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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Improvistaion

Spezifische Traditionen der Theatergeschichte stehen im engen Zusammenhang mit der I. Formen wie die Commedia dell’Arte, das Straßentheater, die Kunst der Spielleute verwenden in erster Linie improvisatorische Mittel. Dabei wurde etwa in den lazzi der Commedia dell’Arte eine hohe artistische Qualität erzielt. Charakteristisch für all diese Formen ist die Augenblicksarbeit des Theaters, d. h. dass die jeweilig konkrete Situation (Ort, Zeit, Publikum, gesellschaftliche und politische Situation) einbezogen wird. I ist von dem lateinischen Wort improvisus abgeleitet und bedeutet   ,unvorhergesehen‘,   auch  ,überraschend‘, ,nicht geplant‘. I ist „das spontane, freie Spiel ohne oder mit nur sehr umrisshaft skizzierter Vorgabe“ (Brauneck 411). Charakteristisch für die I ist, dass die Prozesse der Handlungsgestaltung (Regie), der Textfindung (AutorIn) und der Darstellung (Schauspiel) zusammenfallen. Eng verbunden mit der I ist das Stegreifspiel. Es entsteht wie die I im Prozess des Spielens.

Die Kunst der schauspielerischen I wurde lange vom fixierten Literaturtheater zurückgedrängt. Seit Ende der 1960er Jahre hat die I jedoch vor allem in freien Theatergruppen eine starke Renaissance erlebt. Die Wiege des modernen I-Theaters ist Chicago. Seit sich die ersten I-Theatergruppen gegründet haben, wurden viele unterschiedliche Formen des I-Theaters entwickelt  –  → Mitspieltheater,  → Theatersport,  Harold, → Playback-Theatre.  Ausgehend  von  den  USA  und Kanada breitete sich das I-Theater in Frankreich, Dänemark, den Niederlanden und Deutschland aus. ITheater hat sich seit den 1990er Jahren aufgrund der zahlreichen begeisterten ZuschauerInnen auch in Deutschland „auf der Grundlage eigener Spielformen und -techniken [als] eine eigenständige Improvisationstheaterszene etabliert“ (Trescher 1). Es gibt ein Netzwerk von I-Gruppen, es finden I-Meisterschaften statt, und in vielen Städten wurde I zu einem festen Bestandteil der Freien Theaterszene. Somit ist die I aus der Verbannung zurückgekehrt und hat sich vom Diktat der ,hohen Literatur‘ befreit.

I steht im engen Zusammenhang mit Spontanität, die allein allerdings noch keinen kreativen Prozess befördern kann. Spontanität ist die „Fähigkeit und Bereitschaft des Individuums zu freiwilligen und selbstbestimmten Handlungen, die auf keine äußere Anstöße zurückgehen“ (Schaub u. a. 528). Ziel ist, die menschliche Spontanität freizusetzen und gleichzeitig in das gesamte Lebensgefüge des Menschen sinnvoll zu integrieren. Wird Spontanität freigesetzt und gleichzeitig integriert, so entsteht Kreativität.

Die  Theaterpädagogin Viola Spolin beschreibt → Spontanität als einen „Moment der persönlichen Freiheit, in dem wir mit der Realität konfrontiert sind, sie wahrnehmen und erforschen und angemessen handeln. In dieser Realität funktionieren die Aspekte unserer Persönlichkeit als ein organisches Ganzes. Es ist ein Zeitpunkt der Entdeckung, der Erfahrung und des kreativen Ausdrucks.“ (Spolin 18)

Spontan-reflexhaftes Handeln kann unglaublich viel Spaß machen. Doch sobald ein/e SpielerIn spürt, dass er/sie spontan ist, ist er/sie es schon nicht mehr. Dixon vergleicht Spontanität mit dem Auftauchen eines Hirsches im Wald: Es ist unmöglich, einen längeren Blick auf ihn zu werfen, „denn sobald wir uns der Besonderheit des Moments bewusst werden, ist der Hirsch wieder im dichten Unterholz verschwunden“ (Dixon 31). Spontanität bedeutet, im Moment zu sein. Die SpielerInnen müssen (lediglich) bereit sein und akzeptieren, was auch immer entstehen will. Die Fähigkeit, spontan zu spielen, wächst und verbessert sich stetig. Im spontanen Spiel kommt es automatisch zu einem gewissen Verlust des Ichs. Die SpielerInnen vergessen soziale Herkunft und Erscheinungsbild. Spontanität bedeutet, Kontrollmechanismen aufzugeben und sich einzulassen. „Wenn wir spontan sind, agieren wir offen und erlauben etwas Wahrem, sich zu zeigen.“ (ebd. 32) I ist in unterschiedlichen Bereichen anzutreffen: Im Theater und in der Schauspielausbildung: Seit der Jahrhundertwende ist die I als Trainingsmethode ein grundlegendes Mittel in der „Ziel ist, dass der Student die Improvisation als spontanes Spiel erlernt, nicht als Selbstzweck, sondern als das Erlernen des schauspielerischen Schöpfungsaktes in seiner Dialektik von Improvisieren (Spontanität) und Fixieren (Disziplin).“ (Ebert 81)

In der Arbeit des Schauspielers und der Schauspielerin nimmt I im Probenprozess eine wichtige Zwischenform ein. Das Stück ist zunächst „eine Aneinanderreihung von Worten, die der Schauspieler und des Theaters bedarf, um aus einem mit Potential angefüllten Stück Literatur eine lebendige Aufführung zu machen“ (Dixon 20). Gerade in der Erarbeitung ihrer Rolle improvisieren die SchauspielerInnen Szenen aus dem Umfeld des Textes, um so Zugang zum Thema und zu den Figuren zu bekommen. I wird hier als Mittel genutzt, um den Text lebendig zu machen. I als eigene Spielform: Steht die I vor einem Publikum im Mittelpunkt des Bühnengeschehens, so spricht man von I-Theater, was bedeutet, dass niemand weiß (weder SchauspielerIn noch ZuschauerIn), was als nächstes geschehen wird. Ausgangspunkt für die improvisierte Szene sind Vorgaben aus dem Für die ZuschauerInnen präsentiert sich ein Schaffensprozess, den sie selbst beeinflussen können. Der Wesenskern des I-Theaters besteht in dieser Prozessorientierung. Es will ein Publikum unterhalten und besitzt keinen Bildungsanspruch im konventionellen Sinne. Die Unterhaltung besteht u. a. darin, „dass Spieler sich ohne jede Vorbereitung auf die Bühne begeben und versuchen, dort kreativ zu sein“ (Trescher 13). ITheater stellt nicht die großen Probleme der Gesellschaft in den Mittelpunkt, vielmehr werden alltägliche Dinge verhandelt, die der Zuschauer wiedererkennt, durchschaut, bei denen er mitreden kann (vgl. ebd. 92). I in der Spiel- und ThP: I gilt als Basisform der Spiel-und ThP. Sie ist von unschätzbarem Wert, da sie oft ungeahntes kreatives Potenzial aktiviert. Die Spiel- und ThP arbeitet mit Laien und Amateuren. I in der Spiel- und ThP dient als ein Hilfsmittel, um zu persönlichem Ausdruck zu finden. Die SpielerInnen lernen, mit ihren Ausdrucksmitteln eigene Sichtweisen zu vermitteln. Bei den I-Übungen stehen Selbsterfahrungsaspekte im Vordergrund. I kommt dem Wunsch der SpielerInnen nach, so schnell und so viel wie möglich zu spielen. Die gefundenen Themen sind oft nah am Erleben. Über die spielerische Darstellung von zunächst real Erlebtem und daraus entwickelten Phantasien erlangen die SpielerInnen eine bewusstere Übersicht über einen Teil ihrer persönlichen Welt und sich selbst. Sie erfahren, dass ihre gesamte Umwelt Stoff für das Theater liefern kann und dass ihre Geschichte spielens- und erzählenswert ist.

Die Spiel- und ThP unterscheidet zwischen I als Methode der Stückerarbeitung (Themenfindung, Recherche, Theatralisierung) und I als eigener Spielform (I-Theater).

Augusto → Boal verwendet I als einen Grundbaustein für seine aufklärerische Arbeit. Für ihn dienen I-Übungen und -spiele dem emotionalen und darstellerischen ,Aufwärmen‘ für Spieler und Zuschauer sowie der inhaltlichen und argumentativen Erarbeitung.

Die Theaterpädagogin Viola Spolin verwendet I als Mittel, um Kinder und Erwachsene durch Selbsterkenntnis und persönliche Erfahrung zu kreativem Ausdruck zu bringen. Ihr Hauptwerk Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater (1963, im Original ohne Hinweis auf Pädagogik und Therapie: Improvisation for the Theatre) stellte eine erste umfassende Methodik dar, mit deren Hilfe es gelingen konnte, freie I zu spielen und legte den Grundstein für das I-Theater der Gegenwart. Ihre Spiele und Übungen sind fester Bestandteil sowohl im professionellen als auch im nichtprofessionellen I-Theater.

Der von Keith → Johnstone in den 1970er Jahren entwickelte → Theatersport  ist  die  wohl  derzeit  bekannteste Form des I-Theaters. Theatersport ist auf professionellen Bühnen und im Amateurbereich gleichermaßen anzutreffen. Mit Johnstones Spieltechniken, Schauspielübungen und Prinzipien versuchen die SpielerInnen, zu mehr Spontanität und Kreativität zu gelangen. Die Prinzipien des Theatersports ermöglichen es, dass gemeinsam und spontan Geschichten entwickelt werden können.

Die thp Ansätze von Boal, Spolin und Johnstone zielen darauf ab, möglichst vielen Menschen I zu ermöglichen. Ganz allgemein formuliert geht es ihnen um die Entfaltung von kreativem Potenzial und um persönliches Wachstum. Johnstone möchte I-Theater vor allem auf einer Bühne vor Publikum ermöglichen, während die Show für Spolin und Boal eher eine untergeordnete Rolle spielt. Alle drei Theaterpädagogen verstehen die Freisetzung des kreativen Potenzials, die Befreiung des Ichs von internalisierten Zwängen und die Erweiterung des Blickfeldes in der Dialektik von Selbst- und Fremdwahrnehmung als einen Lernprozess.

Batz, Michael/Schroth, Horst: Theater zwischen Tür und Angel. Reinbek 1993; Boal, Augusto: Theater der Unterdrückten. Frankfurt a. M.1989; Ders.: Der Regenbogen der Wünsche. Methoden aus Theater und Therapie. Seelze (Velber) 1999; Brauneck, Manfred/Schneilin, Gérard (Hg.): Theaterlexikon. Reinbek 1986; Dixon, Randy: Im Moment. Theaterkunst Improtheater – Reflexionen und Perspektiven. Planegg 2000; Ebert, Gerhard: Improvisation und Schauspielkunst. Berlin 1979; Johnstone, Keith: Theaterspiele – Spontanität, Improvisation und Theatersport. Berlin 1998; Ders.: Improvisation und Theater. Berlin 2000; Lenzen, Dieter (Hg.): Pädagogische Grundbegriffe, Bd. 2. Reinbek 1998; Leutz, Grete: Psychodrama. Berlin, Heidelberg, New York 1974; Pfeffer, Maria: Die wollen ja immer nur spielen … Eine Entdeckungsreise – ausgehend von der Praxis, hin zur Theorie. Diplomarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule. Berlin 2001; Schaub, Horst/Zenke, Karl G. (Hg.): Wörterbuch Pädagogik. München 2000; Siegemund, Anke: Improvisationstheater – eine Methode in der Sozialen Arbeit zur Entfaltung der Persönlichkeit. Diplomarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule. Berlin 2001; Spolin, Viola: Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater. Paderborn 1997; Trescher, Roland: Die Zuschauer im Improvisationstheater der Gegenwart. Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität. München 1995.

ANKE SIEGEMUND

→ Authentizität – Clownerie – Forumtheater – Spaß – Stegreif – Theater als öffentliche Institution

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und des Schibri Verlags
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