skip to Main Content

Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Konstruktivismus

K wird sowohl als eine Sammelbezeichnung für eine Richtung moderner Kunst, die etwa ab 1910 in Russland entstand, gebraucht, als auch für eine aktuelle erkenntnistheoretische Orientierung. Um diese soll es im Folgenden gehen. Obwohl K insbesondere seit den 1980er Jahren verstärkte Beachtung in Philosophie und Wissenschaft gewonnen hat, lassen sich u.a. bereits bei Philosophen wie Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, bei Psychologen wie Jean Piaget oder bei Soziologen wie Peter L. Berger und Thomas Luckmann konstruktivistische Positionen finden. In den an sozialer Praxis orientierten Wissenschaften wie Pädagogik, Sozialarbeit und Psychotherapie haben insbesondere seit den 1990er Jahren konstruktivistische Positionen zugenommen (vgl. etwa Kersting; Kleve; Reich).

Der K geht von der Prämisse aus, dass wir nie mit der Wirklichkeit an sich umgehen, sondern stets mit Erfahrungswirklichkeiten, die durch biologische, psychische und soziale Kontexte strukturiert werden (vgl. Bardmann u. a. 11). Der K versteht sich als eine Kognitionswissenschaft und ersetzt die erkenntnistheoretische Frage nach den Inhalten oder Gegenständen der Kognition (Erkenntnis, Beobachtung) durch die Frage nach dem Wie der Erzeugung von Erkenntnis und konzentriert sich auf den Erkenntnisvorgang mit seinen Wirkungen und Resultaten; er gilt weiterhin als ein interdisziplinäres Erkenntnisprogramm (vgl. Schmidt). Daher kann nicht von einer einheitlichen Theorie gesprochen werden. Dennoch beziehen sich viele konstruktivistische Arbeiten auf die Systemtheorie, die in gewissen Grenzen eine einheitliche begriffliche Grundlage für konstruktivistische Ansätze bietet. Insbesondere Niklas Luhmann hat eine Theorie entworfen, die unterschiedliche konstruktivistische Ansätze integriert.  Der  Startpunkt  dieser  Theorie  ist  eine Differenz(setzung), und zwar die Unterscheidung von System und Umwelt. Systeme werden dreifach differenziert: in biologische, psychische und soziale Systeme. Aus der Neurobiologie von Humberto Maturana und Francisco Varela hat Luhmann das Konzept der Autopoiesis übernommen, das zum Ausdruck bringt, dass alle drei Systemklassen sowohl die Elemente, aus denen sie bestehen – Zellen (biologische Systeme), Gedanken (psychische Systeme) und Kommunikationen (soziale Systeme) –, als auch die Informationen, die ihnen eine Orientierung in der Umwelt ermöglichen, selber konstruieren. Aus der Umwelt können keine Informationen direkt aufgenommen werden. Umweltprozesse regen biologische, psychische und soziale Systeme jedoch zur Konstruktion von Informationen und damit von Wirklichkeit an. Informationen sind demnach keine objektiven Tatsachen, sondern Unterschiede, d. h. Veränderungen in den Systemumwelten, die zu Unterschieden, d. h. zu Zustandsveränderungen in den Systemen führen können (Bateson). Biologische, psychische und soziale Systeme bilden füreinander jeweils Umwelten, sie stehen zugleich jedoch in einem Verhältnis der Ko-Produktion, sind mithin in ihrer Operationsweise jeweils aufeinander angewiesen. Wirklichkeitskonstruktionen werden insbesondere durch die Operationen des psychischen Systems (Gedanken) und des sozialen Systems ( Kommunikation) vollzogen – obwohl biologische Systeme ebenfalls kognitive Systeme sind, also unterscheiden können, ansonsten würde beispielsweise der Magen nicht nur die Nahrung, sondern auch sich selbst verdauen. Psychische und soziale Systeme konstruieren Wirklichkeit auf der Basis von Sinn, sie sind sinnhaft aneinander gekoppelt, repräsentieren jedoch zwei unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche. Da die Konstruktionen der psychischen und der sozialen Wirklichkeiten auf unterschiedlichen Operationen basieren, können die Inhalte des einen Wirklichkeitsbereiches nicht direkt in Inhalte des anderen übersetzt werden. An den Grenzen des Psychischen wird das Kommunizierte gebrochen und jeweils individuell unterschiedlich verstanden; während an den Grenzen des Sozialen das Gedachte gebrochen wird und sich in die Regeln der Kommunikation einbindet. Der K ist also – kommunikationstheoretisch bzw. hermeneutisch betrachtet – verstehenskritisch, geht er doch von der Unwahrscheinlichkeit des absoluten Verstehens aus und  postuliert:

„Sage mir, was du denkst, und ich denke mir, was du meinst!“ (Bardmann 85)

Seit den 1980er Jahren werden verstärkt konstruktivistische Positionen heran gezogen, um sozialpraktisches Handeln zu reflektieren. So interessiert der K sich als Beobachtung zweiter Ordnung dafür, wie Beobachter beobachten, wie sie – aufgrund welcher Handlungen – das konstruieren, was sie konstruieren. Interessant ist dann, was sie ausblenden mussten, was sie nicht sehen können, wenn sie so sehen, wie sie sehen, also der ‚blinde Fleck‘ der Beobachtungen. Das Interesse für den blinden Fleck zeichnet den K als eine Basistheorie für die Begründung von Selbstreflexionsprozessen aus. Denn Beobachtung zweiter Ordnung ist die Reflexion der Beobachtung durch dieselben Beobachter (aus einer zeitlich späteren Perspektive) oder durch andere Beobachter (aus einer sozial anderen Perspektive). Des Weiteren geht Heinz von Foerster, ein Begründer des K, von der Prämisse aus: „Willst du erkennen, lerne zu handeln.“ Erkennen und Handeln sind demnach verkoppelt und verweisen aufeinander. Diese Idee wird sich im Reframing, in der ,sanften Kunst des Umdeutens‘ (vgl. Watzlawick) zunutze gemacht. Wirklichkeit wird verstanden als eine sinnhaft gedachte oder kommunizierte Konstruktion, die um-gedeutet, um-gerahmt werden kann. Ereignisse erscheinen als völlig verschieden in Abhängigkeit von den gedanklichen und kommunikativen Kontexten, von denen sie jeweils gerahmt werden. Ein aktives Einsetzen des Umdeutens wird in Pädagogik, Psychotherapie und Sozialarbeit betrieben, um Klienten alternative Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Schließlich liefert der K eine theoretische Begründung für die praktische Erfahrung, dass biologische, psychische und soziale Systeme nur bedingt fremd gesteuert und nicht instruktiv beeinflusst werden können. Das Modell der Autopoiesis bestätigt, dass Systemänderungen zwar von der Umwelt angeregt, aktiviert, initiiert, aber niemals determiniert werden können. Das heißt beispielsweise für die Praxis der sozialen Hilfe (Sozialarbeit/Sozialpädagogik), ein altes Motto (endlich) wissenschaftlich erklären zu können, dass nämlich Hilfe immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein kann.

Genauso wie der K gefeiert wird als anti-sozialtechnologische Befreiungsphilosophie, die es erlaubt, die Illusionen des Glaubens an die Möglichkeiten der Objektivität und der zielgerichteten Planung komplexer biologischer, psychischer und sozialer Prozesse zu verabschieden, erfährt er scharfe Kritik (vgl. Nüse). Demnach treibt der K auf eine unlösbare Paradoxie zu, die seine eigene Glaubwürdigkeit in Frage stellt und die er selbst nicht auflösen kann, ohne sich selbst aufzulösen: Wenn Systeme ihre Wirklichkeiten konstruieren (z. B. auch die Wissenschaft als soziales System), dann ist auch der K und seine wissenschaftliche Basis eine Konstruktion, eine Erfindung. Die Einnahme einer konstruktivistischen Position erscheint damit als eine mögliche subjektive oder soziale Entscheidung unter anderen, aber lässt sich nicht im Sinne klassischer Wissenschaftlichkeit begründen. Genau dies ist der Hauptvorwurf gegen den K: Er unterminiert die klassischen Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit und gehört damit zu jenem postmodernen Wissen (vgl. Lyotard), das Prinzipien wie Objektivität, Wahrheit und Widerspruchsfreiheit zumindest infrage stellt bzw. gänzlich ablehnt.

Bardmann, Theodor. M. u. a.: Das gepfefferte Ferkel. Lesebuch für Sozialarbeiter und andere Konstruktivisten. Aachen 1992; Ders.: Wenn aus Arbeit Abfall wird. Frankfurt a. M. 1994; Bateson, Gregory: Geist und Natur. Frankfurt a. M. 1982; Foerster, Heinz von: Wissen und Gewissen. Frankfurt 1977M. 1993; Kersting, Heinz J.: Kommunikationssystem Supervision. Aachen 1992; Kleve, Heiko: Konstruktivismus und Soziale Arbeit. Aachen 1996; Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1990; Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Wien 1994; Maturana, Humberto/Varela, Francisco: Der Baum der Erkenntnis. München 1987; Nüse, Ralf: Über die Erfindungen des Radikalen Konstruktivismus. Weinheim 1991; Reich, Kersten: Systemisch-konstruktivistische Pädagogik. Neuwied 2000; Schmidt, Siegfried J.: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt a. M. 1987;Watzlawick, Paul: Die Möglichkeit des Andersseins. Bern 1977.

HEIKO KLEVE

„Als-ob“ – Didaktik – Geschichte der Pädagogik – Lebensbegleitendes  Lernen

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
Back To Top