesen Annahmen gezogen werden: M sind – Wittgenstein paraphrasierend – aus einer anthropologischen Sicht alles, was der Fall ist, denn für Menschen kann alles zum Träger von Sinn resp. Bedeutung werden und somit ein M im Sinne von ,ein Mittler sein‘. Aus einer sozialen Dimension sind M dagegen all jene Sachverhalte, Tatsachen oder Techniken, die Sozialität zwischen Menschen herstellen und reproduzieren und damit Kultur ermöglichen. Das können M, weil sie a priori für Menschen Informationen (Sinn) ,transportieren‘ bzw. enthalten. M generalisieren, was sie kommunizieren sollen, weil in ihrer Verwendung stets ein produziertes Verständnis reproduziert wird und nicht jeweils neu ausgehandelt werden muss. Das würde jede soziale Evolution ausschließen bzw. blockieren. M sind anthropologisch Mittel der Welterzeugung und der menschlichen Handlungsorientierung, andererseits jene sozialen Techniken, die Menschen zur Kommunikation benutzen (natürliche Sprache, den eigenen Körper) und erfinden (Schrift usw.). Dabei umfasst und bestimmt der kommunikative Aspekt den anthropologischen. M sind letztendlich immer Kommunikationsmittel, Mittel zur Herstellung einer sozialen Ordnung bzw. von sozialen Systemen. Was Menschen sind, sind sie durch Anschluss an und Gebrauch von M, weil  M  ihnen  die  Teilnahme  an  Kommunikation und damit an Vergemeinschaftung ermöglichen. Menschliche Lebewesen als soziale und kulturelle Wesen sind daher selbst ,mediale Ereignisse‘ (vgl. Hörisch). Erst die Benutzung von M gestattet die Produktion eines kollektiven Wissens; und erst M lassen Handlungskoordination zu, ohne M keine Weitergabe von Wissen. M sind es wiederum, die das kollektive Wissen von Generation zu Generation tradieren. Kulturgeschichte ist aus dieser Perspektive M-geschichte. Die Evolution der M ist eine notwendige und hinreichende Bedingung des Aufbaus immer komplexerer Kulturen. M werden eingesetzt, um ganz bestimmte soziale Wirklichkeiten zu konstruieren. Generell gilt daher, dass M die Strukturen menschlicher Wahrnehmung präformieren und sie damit den Raum einer Kultur festlegen. Die Grenzziehungen einer oralen Kultur verlaufen völlig anders als die literaler Kulturen, was nicht nur durch die Begrenztheit des Speichermediums bei oralen Kulturen der Fall ist, das individuelle Bewusstsein resp. das psychische System eines menschlichen Lebewesens, sondern am Vermögen der menschlichen Stimme selbst liegt. Wirklichkeitskonstruktionen sind in ihrer Struktur von den zu ihrer Herstellung eingesetzten M abhängig. Oralität konstruiert eine andere soziale Welt als die Literalität, durch das Internet  entsteht wiederum  eine  völlig  andere  kulturelle  Realität. Eine  nach  wie  vor  anschauliche  Einteilung  und Definition von M nahm Harry Pross (1972) vor. Er unterschied primäre, sekundäre und tertiäre M. Danach sind primäre M zwischenmenschliche Verständigungsmittel ohne technische Hilfsmittel. Sie sind an den menschlichen Körper gebunden und meinen vor allem die in nonverbale Kommunikation eingebundene mündliche Rede. Unter die ,menschlichen Elementarkontakte‘ fallen nach Pross Körperhaltung, Kopfund Beinstellung, Mimik und Gestik und natürlich die verbale Sprache in der ganzen Breite ihrer Ausdrucksmöglichkeiten bis zum Gesang. Bedingung der Kommunikation ist nur die leibliche Anwesenheit der Sprechenden und Hörenden. Zu den Primärmedien gehören nach Pross auch der Tanz und das Theaterspiel. Theatralität wäre dann eine spezifische Form bzw. Formung von Primärmedien. Primärmedien dominierten in allen Kulturen bis zur Erfindung des Buchdrucks und stellen nach wie vor die elementare Grundlage aller Kommunikation dar. Sekundäre M erfordern technische Mittel, um Kommunikationsangebote zu produzieren. Man benötigt Papier, einen Stift, Druckerschwärze, Leinwand, Farben, Ton, einen Photoapparat usw., um M zu erstellen: Briefe, Bücher, Bilder, Skulpturen, Photographien. Mit den sekundären M löst sich der Sinn und die Bedeutung von den biologischen Trägern der Primärmedien. Während diese an Raum und Zeit gebunden sind, sind jene dabei, den Raum zu überwinden. Tertiäre M erfordern nun sowohl bei der Herstellung und Übertragung wie beim Empfang der Informationen bzw. Nachrichten technische Apparaturen. Grammophon, Kino, Radio und Fernsehen, der PC; in dieser Abfolge ist auch die Evolution der M  erkennbar.

Die Entwicklung der M beginnt mit der Nutzung der menschlichen Stimme zwecks zwischenmenschlicher Verständigung. Gebunden an den Körper, sind es sinnhafte stimmliche Laute, auf deren Grundlage eine soziale Gemeinschaft von biologischen Lebewesen sich als kulturelle Gemeinschaft bilden kann, Mythen und  Rituale  hervorbringt,  ein  Wissen  von  Welt aufbaut und weitergibt. Die Beobachtung und Erklärung von M muss daher bei der Oralität, der Mündlichkeit, der Körperlichkeit beginnen und nicht erst bei der Erfindung der Schrift oder gar des Buchdrucks. Die Mevolution zeigt, dass mediale Innovationen wie zum Beispiel der Buchdruck oder das Fernsehen die vorangegangenen M nicht verdrängen oder einfach löschen können. Diese passen sich vielmehr den ,neuen‘ M an.

,Man spricht wie gedruckt! ‘ Diese Einheit versucht das Wort Multimedialität zu erfassen. Im Fernsehen beobachten wir Gesprächsrunden – ein elektronisches Bildmedium lässt uns an uralter Oralität teilnehmen, wenn wir auf eine Diskette schauen, können wir nicht den gespeicherten Text lesen und eine CD erklingt erst im CD-Player. Das heißt, dass M nur in einem Verbund oder Netzwerk von M auftreten. Die moderne M-landschaft ermöglicht Menschen, medientheoretisch in einem global village zu wohnen. Gegenwärtige Mtechnologien lassen den Erdraum medial auf die Größe eines mittelalterlichen Marktplatzes schrumpfen, wo jeder mit jedem gut erkennbar kommunizieren kann (nicht muss! – im Gegensatz zu der mittelalterlichen Situation).

M brauchen selbst ein zu formendes M. Sie greifen überwiegend auf zwei Formen von Wahrnehmungsmedien zurück: nämlich auf akustische und optische M; haptische oder olfaktorische spielen eine eher untergeordnete Rolle. Die menschliche Stimme benötigt die Luft, Schrift einen Stift und ein Stück Papier, das Theater kommt ohne Körper nicht aus, die Photographie greift auf chemische Stoffe zurück usw. M sind ohne ein bestimmtes M nicht denkbar. M dienen der Kommunikation, sie sind vornehmlich Kommunikationsmittel; sie dürfen aber nicht als nur materielle Hülle oder energetisch-stoffliche Grundlage angesehen werden. Die gravierende Bedeutung der M für die Gesellschaft bzw. Kultur hat McLuhan auf die einprägsame Formel ,The media is the message‘ gebracht. M, nach McLuhan eben jene extensions of man, werden aus seiner Sicht erst dann richtig verstanden, wenn man von ihrem Inhalt absieht und fragt, was sie für eine Gesellschaft funktional und strukturell bedeuten. McLuhan betont den determinierenden Einfluss der M auf die Kultur: ohne Buchdruck keine Reformation und auch keine Erklärung der Menschenrechte, und ohne elektronische M auch kein Zusammenbruch des Staatssozialismus.

Bolz, Norbert: Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse. München 1995; Faßler, Manfred/Halbach, Wulf (Hg.): Geschichte der Medien. München 1998; Faulstich, Werner: Die Geschichte der Medien. 3 Bde. Göttingen 1987ff.; Flusser, Vilém: Medienkultur. Frankfurt a. M. 1998; Hörisch, Jochen: Der Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der Medien. Frankfurt a. M. 2001; Kittler, Friedrich: Grammophon Film Typewriter. Berlin 1986; Leeker, Martina (Hg.): Maschinen, Medien, Performances. Theater an der Schnittstelle zu digitalen Welten. Berlin 2001; McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle – Understanding Media. Dresden, Basel 1993; Merten, Klaus u a. (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994; Ong, Walter J.: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Opladen 1987; Pross, Harry: Medienforschung. Film, Funk, Presse, Fernsehen. Darmstadt 1972; Schanze, Helmut (Hg.): Handbuch der Mediengeschichte. Stuttgart 2001; Schmidt, Siegfried J.: Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur. Frankfurt a. M. 1994.

GÜNTER KRACHT

Geste  –  Interfaces  –  Kommunikation  –  Magie  – Objekttheater  – Theaterhistoriographie

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und des Schibri Verlags
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