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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Kabarett

Frankreich ist das Ursprungsland für „das fröhliche Kind einer elften Muse, die es in losen Liebschaften mit dem Theater, dem Varieté, der politischen Tribüne gezeugt“ hat, wie Friedrich Hollaender es formulierte (zit. nach Otto u. a. 9). Der Begriff geht auf das französische Cabaret (Speisenplatte, später eine Bezeichnung für Schenke, Kneipe) zurück. Vorläufer des K waren die Music-Halls in England, die sich aus unterhaltenden Darbietungen in Wirtshäusern Mitte des 19. Jhs. zu einer Vergnügungsindustrie entwickelten. Im Mittelpunkt ihrer Programme standen Songs, dazu kamen Tänze und Artistik. In Frankreich waren es die Cafés-Concerts, große Vergnügungsetablissements, in denen das Chanson dominierte, dargeboten von Stars wie Yvette Guilbert. Die deutsche Variante dieser Unterhaltungsform war das Varieté, das stärker auf die Artistik orientierte, aber auch Soubretten, Tänzerinnen und Humoristen einbezog. Das erste K war das von dem Maler Rodolphe Salis 1881 gegründete ,Chat Noir‘ in Paris, eine Künstlerkneipe, die zur Unterhaltung der Gäste improvisierte Vorträge von Künstlern, v. a. Chansons und Gedichte, bot. Der Chansonnier Aristide Bruant übernahm nach Salis das Lokal und eröffnete sein ,Le Mirliton‘, in dem er seine Chansons über das Lumpenproletariat vortrug. Aus diesem Cabaret artistique entwickelte sich das K, das Brettl im deutschsprachigen Raum. Der erste war der Schriftsteller Ernst von Wolzogen mit seinem 1901 in Berlin eröffneten ,Überbrettl‘, dem im gleichen Jahr Max Reinhardts ,Schall und Rauch‘, ebenfalls in Berlin, und die ,Elf Scharfrichter‘ (u. a. mit Frank Wedekind) in München folgten. Diese literarischen K boten lockere Mischungen aus Chansons und Bänkelliedern, Gedichten,  Einaktern,  Parodien  und  Tänzen.  Das ,Schall und Rauch‘ wandte sich mit seinen Theaterund Literaturparodien an ein kundiges Publikum, seine Serenissimus-Satiren richteten sich gegen das Wilhelminische Kaiserreich. Insgesamt herrschte aber ein eher unpolitischer Vergnügungsbetrieb vor. Die bedeutendsten K der Kaiserzeit außerhalb Deutschlands waren der ,Simplicissimus‘ in Wien, berühmt durch die Doppelconférencen von Karl Farkas und Fritz Grünbaum, und das ,Cabaret Voltaire‘ von Hugo Ball in Zürich. Nach dem 1. Weltkrieg knüpfte man verstärkt an die zeitkritischen Tendenzen der ersten französischen Cabarets an, es entwickelte sich das politisch-literarische K, z. B. Rosa Valettis ,Cabaret Größenwahn‘ , das zweite ,Schall und Rauch‘ von Reinhardt, Trude Hesterbergs ,Wilde Bühne‘, das ,Kabarett der Komiker‘ mit seinen Conférenciers Kurt Robitschek, Paul Morgan, Max Adalbert, die ,Katakombe‘ mit Werner Finck und Erich Carows ,Lachbühne‘ in Berlin, ,Die Retorte‘ in Leipzig (u. a. mit Erich Weinert). Autoren waren u.a. Walter Mehring, Kurt Tucholsky, Klabund, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz.  Eine  besondere  Form  waren  die  K- Revuen Rudolph Nelsons, Marcellus Schiffers und Friedrich Hollaenders, in denen witzige, aber auch kritische Chansons, Conférencen und Sketche das Publikum unterhielten. In Österreich waren ,Der liebe Augustin‘ und ,Literatur am Naschmarkt‘ (u. a. mit Jura Soyfer), in der Schweiz das Züricher ,Cabaret Cornichon‘ bedeutende Neugründungen. Mit der faschistischen Machtergreifung war auch das politische K zum Tode verurteilt. Im Exil lebte es mit einigen Bühnen weiter, am bekanntesten wurde die ,Pfeffermühle‘ in Zürich mit Erika Mann und Therese Giehse. Nach dem 2. Weltkrieg verstärkten sich die in den 1920er Jahren verflachten und in den 1930er Jahren verbotenen politischen Tendenzen des K wieder, es entstand das politisch-satirische K, so die Nachkriegskabaretts ,Schaubude‘ in München, ,Die Rampe‘ in Leipzig und später z. B. ,Die Stachelschweine‘ und ,Die Wühlmäuse‘ in Berlin, die ,Münchner Lachund Schießgesellschaft‘, die ,Kleine Freiheit‘ in München, das ,Floh de Cologne‘ in Köln, das ,Kom(m)ödchen‘ in Düsseldorf, in Berlin das RIAS-K ,Die Insulaner‘ und das ,Reichskabarett‘, aus dem das GRIPS-Theater entstand. In der DDR waren am bekanntesten ,Die Distel‘ in Berlin, ,Die Pfeffermühle‘ und das Studentenkabarett    ,academixer‘    in    Leipzig,  die ,Herkuleskeule‘ in Dresden und das Armeekabarett ,Die Kneifzange‘. Zeitgleich traten Solokabarettisten wie Hanns Dieter Hüsch, Dietrich Kittner, Wolfgang Neuss, Franz Josef Degenhardt, Jürgen von Manger mit wachsendem Erfolg auf.

Neben dem politisch-literarischen und politischsatirischen K existierte immer das artistische K, das v.a. in Nachtclubs geboten wird und aus einer Mischung von artistischen, tänzerischen und betont frivol-unterhaltenden Gesangsdarbietungen besteht. Es stellt eine kleine Form des Varietés, der Revue ohne literarische oder satirische Ambitionen dar.

Die charakteristischen Merkmale des K sind die lose Nummernfolge unterschiedlicher Darbietungen und die satirische Behandlung von Zeitthemen: „Im Unterschied zum traditionellen Theater, das durch die Einheit der Handlung bestimmt wird, beruht die Kabarettvorstellung auf einer Folge von Brüchen, sie gewinnt ihre Kraft aus einer Montage ganz unterschiedlicher Nummern. Für die Zuschauer gibt es dadurch immer neue Überraschungen. Keine Läuterung wie im klassischen Theater, sondern Erschütterung, Beunruhigung“ (Richard 242). Diese Einheit der Vielfalt hat das K mit Unterhaltungsformen wie Varieté, Zirkus und Revue gemeinsam. Die wesentliche Unterscheidung besteht im satirischen Moment:

„Satire verfremdet die Wirklichkeit, und aus dieser Verfremdung entsteht Komik […]. Die im Kabarett behandelten Gegenstände sind ja nicht an sich komisch. Die Art der Darstellung ist es. Man behandelt ernste Dinge, als wären sie komisch […]. Kompliziertes wird lächerlich vereinfacht, Einfaches ebenso lächerlich kompliziert dargestellt.“ (Peter Ensikat in Gebhardt 100)

Ende der 1960er Jahre schien sich in der BRD das traditionelle politisch-satirische K überlebt zu haben und eine allgemeine Publikumszustimmung zu den etablierten K ihre politische Wirkungslosigkeit zu beweisen. Zahlreiche K lösten sich auf, es entstanden neue Formen wie Politrockgruppen (,Floh de Cologne‘), Solokabarettisten setzten sich zunehmend durch. Heute gibt es neben den Solisten (z. B. Matthias Beltz, Martin Buchholz, Lisa Fitz, Josef Hader, Gerhard Polt, Mathias Richling, Harald Schmidt) bzw. Gruppen (z. B. Missfits, Wenzel & Mensching, Pachl/ Rating, Biermösl Blosn) nach wie vor das Ensemblekabarett, v. a. in den neuen Bundesländern. Fernsehkabarett bietet der ,Scheibenwischer‘ mit Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder, Bruno Jonas u. a. Als Mischform zwischen Satirikern und Humoristen sind die Comedy-Künstler, Comedians seit den 1990er Jahren dominant. Eine Reihe von Komikern (z. B. Karl Dall, Jürgen von der Lippe, Mike Krüger) setzten sich – anfangs auf der Kleinkunstbühne, dann auch in größeren Hallen und v. a. im Fernsehen – durch und lösten einen wahren Boom aus. Zu den bekanntesten gehören heute Tom Gerhardt, Rüdiger Hoffmann, Hape Kerkeling, Michael Mittermeier, Stefan Raab, Helge Schneider, die Stars der RTL-Show ,Samstag Nacht‘. „Mit den Comedians etablierte sich […] eine Komik der Infantilisierung durch verspielte, bisweilen offen alberne Unsinnsspäße bis zur alkohol-fäkalischsexuellen Einfärbung“ (Budzinsky u. a. 66). Sie erheben nicht wie Kabarettisten den Anspruch, mit Satire die Welt verändern zu wollen, setzen sich aber in der Mehrzahl auch kritisch mit Zeiterscheinungen auseinander und gehen damit über bloße Blödeleien hinaus. So existiert gegenwärtig eine große Bandbreite von politisch-satirischen K, Solokabarettisten und Gruppen bis zu den Comedians und nach wie vor das Amüsierkabarett der Nachtclubs, die ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen des Publikums bedienen.

Appignanesi, Lisa: Das Kabarett. Stuttgart 1976; Budzinsky, Klaus: Die Muse mit der scharfen Zunge. München 1961; Ders./Hippen, Reinhard: Metzler Kabarett Lexikon. Stuttgart, Weimar 1996; Gebhardt, Horst (Hg.): Kabarett heute. Berlin 1987; Hösch, Rudolf: Kabarett von gestern. Berlin 1969; Ders.: Kabarett von gestern und heute. Berlin 1972; Kühn, Volker: Das Kabarett der frühen Jahre. Berlin 1984; Ders.: Die zehnte Muse. 111 Jahre Kabarett. Köln 1993; Otto, Rainer/Rösler, Walter: Kabarettgeschichte. Berlin 1977; Richard, Lionel: Cabaret Kabarett. Von Paris nach Europa. Leipzig 1993.

GISELA WINKLER

Circus / Circus-Didaktik – Clownerie – Revue – Rhetorik – Spaß – Theater als öffentliche Institution – Theaterlied

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