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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Geselligkeit

Das Grimmsche Wörterbuch belegt die gegenwärtige Bedeutung von G – „das gesellige zusammensein, der freundliche Umgang und verkehr, sowie die Neigung und Fertigkeit dazu“ – mit Zitaten aus dem 18. und frühen 19. Jh. Sie markieren die Epoche, in der der Begriff in Deutschland seine theoretische Ausprägung und seine bis heute exemplarische Konkretion erfuhr (Adam 4f.). Trotz einem breiten Variationsspektrum in den einzelnen Epochen und europäischen Kulturen sind verwandte Erscheinungsformen der G seit der Renaissance dokumentiert. Sie begleiten die Urbanisierung, das Erstarken des Bürgertums, die Ausdifferenzierung des sozialen Lebens in private und öffentliche Bereiche. Neben der alltäglich-spontanen G in Nachbarschaften, Gasthäusern und an anderen öffentlich zugänglichen Orten, neben traditionellen Formen ritualisierter  und  neuen  Formen  religiöser  und geheimbündlerischer G bildet sich in Adels- und Bürgerhäusern eine G des Gesprächs heraus, in dem neben pädagogischen und religiösen Themen ästhetische Gegenstände eine wichtige Rolle spielen. Als Selbstzweckhaft ist diese G zu unterscheiden von Gruppierungen, deren Gemeinsamkeit in der Verfolgung eines äußeren Zwecks begründet ist.

Goethe hat der G gebildeter italienischer Adliger der Renaissance im Torquato Tasso ein literarisches Denkmal gesetzt; darin betont er zwei Merkmale: die dominierende Rolle der Frauen und ihre normative Funktion bei der Ausbildung angemessenen geselligen Verhaltens. Beide treffen auch auf spätere G-varianten zu. Die für Europa vorbildhaften Pariser Salons im 17. und 18. Jh. waren von Frauen gestaltete Rückzugsgebiete des vom absoluten Königtum entmachteten Adels und zugleich Übungs- und Bildungsräume für das Bürgertum. Sie waren Orte geistreichen Gesprächs, literarischer Spiele und Briefwechsel; es wurden Lesungen und Theateraufführungen arrangiert. Salons waren Inseln der Toleranz und sozialen Gleichberechtigung, nicht zuletzt, weil politisch brisante Gesprächsthemen ausgeblendet wurden. – Das durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstete Deutschland kannte solch intellektuelle Eleganz nicht. Ständeübergreifende ,Sprachgesellschaften‘ von Gebildeten und Gelehrten zielten auf die Förderung der deutschen Sprache und Literatur und trugen zur Herausbildung einer literarischen Öffentlichkeit bei. Die Bedeutung ästhetischer Spielformen belegt Georg Philipp Harsdörffers Werk Frauenzimmer Gesprächsspiele (1643–1647).

Im Konflikt mit ständischen Gesellschaftsformationen und starren Regelpoetiken entwickelten die Autoren der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang zwanglosere Formen geselligen Umgangs. In Goethes Leben entfalten sie sich zu einem Spektrum räumlich wie zeitlich weit gespannter Freundschaftsbünde, Gespräche, Briefwechsel, Lektüre- und Theaterzirkel. Eine jüngere Generation von Autoren, so Friedrich und August Wilhelm Schlegel, ihre Frauen Caroline und Dorothea, Novalis, Tieck, Schelling und Schleiermacher, knüpfen zwischen 1798 und 1800 in Jena und Berlin so intensive wie flüchtige Freundschaftsverbindungen, in denen Eros, Literatur und Philosophie eine produktive Allianz eingehen. In dieser romantischen G, ähnlich wie in Frankfurter, Marburger, Heidelberger und Berliner Kreisen um die Geschwister Brentano, überlagern sich Literatur und Leben; für einen historischen Augenblick wird „die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch“ (Schlegel 182). Die romantische G ist  verflochten mit der Geschichte der Berliner Salonkultur, an der gebildete Töchter der wohlhabenden jüdischen Familien größten Anteil haben. Die berühmtesten Salons, Foren und Fermente literarischen Lebens und ästhetischer Reflexion sind die der Henriette Herz und der Rahel Levin, später verheiratete Varnhagen. Formen geselliger Literaturrezeption und -produktion sowie musikalischer G bleiben in Deutschland weit ins 19.Jh. erhalten. Indes verlagern sich die Funktionen der Salons hin zur konventionellen Repräsentation einerseits, zur politischen Debatte andererseits. Um die Wende zum 20. Jh. entwickelt sich – neben exklusiven intellektuellen Salons z. B. des Kunstkritikers Julius Meier-Gräfe und um Stefan George – eine G künstlerischer Avantgarden, für  die  das  Café  Treffpunkt und Produktionsstätte wird. Die Nationalsozialisten bereiten dieser künstlerischen G ein abruptes Ende.

Während der Emanzipationsbewegung um 1968 experimentieren junge Erwachsene mit Formen politisch subversiver G in Kommunen und Wohngemeinschaften; sie sind nicht dauerhafter als ihre romantischen Vorläufer, wirken aber wie diese als stimulierende Bilder einer G, in der Leben und Arbeit, Liebe, Freundschaft, künstlerische Produktion und philosophische Reflexion zu einer Synthese finden könnten. Spätere Versuche, z. B. in Berlin, eine neue Salonkultur zu etablieren, bleiben aufgrund der Weitläufigkeit und der Diversität der intellektuellen und künstlerischen Szenen marginal. An die Stelle der Salons und Cafés sind heute einerseits die von Verlagen und Literaturhäusern arrangierten Lesungen getreten, andererseits schnell wechselnde jugendkulturelle Initiativen; seit den 1980er Jahren gehören Schreibwerkstätten zum Programm vieler Bildungsinstitutionen.

Als Vorläufer eigentlicher G-Theorien können die in ,Manierenschriften‘ festgelegten Normen des geselligen Verhaltens gelten (vgl. Elias). Eine ,Theorie des geselligen Betragens‘ entfaltet Schleiermacher 1799 im Kontext der klassischen Ästhetik und der romantischen geselligen Praxis. Nachdem Kant (1790) das Schöne als Zweckmäßigkeit ohne Zweck und die ihm angemessene Rezeption als freies Spiel der Einbildungskraft bezeichnet, Schiller (1795) den Spieltrieb als die Energie im Menschen definiert hatte, deren Gegenstand die Schönheit ist, bezieht Schleiermacher G in den selben ästhetischen, von allen äußeren Zwecken freien Bereich des Lebens ein: „Der Zweck der Gesellschaft wird gar nicht als außer ihr liegend gedacht; […] es kann also auf nichts anders abgesehen seyn, als auf ein freies Spiel der Gedanken und Empfindungen, wodurch alle Mitglieder einander gegenseitig aufregen und beleben.“ (Schleiermacher 169f.) G in Schleiermachers Sinn verlangt nicht, dass das Individuum seine Eigentümlichkeit, seine ,Manier‘ verleugnet: Nicht die Manier ist „der eigentliche Gegenstand des Schicklichen“, „sondern der Stoff“ (ebd. 174). Der aber gewinnt seinen Reichtum aus der Eigentümlichkeit der beteiligten Individuen. Notwendig ist, „daß jeder darnach strebe, das was er ist, an den Tag zu geben; seine unbequemen Eigenschaften in Schranken zu halten, das ist dann die Angelegenheit der Andern, und sie werden schon dafür sorgen“ (ebd. 175). Nur dann ist der Begriff der ,freien Geselligkeit‘ (ebd. 168f.) erfüllt, die „eine durch alle Theilhaber sich hindurchschlingende, aber auch durch sie völlig bestimmte und vollendete Wechselwirkung seyn soll“ (ebd. 169).

Auch Georg Simmel (1999; 2001) definiert zu Beginn des 20. Jhs. G als ein dem Ästhetischen verwandtes Phänomen. Parallel zu einem ,Kunsttrieb‘ könne man von einem ,Geselligkeitstrieb‘ sprechen: Er löst „gleichsam in reiner Wirksamkeit aus den Realitäten des sozialen Lebens die Form des Miteinander, des bloßen Gesellschaftsprozesses als einen Wert und ein Glück heraus und konstituiert damit, was wir Geselligkeit im engeren Sinne nennen“ (2001, 178). Simmel bezeichnet G als „Spielform der Vergesellschaftung und als […] zu deren inhaltsbestimmter Konkretion sich verhaltend wie das Kunstwerk zur Realität“ (180). Das Gelingen der G ist wie bei Schleiermacher abhängig von den Individuen, die sie bilden. Schärfer als Schleiermacher akzentuiert Simmel die Dimensionen der Persönlichkeit, die nicht in die gesellige Sphäre gehören: ihre ,objektiven Bedeutungen‘, wie Reichtum und Gelehrsamkeit, sowie „das Allerpersönlichste des Lebens, des Charakters, der Stimmung, des Schicksals“ (179).

Die Modernisierungsprozesse seit der zweiten Hälfte des 20. Jhs. haben den Abbau von Normen und Regeln im gesellschaftlichen Leben vorangetrieben. Die digitalen Medien verstärken diese Tendenz zum Informellen, indem ihr Gebrauch zu einer virtuellen G jenseits kontrollierbarer leibhafter Präsenz führt. Eine dieser Entwicklung angemessene Theorie der G steht noch aus (vgl. Seibert 1999).

G gelingt kraft des Eigensinns der sie bildenden Individuen, sie setzt aber auch Affektund Verhaltensmodellierungen voraus. Daher kommen ihr wichtige Funktionen im Bildungsprozess zu, die erst langsam ins Bewusstsein der Erziehungswissenschaft rücken (vgl. Sting). Affektmodellierung durch Internalisierung von Regeln und Vorbildern ist nach wie vor unerlässlich, auch wo informelle Umgangsweisen dominieren. Die Rückkehr zu einem auf Anpassung gerichteten Normenkanon kann dafür der richtige Weg nicht sein, wohl aber die Förderung von Formen einer G, in der das Individuum das Ausbalancieren von Nähe und Distanz einüben und das Glück gelingender Wechselwirkungen im Gespräch, Spiel und in ästhetischer Rezeption und Produktion erfahren kann. Die Reformpädagogik suchte solche Formen im Wandern und Feiern, im Singkreis, im Laienspiel. Theoretischen Grund dieser ,musischen‘ G legte u. a. der Entdecker der Schleiermacher-Schrift, Herman Nohl, dessen Interesse allerdings nicht der intellektuellen romantischen Spielart, sondern irrationaler Volkstümlichkeit und einer vagen gemeinschaftlichen Selbsttätigkeit galt (vgl. Mollenhauer). Im Rückgriff auf historische G und auf kritisch-reflexive reformpädagogische Ansätze entwickelten Mattenklott (1979) u.a. Ende der 1970er Jahre Modelle literarischer G in Schreibwerkstätten, die seitdem in außerschulische Bildungsrichtungen wie in Schule und Unterricht Eingang gefunden haben. Ein Pendant dazu ist die musikalische Gruppenimprovisation (vgl. von Kieseritzky u.a.). Besondere Bedeutung kommt dem Theaterspiel zu, das verschiedene künstlerische Sprachen integriert und im Wechselspiel zwischen Affekten und ihrem Ausdruck ebenso wie zwischen Individuen gesellige Bildung in leibsinnlicher Konkretion zu fördern vermag.

Adam, Wolfgang (Hg.): Geselligkeit und Gesellschaft im Barockzeitalter. Wiesbaden 1997; Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bde. Frankfurt a. M. 1976; Harsdörffer, Georg Philipp: Frauenzimmer Gesprächsspiele. Nürnberg 1643–1647; Hoffmann-Axthelm, Inge: Geisterfamilie. Studien zur Geselligkeit der Frühromantik. Frankfurt a. M. 1973; Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Hamburg 1963; Kieseritzky, Herwig von/Schwabe, Matthias: Musikalische Gruppenimprovisation. Musik spielend erfinden. In: Mattenklott, Gundel/Rora, Constanze (Hg.): Arbeit an der Einbildungskraft. Praxis Musisch-Ästhetischer Erziehung, Bd. 1. Baltmannsweiler 2001; Mattenklott, Gundel: Literarische Geselligkeit. Freies Schreiben in der Schule. Stuttgart 1979; Mollenhauer, Klaus: Zur pädagogischen Theorie der Geselligkeit. In: Erziehung und Emanzipation. Polemische Skizzen. München 1968; Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: Fricke, Gerhard/Göpfert, Herbert G. (Hg.): Sämtliche Werke, Bd. 5. München 1959; Schlegel, Friedrich: Fragmente. In: Behler, Ernst u. a. (Hg.): Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, 1. Abt., Bd. 2. München u. a. 1958; Schleiermacher, Friedrich D. E.: Versuch einer Theorie des geselligen Betragens. In: Birkner, Hans-Joachim u. a. (Hg.): Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Kritische Gesamtausgabe, 1. Abt., Bd. 2: Schriften aus der Berliner Zeit 1796–1799. Berlin, New York 1984; Seibert, Peter: Der literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Aufklärung und Vormärz. Stuttgart, Weimar 1993; Ders.: Ästhetischer Geselligkeitsraum: Romantischer Salon, Literatencafé, Cyber-Kommunikation. In: Vietta, Silvio/Kemper, Dirk (Hg.): Ästhetische Moderne in Europa. Grundzüge und Problemzusammenhänge seit der Romantik. München  1998; Simmel, Georg: Grundfragen der Soziologie. Drittes Kapitel: Die Geselligkeit. In: Georg Simmel. Gesamtausgabe, Bd. 16. Frankfurt a. M. 1999; Ders.: Soziologie der Geselligkeit. In: Georg Simmel. Gesamtausgabe, Bd. 12. Frankfurt a. M. 2001; Sting, Stefan: Soziale Bildung. Pädagogisch-anthropologische Perspektiven der Geselligkeit. In: Zs. für Erziehungswissenschaft, 2002, H. 5, Beiheft 1.

GUNDEL MATTENKLOTT

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