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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Kulturelle Bildung

KB von Kindern und Jugendlichen ist zugleich ein Bestandteil jedes Sozialisationsprozesses und eine Querschnittsaufgabe zahlreicher Politikfelder wie der Schul- und Kulturpolitik. Insbesondere ist KB von Kindern und Jugendlichen als Schwerpunkt der Jugendhilfe/Jugendarbeit im Sozialgesetzbuch (SGB) VIII § 11 Abs. 3 gesetzlich verankert. Sie stellt damit den zentralen übergeordneten Begriff für alle theater- und kunstpädagogischen Angebote dar, soweit sie der Jugendarbeit zuzurechnen sind. Jugendarbeit wendet sich an alle jungen Menschen im Alter von 6 bis 27 Jahren, wird von den Kindern und Jugendlichen freiwillig wahrgenommen und zeichnet sich durch Angebots- und Methodenvielfalt aus. Förderung von individueller Entwicklung, sozialer Verantwortung, Selbstorganisation, allgemeine Bildung, Prävention und Integration sind zentrale Ziele. Die Angebote der Jugendarbeit orientieren sich an der Lebenswelt und den sozialen Räumen junger Menschen. Träger von Jugendarbeit sind Jugendverbände und Jugendinitiativen, freie gemeinnützige und kommunale  Träger.

Jugendarbeit unterscheidet sich von anderen Bereichen der Jugendhilfe und der Sozialarbeit dadurch, dass Kinder und Jugendliche in ihren Stärken, Interessen und Bedürfnissen wahrgenommen und defizitorientierte Zielgruppendefinitionen  vermieden werden.

KB von Kindern und Jugendlichen folgt einem ganzheitlichen Verständnis von allgemeiner Bildung. Sie zielt auf kognitives, emotionales und soziales Lernen mit allen Sinnen. Im Unterschied zur Schule sieht sie ihre Aufgabe weniger zentral in der Vermittlung kognitiven Wissens. Die Orientierung am situativen Kontext und der hohe Rang von Selbstorganisation erfordern eher als der schulische Unterricht ein offenes Curriculum. Bezogen auf die einzelnen kulturellen Gestaltungsbereiche wie Musik, Bildende Kunst, Tanz, Theater oder Medienarbeit ergibt sich, dass diese KB nicht in erster Linie der Vermittlung künstlerischer Fähigkeiten und Fertigkeiten oder der Heranziehung künstlerisch-professionellen Nachwuchses dient, sondern junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Handlungsfähigkeit stärken möchte. Andererseits betont die KB, dass Bildung und Erziehung immer auch ein Bearbeiten von Inhalten und Gegenständen einschließt.

Die Begriffe ,Kultur‘ und ,Bildung‘ eröffnen ein facettenreiches Bedeutungsspektrum. ,Kultur‘ meint sowohl die Gesamtheit der durch Menschen geschaffenen materiellen und immateriellen Artefakte als auch – in soziologisch-ethnologischer Tradition – die unterschiedlichen ,Lebensweisen‘ und – in spezifisch deutscher Tradition – das Feld des vom Alltag unterschiedenen Bereiches der Kunst. Der Begriff der ,Bildung‘ ist sowohl dem humanistischen Ideal von allgemeiner, umfassender Bildung, der sozialistischen Zielvorstellung einer ,allseitig gebildeten Persönlichkeit‘ als auch der Praxis schulischer Wissensvermittlung verbunden.

KB von Kindern und Jugendlichen umreißt damit eine Bandbreite differierender Konzeptionen, die jeweils der Präzisierung hinsichtlich konkreter Ziele, Zielgruppen  und  Methoden bedürfen.

Für Jugendarbeit verbinden sich mit den Begriffen ,Kultur‘ und ,Bildung‘ unterschiedliche, auch widersprüchliche Handlungsentwürfe. Die in der Folge der Jugendbewegung Anfang des 20. Jhs. entstandene musisch-kulturelle Bildung dient besonders der Förderung von Gemeinschaft, z. B. durch gemeinsames Musizieren und Tanzen (,Volkstanz‘). Außerschulische Bildung nach 1945 zielt als politische Jugendbildung auf die Förderung demokratischen Bewusstseins und setzt hierzu auch kultur- und thp Methoden ein. Kulturpädagogik zielt auf die Vermittlung von gestalterischem kunstbezogenen Handlungswissen und entwickelt seit den 1970er Jahren Konzepte der Nutzung künstlerischer Verfahren für pädagogische Zwecke. Soziale Kulturarbeit setzt künstlerische Mittel gezielt für soziale und politische Ziele ein. Unter den Begriffen der Jugendkulturarbeit und kulturelle(n) Jugendarbeit bündeln sich in den 1980er Jahren Bestrebungen, die Offene Jugendarbeit durch profilierte künstlerisch-gestalterische Angebote attraktiver zu machen und auch stilorientierte Jugendszenen angemessen zu fördern. In der gegenwärtigen bildungspolitischen Diskussion um Schlüsselkompetenzen und um die notwendigen Folgerungen aus den Defiziten der Institution Schule bietet die ganzheitlich orientierte KB von Kindern und Jugendlichen vorwärts weisende Perspektiven.

Auf Bundesebene ist das Trägerspektrum dieser KB in der ,Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung‘ (BKJ, www.bkj.de ) organisiert, in zahlreichen Bundesländern bestehen ,Landesvereinigungen Kulturelle Jugendbildung‘ (LKJ).

Bielenberg, Ina/Zacharias, Wolfgang (Hg.): Kultur Jugend Bildung – Kulturpädagogische Schlüsseltexte 1970–2000. Remscheid 2001; Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (Hg.): Kultur Macht Schule – Schule und Jugendkulturarbeit in Kooperation. Remscheid 1997; Engelmann, Jan (Hg.): Die kleinen Unterschiede – der cultural-studiesreader. Frankfurt a. M., New York 1999; Koch, Gerd (Hg.): Kultursozialarbeit. Eine Blume ohne Vase? Frankfurt a. M. 1989; Pleiner, Günter/Hill, Burkhard (Hg.): Musikmobile, Kulturarbeit und populäre Musik. Opladen  1999.

WOLFGANG WITTE

Ästhetische  Bildung  –  Entwicklungspsychologie  – Erlebnispädagogik – Geschichte der Pädagogik – Geschichte der Sozialpädagogik – Jugendclubs an Theatern – Kinder- und Jugendtheater – Lebensbegleitendes Lernen – Projekt

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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