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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Kommunikationstraining

Wenn wir davon ausgehen, dass Kommunikation den Austausch zwischen Menschen meint, und feststellen, dass die Gestaltung menschlicher Beziehungen Grundmuster sozialen Lebens ist, dann wäre K lebenslanges Einüben aktiver Beziehungsgestaltung. Die aktuelle Bedeutung des Begriffs ist jedoch viel spezieller. Sie zielt auf alle Ansätze professioneller Herstellung ganz spezifischer Verhaltensweisen bei Fachkräften der unterschiedlichsten Sparten. Gemeinsame Basis der verschiedenen Trainings ist der Bezug auf die jeweiligen Beziehungsstrukturen im Handlungsfeld, sei es bei Lehrern, bei Schülern, zwischen Lehrern und Schülern, bei Managern, bei Verkäufern oder auch bei Menschen, die schlicht ihre vermeintlichen Beziehungsdefizite aufbessern wollen.

Die Inhalte der angebotenen Trainings reduzieren sich bei aller Vielfalt auf eine überschaubare Menge von Grundelementen. Immer wiederkehrende Kategorien sind: Redetraining/ Rhetorik, Gesprächsführung, nonverbale Kommunikation/Körpersprache, Wahrnehmungsschulung, Rückmeldung/ Feedback, Gruppendynamik, Konflikte, Kooperation, Teamentwicklung, Moderation, Mediation, Coaching, Führung. Ein typischer Werbetext für ein Training: ,Bei dieser Schulung erhalten die Teilnehmer Einblick in die Regeln der Kommunikation, die jeder Mensch eigentlich unbewusst anwendet. Kommunikation ist ein komplexes Handeln, das sich auf mehreren Ebenen vollzieht und die Beziehung zu dem Kommunikationspartner gestaltet. Neben der verbalen Ebene sind nonverbale Signale wie die Körpersprache sehr wichtig. Die Teilnehmer lernen eigenes und fremdes Verhalten wahrzunehmen und zu deuten, offen in Gesprächen zu sein und in Stress- und Konfliktsituationen angemessen zu handeln. Anhand praktischer Übungen erarbeitet sich die Gruppe zusammen mit ihren Trainern wichtige Inhalte, um sie dann in Übungen, zum Beispiel in Rollenspiel und Konfliktgespräch, umzusetzen und anzuwenden.‘

Der Gebrauchswert solcher Trainings liegt offensichtlich in der Einübung sozialer Kompetenzen. Konnte man unter den Produktionsbedingungen der Industrialisierung noch auf ,naturwüchsige‘ soziale Fähigkeiten vertrauen, erfordert die postmoderne Konsumgesellschaft zunehmend bestimmte Schlüsselqualifikationen, die als sog. soft skills auf die jeweiligen Erfordernisse zugeschnitten sind. Neben den Ausbildungsgängen für Kommunikationsspezialisten wie Psychologen oder Sozialpädagogen, die in der Regel an Hochschulen stattfinden, hat sich ein weitgefächerter professioneller Markt etabliert. Allein die deutschsprachige Internetpräsenz einschlägiger Angebote liegt bei etwa zwanzigtausend.

Ob es um die kommunikative Persönlichkeitsentfaltung, um die Verständigung von Experten (z. B. Hotline-Beratern) mit Laien oder um die Umsatzsteigerung im Telefonmarketing geht, das Versprechen steht: ,Selbstverständlich erstellen wir für Sie ein individuelles, für Ihr Unternehmen passendes Angebot. Im xy-Training lernen Sie, Menschen mit Ihren Worten zu erreichen, zu überzeugen und zu begeistern, so dass Ihre Zuhörer am Ende sagen: ,Gekauft!‘‘

Die Preise für Teilnehmende reichen von Unkostenbeiträgen (in sozialen Tätigkeitsbereichen) bis zu astronomischen Summen im Managementtraining, bei einem geschätzten Mittelwert von 400 Euro pro Tag, was bei entsprechenden Gruppengrößen zu beträchtlichen Honoraren für die Trainer führen kann.

Die angewendeten Techniken entstammen vielen Disziplinen. Wurzeln finden sich in der experimentellen Sozialpsychologie (vgl. Lewin), der Soziometrie und dem Psychodrama (vgl. Moreno), der Psychotherapie, der Spieltheorie und den Organisationswissenschaften. In mehreren Wellen verbreiteten sich nach dem Krieg auch in Europa die Impulse aus den USA: das ,sensivity-training‘, die ,personal growth‘-Bewegung, das kleine und das große ,encounter‘, die Gruppendynamik bis hin zu den aktuellen Formen der Organisationsentwicklung. Die Humanistische Psychologie (vgl. Rogers) liefert für viele dieser Ansätze den ideologischen Überbau.

ThP betreibt K mittels theatraler Gestaltung menschlicher Beziehungen. Sie bringt Menschen in Beziehung zu sich selbst und in die Interaktion mit anderen, auf verbaler, emotionaler und körperlicher Ebene und macht so Grundmuster sozialen Lebens experimentell, spielerisch und künstlerisch erfahrbar.

Derart Sozial-Erfahrene werden zu ExpertInnen für Kommunikation.

Lewin, Kurt: Die Lösung sozialer Konflikte. Bad Nauheim 1953; Moreno, Jacob L.: Die Grundlagen der Soziometrie. Opladen 1996; Rogers, Carl R.: Therapeut und Klient. Frankfurt a. M. 2001; Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. Reinbek 2001; Vopel, Klaus/Kirsten, Rainer: Kommunikation und Kooperation. Ein gruppendynamisches Trainingsprogramm. Salzhausen 2001.

HEINER ZILLMER

Bewegungserziehung – Feedback – Fortund Weiterbildung für LehrerInnen – Körperund Bewegungsstudium – Kommunikation – Rollenspiel – Spiel – Übungsfirma – Werkstatt

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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