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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Geistliche Spiele

Die GS des Mittelalters und der frühen Neuzeit haben ihren Ursprung im Gottesdienst; sie sind aus den Wechselgesängen der Liturgie hervorgegangen. Es handelt sich um einfache, stoffgebundene Darstellungen biblischer Szenen, die zuerst in lateinischer Sprache, später in der jeweiligen Landessprache, in der Kirche vom Klerus dargestellt wurden (vgl. Rischbieter 495). Spielort war seit dem 13. Jh. auch der Kirchbzw. Marktplatz. Die Osterfeier aus dem 10. Jh. ist die älteste Form des GS, später entwickelte sich daraus das umfangreichere Passionsspiel. In der Form des Gottesdienstes gab es zwei Erscheinungen: den offiziell geplanten, vorgeschriebenen (also auch schriftlich fixierten und meist gesetzlich angeordneten) üblichen Ablauf (er wird vor allem von den Offiziellen, den Amtsträgern, den Klerikern bestimmt) sowie die aktuellen Vorkommnisse, die spontan entstehen und sich zum Teil brauchtumsmäßig verfestigen, zum Teil in den offiziell geplanten Ablauf integriert werden, zum Teil von der Institution bekämpft werden (sie sind vor allem vom ,Volk‘, von den Laien geprägt, obwohl auch einzelne Kleriker als Personen daran beteiligt sind. Die Kirche als Institution ist nur sekundär, billigend oder verurteilend, damit befasst).

Der Gottesdienst, spezieller die katholische Messe, ist eine Beteiligungsform. Teile daraus sind ,Spezialisten‘ vorbehalten (Klerikern), andere Teile werden von den Teilnehmern (Laien) oder von allen gemeinsam ausgeführt. Zu den gemeinsamen Teilen gehören: Lieder, Gebete, gemeinsame Bewegungen (Hände falten, aufstehen, knien, sich zu einem anderen Ort begeben). Schon 1898 hat Richard Heinzel in seiner Beschreibung des geistlichen Schauspiels im Mittelalter Zeugnisse für die ,Beteiligung des Publikums‘ zusammengestellt (vgl. Heinzel 35, 61f., 86).

Der reale Ablauf des Gottesdienstes im späten Mittelalter bzw. in der frühen Neuzeit dürfte durchaus nicht nur würdig, heilig, sakral verlaufen sein (vgl. auch Greisenegger 14). „Man darf wohl annehmen, daß der Gottesdienst, vor allem dann, wenn er in der Kathedrale stattfand, ganz unabhängig von den wenigen Höhepunkten des liturgischen Festkreises oftmals in Spielen, Belustigungen und Gelächter endete, häufiger noch in Hymnen und Gesängen, begleitet von prozessionsartigen, rituellen, dem Ursprung nach sicherlich sehr alten Tänzen, über denen die Teilnehmer leicht jede Zurückhaltung vergaßen“ (Heers 79). Also lässt sich zumindest zeitweilig eher von ,Volksfestcharakter‘, von einer ,Kernmesse‘ und nicht einer Messe sprechen. Dieser Volksfestcharakter wird durch eine Fülle von Zeugnissen belegt; er lässt sich auch in der sprachlichen Entwicklung des Wortes ,Messe‘ ablesen. Es kommt aus der Schlussformel der katholischen Messe missa von ite misa est. „Ursp. Bezeichnung der kirchlichen Feier, ist es auch zur Bezeichnung des Festtages geworden, an dem eine Messe gelesen wurde […], daher Kirchmesse, woraus Kirmes, Kirms und Lichtmess. Daraus seit dem 14. Jh. Messe, der an einem solchen Festtag abgehaltene Jahrmarkt, dann überhaupt größerer periodisch wiederkehrender Jahrmarkt […]“ (Paul 427).

Auch für das sich innerhalb der Messe entwickelnde Spiel lässt sich Entsprechendes vermuten. Kindermann spricht von Engeln, die „als eine Art ,Theaterpolizei‘ fungieren, sofern nicht Soldaten des Pilatus oder gar Teufelsdarsteller dazu ausersehen sind, den Darstellern, besonders dem Christus-Darsteller, den Weg mitten durch die Publikumsschar zu bahnen. Ruhestörer im Publikum wurden von Teufelsdarstellern ,ergriffen, vor aller Augen in die Hölle geschleppt und dort nicht gerade sanft behandelt‘“ (Kindermann 29).

Zur Konkretion der Publikumswirkung ein Karfreitagsspiel, von dem uns aus dem Jahr 1687 der Text und eine ausführliche Beschreibung vorliegen (vgl. Hadamowsky):

„Als Darsteller sind in vielen Fällen die Steuerdiener der Stadt Wien genannt; jedes der vier Stadtviertel hatte je zwei Beamte, die für die Eintreibung der Steuern zu sorgen hatten; sie scheinen die Träger der Hauptrollen gewesen zu sein […]. Ob die Steuerdiener aus Tradition spielten oder – wie es öfters zu beobachten ist – die Stadt ihnen eine Aufbesserung der Besoldung zukommen lassen wollte, ist nicht zu entscheiden. Eine Art Gesamtorganisation scheint der Messner von St. Stephan gehabt zu haben; er besorgte die Statisten, die neben dem Gotteslohn des Ablasses das ,Fruestuckh‘ aus ,fleisch, prott, kraut und wein‘ als irdische Kostzubesserung gern annahmen“ (Hadamowsky 18).

Die Steuerdiener haben also nachweislich nicht alleine gespielt; selbst für die Besetzung der Hauptrollen (der von Hadamowsky abgedruckte Text zählt 15 Rollen auf) reichte ihre Zahl nicht aus; darüber hinaus müssen wir aber mit einer Fülle von Nebenrollen rechnen; für diese ,Statisten‘ finden sich immer wieder Belege in den Abrechnungen der Bruderschaften: Es lassen sich drei Gruppen unterscheiden: (1.) die eigentlichen Veranstalter und Spieler der Hauptrollen, die Steuerdiener; (2.) die Statisten, die fest umrissene Aufgaben im Spiel haben, die dafür geprobt haben und eine Gratifikation (in Geld und/oder Naturalien) erhalten; (3.) die Besucher des Spiels, die zuschauen und mitwandern, aber an entscheidenden Momenten des Spiels auch mitagieren.

Zum Prolog erfolgt mehrmals die übliche Mahnung des Prologsprechers an die Zuschauer:

„Höret zu, und schweigt ein wenig still, / merckt waß ich euch jetzt anzeigen will.“ (114) Als Beispiel für die Mitwirkung des Publikums kann u.a. Folgendes gelten: „Ach weinet Ihr Sünder ohne verdruß,/ nembt Ewere händt, klopfft an die Brust, dieße wundten habt ihr selbsten gemacht,/ O Sünder dießes wohl betracht […]“ (125).

Zusammen mit dem Text werden auch einige ,Regieanweisungen‘ notiert: „Diese Comoedi deß Passions und der Gottesdienst sambt denen gebräuchlichen ceremonien werden alßo eingerichtet, daß Sie zu einiger Zeit interrumpirt und auffgehebt werden, worauff dan die procession mit dem Hochwürdigen zu dem Heyligen grab erfolget, so von denen Thumbherren, unterschiedlichen Cavallieren, Dähmen, und dem gantzen Stadt Magistrat, sambt allen der Bruderschafft Corporis Christi einuerleibten Brüdern und schwestern, welche alle brennende fackhlen undt kertzen in den händen tragen, begleitet wirdt“ (136f.). Auch tätige Teilnahme ist erwünscht, das Publikum soll z.B. „helffen allzugleich, beklagen unßern herrn Jesu Christ“ (139). Dieses Klagen soll in Gesten und Bewegungen, in Wort und Gesang deutlich werden: „hebt alßo zu gesencken an“ (140).

Deutlich lässt sich unterscheiden, wann das Publikum zu Gedanken und Gefühlen, wann es zu direkter körperlicher Beteiligung aufgefordert wird; einmal sollen die ,hertzen‘ ,gedenckhen‘, dann sollen die Hände erhoben, an das Herz geklopft werden, zu ,gesencken‘ wird aufgefordert und zum abschließenden gemeinsamen Amen.

Das GS als Beteiligungsform übernimmt übliche Verhaltensweisen aus dem Gottesdienst und setzt sie zur Wirkungssteigerung ein. Die Beteiligungsregeln werden, wie im Gottesdienst, verbal und durch Beispiel vermittelt; es gibt Reduktionsregeln (schweigt stille) und Animationsregeln (sagt Amen, singt usw.). Provoziert wird eine körperliche Beteiligung, um die emotionale Beteiligung zu steigern. Es geht nicht darum, eigene Ideen der Zuschauer einzubringen; Ziel des mittelalterlichen Spiels ist die Betroffenheit der Zuschauer. Die Betroffenheit ist „Hilfsmittel zur Durchsetzung der eigentlichen Anliegen: der Bekehrung, der Festigung im Glauben, des Gehorsams der weltlichen und geistlichen Obrigkeit gegenüber“ (Greisenegger 77).

Catholy, Eckehard: Das Fastnachtsspiel des Spätmittelalters. Gestalt und Funktion. Tübingen 1961; Greisenegger, Wolfgang: Die Realität im religiösen Theater des Mittelalters. Ein Beitrag zur Rezeptionsforschung. Wien 1978; Hadamowsky, Franz: Mittelalterliches geistliches Spiel in Wien 1499– 1718. Wien 1981; Heers, Jacques: Vom Mummenschanz zum Machttheater. Europäische Festkultur im Mittelalter. Frankfurt a. M. 1986; Heinzel, Richard: Beschreibungen des geistlichen Schauspiels im Mittelalter. Hildesheim, New York 1977; Kindermann, Heinz: Das Theaterpublikum des Mittelalters. Salzburg 1980; Muir, Lynette R.: The Biblical Drama of Medieval Europe. Cambridge 1995; Neumann,Bernd: Geistliches Schauspiel im Zeugnis der Zeit. Zur Aufführung mittelalterlicher religiöser Dramen im deutschen Sprachgebiet. München, Zürich 1987; Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. Tübingen 1966; Rischbieter, Henning (Hg.): Theater-Lexikon. Zürich, Schwäbisch Hall 1983.

DAGMAR DÖRGER

Mit Genehmigung der Autorin entnommen aus: Animationstheater. Frankfurt a. M. 1993.

Animation – Bibliodrama – Geselligkeit – Interaktion – Lernen und Theater – Magie – Mitspiel(theater) – Schuldrama – Theatralität – Volkstheater

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