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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Kommunikation

Jedes Verhalten, auch Schweigen, hat Mitteilungscharakter. Man kann also, wie Paul Watzlawick sagt, nicht nicht kommunizieren. Ein Mensch wird als kommunikativ bezeichnet, wenn er sich mitteilsam verhält und gern in den Austausch mit anderen Menschen tritt. Interpersonale K wird als Mitteilung, Unterredung, Verständigung untereinander und zwischenmenschlicher Verkehr definiert. Als solches ist Schauspiel-Theater ein kommunikativer Prozess, in dem sich zwei bis viele Menschen in eine intensive K untereinander begeben. Das Theater erlaubt in spezifischer Weise eine direkte lebendige Auseinandersetzung. Dem Zuschauer wird „die Welt als eine ihm und seiner Aktivität zur Verfügung stehende“ (Brecht 1964, 195) gezeigt. Durch „die bewußte Organisation der Interaktion zwischen Bühnen-Schauspiel und Publikum sowie die Beeinflussung, Formung und Aktivierung des Zuschauers“ begann sich das Theater zu Anfang des 20. Jhs. „von der internen zur externen theatralen“ K (Faulstich 340f.) zu entwickeln, und zwar zu einem „medialen Gesamtkörper“ (ebd.), in dem „der Mensch nicht nur als Produzent und Rezipient bestimmter symbolisch vermittelter Nachrichten fungiert, sondern als deren zentrales Medium“ (ebd.).

Der Zuschauer wird spielerisch permanent in die Dialektik von Spielen und Zuschauen und von Ernst und Spiel (vgl. ebd.) verwickelt. So entfaltet Theater seine „Produktivität als Erfahrungs(spiel)raum“ (ebd.). Dieser Aspekt des Theaters ist dann entscheidend, wenn es darum geht, kommunizieren zu lernen, sich zu verständigen, soziale Verhaltensweisen zu entwickeln und kreativ in schwierigen Situationen reagieren zu können.

ThP und K beziehen sich auf den Menschen, seine vielfältigen Beziehungen und wechselseitigen Übermittlungen von Informationen, seine unterschiedlichen Vorgehens- und Verhaltensweisen und seine natürliche Begabung, in spielerischer und ritueller Nachahmung und Übung zu lernen. Nachahmen (ämen: ausmessen, nachmessend gestalten) und Imaginieren der Realität sind die Grundvorgänge im  Theater.

Für die Entwicklung von ausdrucksund gestaltungsfähigen Menschen als Übermittlungsträger (der menschliche Körper, seine Sprache, Stimme, Gestik, Mimik, seine Bewegung im Raum usw., vgl. Lehmann 880f.) hat das Theater ein Übungsrepertoire hervorgebracht, das in der ThP genutzt wird und der Ausbildung der K zur Verfügung steht.

Das Theater, die ThP und die K-wissenschaft modellieren die interpersonale K.

Auch in der K-wissenschaft spricht man in Bezug auf kommunikatives Handeln von dramaturgischen Handlungsmodellen (z. B. Habermas). Der aus der K kommende Begriff K-fähigkeit bezeichnet die Fähigkeit und innere Bereitschaft, mit anderen in K zu treten. Das bedeutet, Beobachten – die Psychologie entwickelte K-modelle, die beispielsweise wie das Theater auf Beobachtung basieren – und Handeln zu können (Drama/drama = Handlung/Geschehen), bewusst tätig zu werden, überzeugt zu sein und Verantwortung zu übernehmen im Verlauf einer Handlung bzw. K. Dazu gehört die Fähigkeit, sein Handeln, seinen K-prozess zu planen, seine Rede auszuformen, die Körpersprache zu bedenken und spannungsreich zu gestalten. K-schwierigkeit bezeichnet die Unfähigkeit, einen solchen Prozess einzugehen, zu planen und zu gestalten. In der Dramatik finden sich derartige Figuren, die in ihren Lebensabläufen in solcherlei Schwierigkeiten geraten, entsprechend aktions- und reaktionsunfähig unweigerlich in Konflikte und Katastrophen treiben, sie bearbeiten, bewältigen oder darin umkommen. Während die K-wissenschaft K-modelle und Untersuchungsmethoden entwickelt, um Konfusionen, Störungen und Konflikte beherrschbar zu machen und zu überwinden, werden im Theater Schwierigkeiten und Probleme auf ihre Mechanismen hin untersucht, um sie darstellen zu können. Das Theater und die Dramaturgie bedienen sich einiger Techniken und Übungen, um Geschehnisse, Vorgänge, Absichten und Handlungsstrategien zu untersuchen. Sie werden beobachtet, nachgeahmt, vergrößert, verdoppelt, zurückgedreht, wiederholt, zugespitzt und verfremdet u.a.m.

Das Theaterspielen führt mit seiner suggestiven Kraft „Spieler wie Zuschauer in emotionale Räume, die im alltäglichen Leben ausgeblendet oder verdrängt sind“, die im vielfältigen Spiel der Zeichen (wie Klang, Körperlichkeit, Geruch, Licht usw.) „die Erinnerungen wiederentdecken oder die Phantasie neu entstehen lassen“ (Faulstich 341). Worte werden in ihren vielfältigen Sinnzusammenhängen gezeigt und körperliche Impulse  und  Signale  bewusst  wahrgenommen. Der spielende Mensch wird z. B. angeregt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, zu verstehen, wie sich verschiedene Handlungsweisen, Haltungen und Entscheidungen begründen, indem er sie selbst ausprobiert, sozusagen verkörpert und mit den eigenen Verhaltensweisen und -ideen vergleicht.

Solche Übungen können im K-training modifiziert angewendet werden. Theaterspielen eignet sich gut, um  die  Metaebene  oder  Meta-K  zu verdeutlichen. d.h., zu verstehen, welches Thema hinter einem Text verhandelt wird, was der Körper und die Stimme erzählen, was eigentlich geschieht; im Theater bezeichnet als: Untertext, Subtext, auch ,zwischen den Zeilen lesen‘. Die K auf der Metaebene hilft, eine Ksituation zu verstehen und zu bewältigen. Habermas sieht in der Fähigkeit zur Meta-K eine entscheidende kommunikative Kompetenz.

Beim Spielen „braucht es sich keineswegs nur um die Wiedergabe gesellschaftlich positiv zu bewertender Handlungen und Haltungen zu handeln; auch von der (möglichst großartigen) Wiedergabe asozialer Handlungen und Haltungen kann erzieherische Wirkung erwartet werden“ (Brecht 1978, 177). Der dramatische Dialog verläuft eben „gerade nicht kooperativ, sondern vielmehr antagonistisch“ (ebd.). „Nicht die konkrete Befolgung der Gesprächsprinzipien ruft Mitzuverstehendes hervor, sondern ihre Verletzung“ (Eicher a. 151). Das „Unmögliche“ (Golpon), die Verletzung der Regeln geben Anlass zur Reflexion. Die ThP nutzt die Kraft des nonkonformen und konfrontativen Verhaltens, indem Verhaltensmuster durch überlegtes Andersspielen der Kritik unterzogen und alternative Verhaltensmöglichkeiten eingeübt werden. Damit ist das Theater ein praktischer und guter Ratgeber für die Entwicklung von K-kompetenzen.

Brecht, Bertolt: Schriften zum Theater, Bd. 3. Berlin, Weimar 1964; Ders.: Lehrstücke. Leipzig 1978; Bussmannn, Hadumod (Hg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 1990; Delhees/Karl H.: Soziale Kommunikation. Opladen 1994; Eicher, Thomas/Wiemann, Volker (Hg.): Arbeitsbuch Literaturwissenschaft. Paderborn 2001; Faulstich, Werner (Hg.): Grundwissen Medien. München 1998; Fradkin, Ilja: Bertolt Brecht. Weg und Methode. Leipzig 1977; Golpon, Hedwig/Prinz, Susanne: Darstellen und Gestalten. Milow 1998; Habermas, Jürgen: Zur Theorie des kommunikativen Handelns. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, Bd. 1. Frankfurt a. M. 1987; Johnstone, Keith: Improvisation. Berlin 1995; Koch, Gerd u. a. (Hg.): Assoziales Theater. Köln 1983; Lehmann, HansThies: Theater. In: Brauneck, Manfred/Schneilin, Gérard (Hg.): Theaterlexikon. Reinbek 1986; Schulz von Thun, Friedemann:   Miteinander reden.      Reinbek     1998; Watzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern, Stuttgart, Toronto  1993.

HEDWIG GOLPON

Beobachten  /  Beschreiben  /  Bewerten  –  Darstellende Kommunikation – Hochschuldidaktik – Interaktion – Kommunikationstraining

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und des Schibri Verlags
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