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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Kunsttheater

Das aus dem Griechischen abgeleitete Wort Theater bezeichnet als Sammelbegriff alle für Zuschauer bestimmten Darstellungen, dazu gehören Musik, Tanz, Gesang, aber auch Zirkus, Varieté u. ä. Vom Wortsinn her meint es den Platz der Zuschauer (theaomai: schaue!, theatron: Schauspielplatz, Schaustätte; auch mit Raum zum Schauen, Ort des Zuschauens übersetzt). Insofern enthält das Wort schon den Verweis auf die konstitutive Rolle des Zuschauers für das Medium  Theater.  Theater  wird  häufig  mit  dem Schauspiel identifiziert, das traditionell auf einem Drama basiert. So ist Theatertheorie über Jahrhunderte hinweg im Wesentlichen Dramentheorie gewesen und hat sich als eigenständig erst im Zusammenhang mit der Theaterwissenschaft im 20. Jh. etabliert. In der Alltagssprache steht Theater für übertriebenes, effektheischendes, unangemessenes oder unwahrhaftiges Verhalten (‚Mach kein Theater!‘). Theater bezeichnet aber auch den Bau (Theaterarchitektur) und die kulturelle Institution (Gesamtheit des Theaterbetriebs) sowie eine spezielle Kunstgattung. Heute wird es im Rahmen einer zunehmend medienund kulturwissenschaftlich orientierten Theaterwissenschaft als spezielles Medium begriffen.

Theater wird in der Regel ausgehend von der abendländischen Theatergeschichte beschrieben und definiert, wo das Theaterwesen seine größte Spezialisierung und Differenzierung gefunden hat und sich die Entwicklung von den kultischen Ursprüngen bis zur institutionalisierten Form des Stadt- und Staatstheaters gut rekonstruieren lässt. Nicht in allen Kulturen kennen wir als K spezialisiertes und institutionalisiertes Theater. Jedoch ist die lebendige figurative Darstellung ( Mimesis) in unterschiedlichen Ausprägungen offenbar ein transkulturelles Phänomen. Ausgehend von der Kreisform einer potenziellen Einheit von Darstellenden und Zuschauenden sind theatrale Darstellungen Bestandteil ritueller Praxis und als solche häufig verbunden mit Unterhaltungselementen wie Gesang, Tanz, Maskenspiel und Scherz (vgl. Schechner). Die hochspezialisierten Entwicklungen zum K hin sind in Japan (Nô-Theater, Kabuki), China (Pekingoper) und Indien (Kathakali) zu beobachten. Dabei ist die enge Verbindung mit Gesang und Tanz auffällig, die offenbar nur in der europäischen Theatergeschichte (Sprechtheater) aufgelöst worden ist. Inzwischen gilt als erwiesen, dass auch noch die antiken Tragödien gesungene Dichtungen waren. Hier wurde das musikalische Element im Laufe der Entwicklung zum literarisch bestimmten Theater akzidentiell, während die asiatische Schauspielkunst noch heute wesentlich auf Musik und Rhythmus basiert.

In allen Kulturen findet man den runden Tanzplatz als Ort ritueller und darstellender Praxis, der sich in der jeweiligen Entwicklung hin zum K in unterschiedliche Bühnenformen transformiert, die jeweils das Verhältnis von Spielenden und Zuschauenden strukturieren und gestalten. Theateraufführungen finden im Rahmen von Festen oder aus dem Alltag herausgehobenen Feierlichkeiten kultischen Charakters statt. Der Versammlungs- und Festcharakter lässt sich auch heute noch an den meisten institutionalisierten Theaterveranstaltungen (Festivals und Festspiele) bis hin zu bestimmten Kleidungsgewohnheiten feststellen.

Als Ursprung des abendländischen Theaters wird das antike Griechenland begriffen, wo es eine vierfache Bestimmung erfährt als: Festspieltheater, Dionysoskult, Massentheater und Freilichttheater. Die Bühne des antiken griechischen Theaters war ursprünglich der Platz vor dem Tempel des Dionysos, auf dem sich im Zentrum auch die Opferstätte befand. Die Römer trugen schließlich mit der Entwicklung der Gewölbearchitektur zur endgültigen Ablösung von den in der Natur befindlichen Kultstätten bei. Die zunehmende Trennung von Bühne und Kultstätte ging einher mit der Literarisierung des Dramas. Die sprachliche Mobilität entsprach der räumlichen. Auch die geistlichen Spiele des Mittelalters fanden zunächst im sakralen Raum statt, bevor sie sich auf weltliche Märkte und Plätze erstreckten. Erst zusammen mit den festen Theaterbauten Ende des 16. Jhs. in Europa entstand auch die Guckkastenbühne mit ihrer Trennung von Zuschauerraum und Bühne, wie wir sie aus den neuzeitlichen von  der  Religion  und  dem  Kultus  emanzipierten Theaterformen kennen. Sie markiert die Trennung von Schauspielern und Zuschauern, die schließlich ihren Höhepunkt im psychorealistischen Illusionstheater des 20. Jhs. finden sollte.

Nicht nur die Übergänge vom Ritual zum Theater sind fließend, auch die vom Spiel zum Darstellenden Spiel und schließlich zum Theater. Obwohl gerade im thp Bereich immer wieder auf der Öffnung des Theaters hin zu allen Formen spielerischer, mimetischer, ritueller und alltäglicher Praxis bestanden wird, scheint eine eingrenzende Definition des Theaters als K angebracht. Sie hilft dabei, die prozessorientierte SpielPädagogik von der ThP abzugrenzen und das Verhältnis von Kunst und Pädagogik zu bestimmen (vgl. die praktischen Vorschläge von Christel Hoffmann).

Die einfachste Definition des Theaters ist: Menschen spielen Menschen öffentlich etwas vor. Diese lange gültige Minimaldefinition lässt sich angesichts der neuen Entwicklungen im Theater nicht mehr halten. Theater findet häufig auch ohne Rollenzuweisung  statt,  so  dass  hier  Peter  Brooks  aus  den 1960er Jahren stammende – gerade für die Experimente der freien Theaterszene wesentliche – Definition zutreffend ist: „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.“ (Brook 19) Damit ist den neueren Theaterformen entsprochen, die die Rolle des literarischen Textes einschränken zugunsten der Theatralität.

Theater als Medium vollzieht sich als stillschweigende  Kommunikation  von  Schauspielern  und  Zuschauern. Als Demonstration wird schon von Stanislawski folgende Übung variiert: Ein Spieler sitzt mehrere Minuten auf einem Stuhl auf der Bühne. Er hatte vorher die den Zuschauern nicht bekannte Anweisung erhalten, nichts zu tun als dort ruhig zu sitzen. Die Zuschauer erzählen anschließend, was sie alles ‚gesehen‘,  gefühlt  und  erlebt  haben,  während  sie   dem ‚Schauspiel‘ beiwohnten. Dieselbe Übung wird von Manfred Wekwerth verwendet, um das Wesen eines theatralen Vorgangs zu demonstrieren. Die Übung eignet sich hervorragend, um in die Spezifik der Theaterkunst einzuführen.

In Abgrenzung gegen andere Medien, die auch mit Mitteln des darstellenden Spiels arbeiten (wie Film, Fernsehen), ist für Theater die Gegenwärtigkeit von Produktion und Rezeption, die Einmaligkeit der Kommunikation von Schauspielern und Zuschauern in räumlich-zeitlicher Einheit entscheidend und zwar im selben physikalischen Raum.

Die systematische Behandlung des Theaterbegriffs bereitet heute Schwierigkeiten, da hier sowohl soziologische als auch anthropologische und ästhetische Dimensionen zum Tragen kommen. Auch als K betrachtet kann auf die interdisziplinäre Behandlung nicht verzichtet werden. So basiert es auf der anthropologischen Fähigkeit zur Fiktionalisierung (vgl. Iser) und Darstellung, die offensichtlich in allen Kulturen anzutreffen ist, wenn sie dort auch ihre jeweils unterschiedlichen Ausprägungen erfährt. Die dialogische Spannung des Mediums Theater – dass es sich zwischen zwei Polen, Zuschauer und Spieler, vollzieht – ist gewissermaßen in der anthropologischen Exzentrizität der menschlichen Existenz vorgebildet. Der Mensch ist geradezu als das Wesen zu definieren, das sich selbst zusieht, indem es auf Distanz zu sich gehen kann (vgl. Plessner). Jedes intendierte Darstellungsverhalten (auch die Fähigkeit des Spielens) setzt diese Distanz verbunden mit der Imagination voraus. In der Form des Theaters vollzieht sich diese Betrachtung kollektiv. Theater als institutionalisierte Kunst kann betrachtet werden als Modus, indem sich eine Gesellschaft jeweils selbst betrachtet und reflektiert.

Soziologisch gesehen ist Theater eine Form öffentlichen symbolischen Handelns, das unterschiedliche soziale Funktionen erfüllt (und der Etablierung kultureller Werte und ihrer Bestätigung ebenso wie ihrer Infragestellung dienen kann). In der soziologischen Perspektive ist es kaum möglich, Unterschiede zwischen Ritual, Theater und anderen Formen kultureller Performanz festzumachen. In soziologischer und theaterethnographischer Perspektive bildet das Theater nur einen Pol innerhalb eines Theatralitätskontinuums, das verschiedene Formen kultureller Performanz umfasst (vgl. Balme). Von daher scheint es unabdingbar, Theater als Institution im Hinblick auf ästhetische Maßstäbe zu betrachten.

Die ästhetische Perspektive fragt nicht nach der Indienstnahme und Funktion von Theater, sondern nach den Aspekten, die sich dieser entziehen. Die Spiel- und Wahrnehmungsmodi des Theaters stehen zwar in Wechselwirkung mit gesellschaftlich jeweils ausgeprägten und in Veränderung begriffenen Formen der Wahrnehmung und der Repräsentation, erschöpfen sich aber nicht in dieser Bezugnahme. Ästhetische Distanz betont das Herausgehobensein aus unmittelbaren gesellschaftlichen Bezügen und Funktionen. Sie reklamiert eine andere Form von Wahrheit als sie in den übrigen Wissensdisziplinen und Handlungsfeldern anzutreffen ist.

Theater war bis zur Erfindung und Verbreitung von Film und Fernsehen das einzige Medium sinnlich bewegter Vergegenwärtigung entfernter oder transzendenter Vorgänge. Unzweifelhaft hat es bereits im 20 Jh. als kulturelle Institution an Bedeutung eingebüßt; es wird zum speziellen Medium bestimmter Bevölkerungsgruppen und Schichten, wobei sich in Theaterskandalen immer noch der Anspruch auf Öffentlichkeit und Allgemeinverbindlichkeit der theatral inszenierten und repräsentierten Weltsicht bekundet. Interessant ist gegenwärtig, inwieweit das Theater sich als Medium gegen die anderen Unterhaltungsmedien behaupten kann. Welche Rolle kann ein durch Medienvielfalt, Eventkultur und Probleme der Finanzierbarkeit von Seiten der öffentlichen Hand weitgehend marginalisiertes Theater heute einnehmen? Im Rahmen dieser Fragestellung erhält die Frage der Abgrenzung des K von anderen Formen der Theatralität erhöhte Brisanz,  wird  doch  hier  seine Existenzberechtigung formuliert.

Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double. Frankfurt 10. M.. 1969; Balme, Christopher: Einführung in die Theaterwissenschaft. Berlin 1999; Brook, Peter: Der leere Raum. Möglichkeiten des heutigen Theaters. München 1975; Burkert, Walter: Griechische Tragödie und Opferritual. In: Ders.: Wilder Ursprung. Opferritual und Mythos bei den Griechen. Berlin 1990; Fischer-Lichte, Erika: Geschichte des Dramas. 2 Bde. Tübingen 1990; Freud, Sigmund: Psychopathische Personen auf der Bühne. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 10. Frankfurt a. M. 1982; Gadamer, Hans-Georg: Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel, Ritual und Fest. Stuttgart 1977; Greiner, Bernhard: Die Komödie. Tübingen 1992; Grotowski, Jerzy: Für ein armes Theater. Zürich, Schwäbisch Hall 1986; Hoffmann, Christel: Die Rolle des Spielleiters. In: Dies./Israel, Annett (Hg.): Theaterspielen mit Kindern und Jugendlichen. Weinheim, München 1999; Iser, Wolfgang: Das Fiktive und das Imaginäre. Frankfurt10. M. 1991; Lehmann, Hans-Thies: Postdramatisches Theater. Frankfurt a. M. 1999; Meier, Christian: Zur Funktion der Feste in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. In: Haugh, Walter/Warming, Rainer (Hg.): Das Fest. München 1989; Meyer, Petra Maria: Theaterwissenschaft als Medienwissenschaft. In: Forum Modernes Theater, Bd. 12/2. Tübingen 1997; Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Stuttgart 1952; Plessner, Helmuth: Die Frage nach der Conditio humana. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8: Conditio humana. Frankfurt a. M. 1983; Schechner, Richard: Theater-Anthropologie. Spiel und Ritual im Kulturvergleich. Reinbek 1990; Schramm, Hilmar: Theatralität und Öffentlichkeit. Vorstudien zur Begriffsgeschichte von ,Theater‘. In: Barck, Karlheinz u. a.: Ästhetische Grundbegriffe. Studien zu einem historischen Wörterbuch. Berlin 1990; Simhandl, Peter: Bildertheater. Bildende Künstler des 20. Jahrhunderts als Theaterreformer. Berlin 1993; Ubersfeld, Anne: Lire le theatre. Paris 1978; Vattimo, Gianni/Welsch, Wolfgang (Hg.): Medien – Welten – Wirklichkeiten. München 1998; Wekwerth, Manfred: Schriften. Arbeit mit Brecht. Berlin 1973.

INGRID HENTSCHEL

Bühnenbild  –  Bühnenräume  –  Circus  /  CircusDidaktik – Darstellende Kommunikation – Dramaturgie – Illusion im Theater – Performance – Tanzpädagogik – Theater als öffentliche Institution – Theaterhistoriographie – Volkstheater – ZuschauSpieler

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