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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Initiation

Auffällig und interessant für die Theaterforschung wurde das Phänomen I seit der Herausbildung der westlichen Ethnologie/ethnographischen Anthropologie im 19. Jh. Zumindest bis in die zweite Hälfte des 20. Jhs. wurden vorwiegend Erscheinungen vormoderner, insbesondere außereuropäischer ,archaischer‘ (,primitiver‘) Gesellschaften unter der weit gefächerten Bedeutung I gesehen. An die lateinischen Wörter initio/initia/initiare angelehnt, die u. a. auf das ,Einweihen‘ in/den ,Beginn‘ religiöser (mystischer) Verfassungen/Situationen zielten, meinte I das sehr weite Feld von religiös, mythisch, magisch geprägter Handlungen/Vorgänge/Tätigkeiten, die männliche und weibliche Mitglieder einer Gemeinschaft oder sozialer Gruppen in Altersklassen, Bünde/Assoziationen und soziale Funktionen ,einführten‘ oder genauer ,überführten‘. Einen solchen Prozess verallgemeinernd, bedeutet I dann den sehr umfangreichen Bereich von Vorgängen/Handlungen, in denen Subjekte eine Transformation ihres gesellschaftlichen Status erfahren/praktizieren. Anders ausgedrückt: Es sind Aktionen, die Individuen/soziale Gruppen vorbereiten für den   Eintritt   oder/und   sie   unmittelbar  einführen/,überführen‘ in andere, für sie neue, spezifische Wirkungsfelder und soziale Aufgaben/,Rollen‘. Die Zeiträume, in der sich solche allgemeinen ,I-tätigkeiten‘ vollziehen, können sehr kurz sein, ihre Formen sehr einfach. Besonders die I vormoderner Kulturen erstreckten sich über längere Perioden, und sie verliefen in der Regel in mehreren Phasen. Der Verlaufsprozess wurde verglichen mit der Struktur einer nach Aristoteles  ,klassisch‘  interpretierten → Dramaturgie  (siehe z.B. Victor Turners  Theorie  des  ,sozialen  Dramas‘). Es umfasst(e) u. a. Zeiten und spezielle Handlungen der ,Herauslösung‘ der Initianden aus ihrem bisherigen sozialen Status, gefolgt von Handlungen, in denen sie eine schwer zu definierende ,Zwischenzeit‘ oder genauer einen Übergangsstatus durchleb(t)en, räumlich oft streng abgesondert von ihrer Gemeinschaft, da dieser Übergangsstatus nicht zu den normalen Bestandteilen der entsprechenden sozialen Gliederungen zu zählen ist und anderes als deren ,normales‘ Verhalten erfordert bzw. bedeutet. Schließlich geht es um Aktionen, in denen die Einzuweihenden die neue soziale  (kulturelle)  Funktion  oder gesellschaftliche ,Rolle‘ unmittelbar zu beobachten/zu ,studieren‘ haben und sie einübend praktizieren, oft ,dramatisiert‘, um sich dann zugleich, für sie ,neu‘, als ein ,anderes‘ Mitglied der betreffenden Gemeinschaft zu bewegen/ zu verhalten.

Die enorme gesellschaftliche Bedeutung von Transformationshandlungen/,Übergangsaktionen‘ generell diskutierend, hat Arnold van Gennep 1909 in seinem noch heute in vielem gültigen Buch Les rites des passage die I als eine der wesentlichsten Übergangsriten bestimmt. Sie ist ein gleichsam universaler gesellschaftliche Vorgang, der sich jeweils anders in mannigfachen Formen und spezifischen Kontexten ereignet. Gennep beschrieb z.B. die Beschneidungstätigkeiten der Massai in Ostafrika als eine typische I, die das gleichsam ,neutrale‘ männliche Kind zum Mann, zum Krieger macht(e): „Alle Kandidaten versammeln sich – ohne Waffen. Sie bestreichen ihren Körper mit weißer Tonerde und ziehen zwei bis drei Monate von Kral zu Kral. Dann rasiert man ihnen den Kopf und tötet einen Ochsen […] am Tag darauf fällt jeder Kandidat einen Baum […], den die Mädchen vor seiner Hütte aufrichten. Am nächsten Morgen gehen die jungen Männer in die Kälte hinaus und waschen sich mit kaltem Wasser […]. Hierauf findet die Beschneidung statt. Die Beschnittenen ziehen sich in eine besondere Hütte zurück, und jeder von ihnen liegt auf der Ochsenhaut, auf die sein Blut bei der Beschneidung geflossen ist. […] Wenn sie dann wieder zum Vorschein kommen, necken sie die Mädchen, tragen oft Frauenkleidung und bemalen sich das Gesicht mit weißem Ton. […] Wenn ihre Wunde verheilt ist, werden ihre Köpfe erneut geschoren, und sobald ihre Haare lang genug sind, um in Zöpfchen geflochten zu werden, sind sie morani, d.h. Krieger.“ (Gennep 87f.) Gennep musterte dann die I in  der  griechischen  Antike,  in  der  man  die „gleiche Abfolgeordnung – mit ihrer Dramatisierung des Todes und der Auferstehung der Novizen“ (ebd. 91) sowohl bei der Aufnahme in den Orphizismus als auch bei der Einweihung in den Dionysos-Kult antreffe. Danach ging er über zur Analyse der im Prinzip struktural gleichen Praktiken der I im Christentum. So sieht er auch die Messe als „eine in regelmäßigen Abständen erneuerte Initiation“ (ebd. 96f.).

Ein wichtige Komponente bei solchen vormodernen I ist die Unterweisung oder Einweisung in normatives soziales Verhalten, in Arbeitsund allgemeine Praktiken, die das Leben in dem neuen Status erfordern. Hier wird der theatrale Charakter der I besonders deutlich. Anfang des 20. Jhs. beobachtete Gerhard Lindblom bei den Akamba, Ackerbauern in Kenia, dass die einübende → Mimesis  eines  Viehraubs  einen  wesentlichen Bestandteil der I darstellten. Solche Raubzüge waren offensichtlich wichtige Aufgaben des Mannes. Gelbe runde Früchte, bei denen ,Viehhirten‘ (männliche Darsteller) standen, markierten das Vieh. Die Jungen waren wie für einen Kriegszug ausgestattet mit Bogen, Pfeilen und einem Behälter, der Nahrung für die Reise enthielt. Als sie sich den Früchten, die die Raubbeute markierten, näherten, bewarfen sie die ,Viehhirten‘ mit einer Frucht, was Abwehrhandlungen der Angegriffenen bedeutete und von den Angreifern entsprechende Gegenreaktionen erforderte (vgl. Fiebach 30).

Hugh Stayt, der in den 1920er Jahren bei den Bavenda Südafrikas weilte, beschrieb u. a. die I als eine „Schule“ zur allgemeinen Vorbereitung auf die Heirat, „wo Jungen und Mädchen, die gewöhnlich getrennt sind, zusammengebracht werden. Mit Hilfe von Symbolen und Metaphern lehrt man sie gemeinsam, die wahre Bedeutung von Ehe und Kindergebären zu verstehen […].“ (Stayt 111f., übersetzt von und zit. n. Fiebach 31) Eine  Unterweisung  fand  als Puppentheater  statt. Drei Figuren, aus Holz geschnitzt, stellten für die Einzuweihenden einen Mann, seine Frau und einen Junggesellen dar. „Drei Frauen bewegten die Puppen und sprachen für sie in dem folgenden Drama: Der Ehemann verläßt seine Hütte. Sofort tritt der Junggeselle ein und, die Frau allein vorfindend, spricht: Wo ist dein Mann? Die Frau: Mein Mann ist ausgegangen. Junggeselle: Oh! Er kehrt lange nicht zurück, so daß ich mit dir schlafen kann. Frau: Nein, du darfst nicht. Es ist das Haus meines Mannes.“ Am nächsten Tag kommt der Junggeselle wieder, als der Mann aus ist. Dieses Mal, da ihr Ehemann weit weg ist, wird sie überredet. Sie kocht für den Eindringling, und sie haben Geschlechtsverkehr. Der Ehemann kommt zurück, klopft an die Tür, und der Junggeselle beruhigt die Frau: „Keine Sorge, ich muß ihm in Vieh zahlen. Ehemann (in die Hütte tretend): Was machst du hier? Junggeselle (sein Verbrechen eingestehend): Ich werde dir in Vieh zahlen. Ehemann: Ja, du mußt mir Vieh zahlen.“ (Stayt 120f., übersetzt von und zit. n. Fiebach 31f.) Das Drama vermittelte die Lehre: Es gibt Unheil beim Ehebruch, und der Junggeselle muss Buße zahlen. Der Verführer/Ehebrecher war wohl gerade als Junggeselle dargestellt worden, weil die als junge Männer aus der I Hervorgehenden oft noch sehr lange unverheiratet blieben.

I als ,Übergangsaktion‘ oder ,Einweihungsvorgang‘, um nicht Genneps Ritenbegriff zu benutzen, praktizieren heutige moderne Gesellschaften in mannigfachen Formen und Funktionen. Sie reichen von Einsegnungen und Jugendweihen bis zu den Zeremonien, die Politiker in neue Ämter und Wissenschaftler/ Künstler als Mitglieder in Akademien/Vereinigungen einführen. Kürzer und ohne die oft sehr komplizierten Dramaturgien und Inszenierungspraktiken der I vormoderner Kulturen, sind ihre theatralen Aspekte jedoch in der Regel weniger interessant.

Mit dem Blick auf die zahlreichen ,alten‘ Beispiele hat die I aber eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die heutige thp Forschung und Praxis. Nimmt man sie allgemein als den Vorgang oder die Vorgangsreihe, in der Individuen/Gruppen sich sinnlich tätig auf eine neue/andere soziale Funktion, einen gesellschaftlichen Status oder eine kulturelle Rolle vorbereiten und in diese praktisch ,einüben‘, so wie sie sich besonders in vormodernen Gesellschaften als historisch signifikante theatrale Praktiken zeigten/vollzogen, ist sie ein nicht uninteressantes Modell für vielfältige Praktiken des Rollenspiels, in denen sich Individuen/Gruppen in spezifische (neue, andere) Haltungen und bestimmende Verhaltensweisen ,einüben‘ (können), die Arbeits- und Lebensbereiche erforderlich machen, in die sie in heutigen gesellschaftlichen Kontexten eintreten, wechseln oder die sie besser beherrschen (internalisieren) wollen/müssen (vgl. u. a. Myerhoff).

Fiebach, Joachim: Die Toten als die Macht der Lebenden. Zur Theorie und Geschichte von Theater in Afrika. Berlin 1986; Gennep, Arnold van: Übergangsriten [Les rites des passage]. Frankfurt a. M., New York, Paris 1999; Lindblom, Gerhard: The Akamba in British East africa. Uppsala 1920; Myerhoff, Barbara: Rites of Passage. Process and Paradox. In: Turner, Victor (Hg.): Celebration. Studies in Festivity and Ritual. Washington, D.C. 1982; Stayt, Hugh A.: The Bavenda. London 1931; Turner, Victor: Dramas, Fields, and Metaphors. Symbolic Action in Human Society. Cornell UP Ithaca, London 1974.

JOACHIM FIEBACH

→ Ritual

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