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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Karneval

K ist zunächst eine Periode im (christlich) jahreszeitlichen Kalender, nach Region und geschichtlichen Epochen verschieden festgelegt. Variiert der Zeitpunkt des Beginns – der ominöse 11.11., 11 Uhr 11, Dreikönigsfest, Sant’Antonio Abate (17. Januar), Maria Lichtmess (2. Februar) –, so ist das Ende eindeutig fixiert: Rosenmontag, K-dienstag, Aschermittwoch. Das Datum des K-dienstags hängt in jedem Falle von Ostern und demzufolge vom Mondkalender ab. Ostern wird auf den ersten Sonntag festgelegt, der auf den ersten Vollmond des Frühlings folgt, d. h. ab 21. März; der K variiert mit den Mondphasen. Seit 1096 beginnt die Fastenzeit vierzig Tage vor Ostern am Aschermittwoch.

Von K im eigentlichen Sinne kann man – unbeschadet des Namens (K, Fasnacht, Fastnacht, Fasching) – erst seit den Zeiten der Jahreseinteilung sprechen: Er fiel da zwischen das Ende des alten und den Anfang des neuen Jahres, und da man dies nur nach dem Mond bestimmte, was 360 Tage ergab, deckte das Phänomen ,das Loch im Kalender‘ (sog. 5. Jahreszeit). Damit war der zeitliche Inselcharakter und vermutlich auch die bewusst eingesetzte ,Ventilfunktion‘ gegeben.

K ist also (im ,Westen‘) eine zeitlich begrenzte Periode, charakterisiert durch die öffentliche Zurschaustellung all jener Verhaltensweisen, die in der Fastenzeit untersagt, die aber auch während des übrigen Jahres von kirchlichen und weltlichen Autoritäten reglementiert wurden, was ständige Reformen erforderlich machte.

Den tiefsten Einschnitt im historischen Verlauf stellten protestantische Reformation und katholische Gegenreformation dar, die erste auf Abschaffung, die zweite auf ,Reinigung‘ bedacht. Aber schon die Festlegung des Korso-K 1466 durch Papst Paul II. in Rom – wie er später von Goethe und Byron beschrieben worden ist – oder die in den ersten Jahrzehnten des 19. Jhs. in Westeuropa erfolgten Gründungen von Kund Faschingsvereinen – heute vielfach als ,Ursprung‘ ausgegeben – stellen solche Reformabschnitte dar. Die discorsi contro il carnevale durchziehen fast die gesamte Neuzeit.

Die Notwendigkeit disziplinierender Reformen ergab sich insbesondere aus drei Gründen :

1. K war immer eine Angelegenheit simpelster, aber wichtiger (vor allem auch materieller) Lebensfragen. Die Zeit des K ist eine ,magische Zeit außerhalb der Zeit‘, in der sich alles verändert und verkehrt, in der sich das Innerste nach außen wendet und umgekehrt. Die Zeit des K ist eine Zeit des Paradoxen, in der sich Gegensätze vereinen, Unordnung zu Ordnung wird und umgekehrt, Dissonanz zu Harmonie und umgekehrt, in der Norm, Gesetz, Tabu nicht gelten. K ist auch – ursprünglich mit dem archaischen sozialen Fest verbunden – eine Zeit des materiellen Überflusses, der überwältigenden Gefühle von Jubel bis Zorn, der überschäumenden Lebensfreude, des Lachens, der Verdrängung von Angst und Furcht, des Fruchtbaren und Kreativen, in der die Länder von Cuccagna (aber auch Cocuce).

2.K war – wenigstens anfänglich – auch eine Sache von (heiliger) Gewalt und (rituellem) Opfer, von Aggressivität, wobei lange Zeit die heikle Frage antisemitischer Züge eine besondere Rolle spielte. Es handelt sich dabei um das komplizierte Phänomen des (gesellschaftlichen) Sündenbocks, und es spricht viel dafür, den personifizierten K, den K-könig in dieser Hinsicht zu Die Geschichte des K und d. h. eben seiner Reformen, scheint sich um den Übergang von der Verfolgungs- und Gewalttätigkeit in Bezug auf den Sündenbock zur allmählichen Zersetzung bzw. Ersetzung durch theatral-spielerische Simulation zu drehen.

3. Der K hat im Verlaufe seiner langen Geschichte die verschiedenartigsten Traditionen, Bräuche, Riten usw. aufgenommen und umgestaltet, so vor allem Riten und Bräuche des Jahreswechsels und Elemente des archaischen sozialen Man unterscheidet zwischen einem älteren (agrarischen) und einem neueren (urbanen) K; die vielfachen Parallelentwicklungen haben zu erheblichen Verklitterungen der heterogensten Elemente geführt. Der ältere agrarische K mit dem Prinzip der einfachen konstanten Verkehrungen war relativ ,frei‘, d. h. wenig strukturiert, charakterisiert durch öffentliche Bankette mit übermäßigem Essen und Trinken, allgemeinem Singen und Tanzen, Rollen- und Kleidertausch, erotischen Exzessen.

Der neuere urbane K mit dem Prinzip der sozialen prozesshaften Verkehrungen und Themen von sozialem und politischem Belang, beeinflusst von den spätmittelalterlichen weltlichen und kirchlichen Narrenfesten, hat einen stärker organisiert-strukturierten Charakter, veranstaltet von Korporationen, Vereinen, Jugendvereinigungen, Stadtvierteln usw.

Es gab im Wesentlichen drei Typen von organisiertstrukturierten Veranstaltungen, die im K immer wiederkehrten: (1.) maskierte Umzüge, möglichst mit Wagen oder Karren, besetzt mit verkleideten Personen; (2.) Wettstreite aller Art: Reiterturniere, Pferderennen, Ringläufe, Wettrennen (sehr früh auch Fußballspiele);  (3.)  Inszenierungen  theatral-burlesker Spektakel:  Fastnachtsspiele,  Farcen,  Kämpfe  zwischen Quaresima und Carnevale.

Am Ende des K fand in der Regel eine theatralspektakuläre Aufführung statt, bei der die Personifizierung des K sich eines fingierten Prozesses unterziehen musste, mit fingiertem Schuldbekenntnis und fingiertem Testament: K wurde zum Tode verurteilt, auf alle möglichen Arten hingerichtet; er erhielt eine karnevaleske Leichenfeier, in deren Verlauf er fröhliche Urständ hielt.

Die zeitliche Anordnung und d. h. die Mitwirkung beim (agrarischen) Jahresanfang machte den K zu einem Ritus des Übergangs im Sinne der Theorien von Arnold van Gennep (vgl. Gennep) und Victor Turner (vgl. Turner) mit preliminaler, liminaler und postliminaler Phase. Die erste Phase bedeutet die Lösung vom alltäglichen Leben und ist vom Erscheinen der Masken geprägt. Sie bringen Chaos und Konfusion in die Gesellschaft, mit dem Ziel, das Reich der Gleichheit zu errichten, wo es nicht mehr möglich ist, zwischen einem Sachverhalt und einem anderen zu unterscheiden. Die Masken vereinigen das, was normalerweise getrennt ist; sie erlauben, nicht mehr zwischen Mann und Frau, Tier und Mensch, Lebenden und Toten, Schönen und Hässlichen, Reichen und Armen, Klugen und Dummen zu  unterscheiden.

K ist so gesehen nicht nur eine Verkehrung, sondern vor allem eine Vermischung der WeltIn der zweiten (liminalen) Phase explodiert die Gewalt mit Kämpfen zwischen Gruppen und Fraktionen, man bewirft sich mit Steinen, bedient sich der Stöcke und Fäuste, der Wurfgeschosse aller Art (heute sind es Bonbons und Karamellen), verbaler und physischer Beleidigungen u.a.m.

Nach Beseitigung des Übels – der Zuweisung an den Sündenbock K – beginnt ein neuer vitaler Zyklus und die karnevaleske Gewalt verwandelt sich in die Erneuerung der (alten) sozialen Ordnung und die Stärkung der überlieferten Werte.

Emmanuel Le Roy Ladurie hat mit seiner Rekonstruktion des K von Romans ein eindrucksvolles Modell dieses historischen Sachverhalts geliefert und damit u. a. auch die weitverbreitete K-theorie von Michail Bachtin als romantizistisch relativiert.

Die bedeutendsten Beispiele für den Wandel vom Opfer der heiligen Gewalt zum szenisch-spektakulären Spiel bieten die K von Rom und Venedig. In Rom lässt sich dieser Prozess von den blutigen ludi carnevaleschi des Testaccio, wo Stiere und Schweine geopfert wurden – die ältesten Nachrichten stammen von 1143 – und wofür die jüdische Gemeinde ihren Tribut zahlen musste, über die unblutigen Feste des 15. Jhs. mit eigenartigen Spottläufen, von denen einer immer Juden vorbehalten war, bis zu den vielfältigen theatralspektakulären Veranstaltungen des 15./16. Jhs. verfolgen. 1565 werden die Stierjagden in den Straßen Roms verboten, die letzte Beschreibung der Spiele des Testaccio stammt von 1545. Der Lauf zur Verspottung der Juden wurde erst 1668 durch Papst Clemens IX. verboten; er wurde gewissermaßen ersetzt durch eine spezielle karnevaleske Spielart, die sog. giudiata, eine von den Stadtvierteln organisierte Inszenierung mit von Ochsen gezogenen Wagen, begleitet von langen Kantilenen und abgeschlossen mit einem Ball. Protagonist der Aktion war immer ein Jude, der damit endet, stranguliert oder aufgehängt zu werden. Die ersten sicheren Zeugnisse über die giudiata stammen aus dem 17. Jh. und bezeugen kombinierte Formen mit anderen gleichartigen Aufführungen, wie z. B. der zingaresca, gegen Zigeuner gerichtet. Die Fremdenfeindlichkeit solch spezifischer K-veranstaltungen ist bemerkenswert, wenn sie auch eine allmähliche Abschwächung der Verfolgungsgewalt aufweisen und sich zu komischen Aktionen transformieren. Modell dafür ist etwa die giudiata vom Ende des 17. Jhs. Ebreo finto conte: Der junge Mosè raubt dem Liebesrivalen Tognino Juwelen. Entdeckt und festgenommen, wird Mosè in eine große Presse gesteckt und in endlosen Windungen zu Tode gepresst. Bevor er aushaucht, macht er noch sein Testament, in dem er empfiehlt, sich vor den jüdischen Damen zu hüten. Die giudiata florierte in Rom – trotz wiederholter Proteste der jüdischen Gemeinde – während des 18. und 19. Jhs.; das letzte Zeugnis stammt von 1871.

In Venedig wurden bis zu Beginn des 16. Jhs. am K-donnerstag ein Stier und zwölf Schweine geopfert. Die 13 Tiere und 300 Brotlaibe waren der Tribut, der jedes Jahr vom Patriarchen von Aquilea geleistet werden musste in Erinnerung an die 1162 erlittene militärische Niederlage gegen Venedig. Im Zentrum der vor dem Dogen, den ausländischen Gesandten und den Mitgliedern der Signoria jahrhundertelang veranstalteten Zeremonie stand die feierliche und formelle Verurteilung der Tiere zum Tode, ihre öffentliche Jagd auf der Piazza und die Hinrichtung mit anschließender Verteilung des Fleisches an die Menge, die am Spektakel lachend und singend teilnahm. 1525 beseitigte der Rat der Zehn die offizielle Staatszeremonie, erlaubte aber weiterhin das Tiergemetzel. Unter der Regierung des Dogen Andrea Gritti (1523–1538) setzte sich dann die Tendenz durch, die vulgären Elemente des K durch andere Unterhaltungsformen zu ersetzen, wie z. B. Maskeraden, Bälle, Feuerwerke, Festumzüge und – vor allem – theatrale Aufführungen.

Protagonisten der Aktivitäten in dieser Richtung waren in Venedig (und Umgebung) die Compagnie della Calza, Festbrigaden junger Nobili, private Vereinigungen, die jedoch von der republikanischen Regierung unterstützt, zugleich aber rigoros kontrolliert wurden. Ihr Wirken lässt sich bis 1565 nachweisen und ihr Verschwinden steht im Zusammenhang mit der Durchsetzung des berufsmäßigen Theaters im Stile der Commedia dell’Arte. Das (theater-)historische Hauptverdienst der Compagnie della Calza liegt darin – ähnlich wie in Mailand –, ein kommunikatives Theatralitätsgefüge organisiert zu haben, bei dem bezeichnenderweise Formen von speziellen ludi carnevaleschi und der Commedia dell’Arte – „die neue Königin des Karnevals“ (Bernardi 2000, 982) – außerhalb blieben, wollten die Letzteren doch die Ideale des archaischen Festes und des K ausdehnen, und zwar per tutta la durata dell’anno. Der venezianische K verlor so nach und nach den Sinn der ursprünglichen Ritualität; er hörte auf, die interne soziale Dynamik zu repräsentieren, um sich zu einem großen Spektakel nicht mehr für die Einheimischen, sondern für Touristen zu verwandeln. Man hat in dieser Hinsicht – und dies ist verallgemeinerbar von einer ,Kommerzialisierung‘ des K gesprochen (vgl. Burke) und von seiner „glorreichen Agonie“ (Bernardi 2000, 983).

Die Durchsetzung von professionellem Theater ist das wohl eklatanteste Zeichen des Zivilisationsprozesses des K, d. h. für die Ersetzung der Riten von Gewalt und Normübertretung durch spielerische Formen von Unterhaltung  und Spektakel.

Abgeschafft von den Protestanten, ausgeleert von politischen Inhalten durch die Französische Revolution, veräußerlicht mit dem Beginn der industriellen Revolution und der Konsumgesellschaft hat sich in vielen Regionen der K dennoch eine bemerkenswerte Attraktivität erhalten. Die teilweise beträchtlichen Unterschiede in den heutigen Erscheinungsformen – etwa zwischen Basel und Köln, Mainz und Wasungen, Venedig und Viareggio, von Rio de Janeiro ganz zu schweigen – lassen sich nur historisch begreifen.

Bernardi, Claudio: Carnevale, Quaresima, Pasqua. Rito e dramma nell’Europa moderna. 1500–1900. Milano 1995; Ders.: Il carnevale delle buone maniere. In: Storia del teatro moderno e contemporaneo, Bd. 1. Diretta da Roberto Alone e Guido Davico Bonino. Torino 2000; Burke, Peter: Scene di vita quotidiana nell’Italia moderna. Bari 1988; Chiabo, Myriam/Doglio, Federico (a cura di): Il carnevale: dalla tradizione arcaica alla traduzione colta del Rinascimento. Atti del XIII Convegno Internazionele del Centro studi sul teatro medievale e rinascimento. Roma 31.5 –5.6.1989. Viterbo 1990; Gennep, Arnold van: Les rites de passage. Paris 1909; Le Roy Ladurie, Emmanuel: Le Carneval de Romans. De la Chandeleur au mercredi des Cendre. 1579–1580. Paris 1979 [deutsch: Karneval in Romans. Stuttgart 1982]; Orloff, Alexander: Karneval. Mythos und Kult. Wörgl 1980; Rang, Florens Christian: Historische Psychologie des Karnevals. In: Die Kreatur, 1926/27; Turner, Victor: Vom Ritual zum Theater. Frankfurt a. M.  1989.

RUDOLF MÜNZ

Happening – Performance – Ritual – Theatralität – Volkskunst / Folklore – Volkstheater

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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