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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Fragment

In der Antike wird der Begriff F nur auf konkrete Gegenstände bezogen, es gibt keine bewusst fragmentarische Kunst und er wird in Dichtungstheorien nicht thematisiert. Eine Ausnahme bildet das Flickgedicht, das sich aus Versen und Versteilen anderer Autoren zusammensetzt. Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit wird F zwar auch auf Geistiges bezogen, es kommt aber nicht als positive ästhetische Kategorie zur Geltung, auch wenn Unterbrechung und Diskontinuität in Text und Rede als zulässig gelten. Zudem lassen sich auch in mittelalterlichen Texten fragmentarische Strukturen aufweisen, was für Classen (1995) ein Hinweis dafür ist, dass mittelalterliche Dichter die Form des F im Sinne eines offenen Schlusses bewusst zur Wirklichkeitsbewältigung nutzten. Zum Vorläufer einer Kunst des F werden Autoren wie Montaigne und Pascal durch ihren essayistischen und aphoristischen Stil, der die Vorläufigkeit aller Dinge betonen soll. Trotzdem wird das Fragmentarische als das Defizitäre angesehen, so z.B. im einschlägigen Artikel in Diderots Encyclopédie (1757, vgl. Ostermann 1996, 458).

Zu einem Perspektivenwechsel kommt es erst Mitte des 18. Jhs., hier entsteht – zunächst in Deutschland – eine absichtlich fragmentarische Literatur. Der fragmentarische Schreibstil wird bei Herder und Hamann abgeleitet aus eschatologischer Deutung, die auf die eigene, eingeschränkte Erkenntnissituation bezogen wird, mithin auf das noch nicht Erkannte. Als Gründungstext für die Vorstellung vom F als Kunstform gilt Winckelmanns Beschreibung des Torso im Belvedere zu Rom (1759), denn „gerade indem Winckelmann ein Kunstwerk von beispielhaft fragmentarischer Gestalt auf sein plastisches Ideal absoluter körperlicher Vollkommenheit hin transzendiert, gelingt ihm die praktische Vergegenwärtigung ästhetischer Bruchstückhaftigkeit, die nach dem Ende der Ganzheitsästhetik ihren eigenen Wert erhält“ (Ostermann 1996, 980).

In der Frühromantik gelangt die Idee des F zum Durchbruch. Mit dem Beharren auf die Relevanz des Ästhetischen gewinnt das Argument für eine notwendig fragmentarische Kunst und Poesie an Bedeutung und so erklären F. Schlegel, Novalis, Schleiermacher, Schlegel das F zur selbstständigen literarischen Gestaltungsweise mit programmatischem Anspruch. Eingebunden ist dies in einem Verständnis von Kunst als per se fragmentarisch, da eine Vereinigung von Kunst und Wissenschaft angestrebt wird, mit der Tendenz einer fortwährenden Annäherung an ein transzendentales unerreichbares Universalganzes. Verknüpft mit den Theorien der deutschen Romantik ist die französische Lyrik des Symbolismus, der es aber nicht mehr um das unerreichbare Ideal geht, sondern die die Möglichkeit der Vollendung bezweifelt. Von da an entwickelt sich die Idee des F im Sinne einer bewusst gewählten Form in allen Bereichen der Kunst als Hinweis sowohl auf die Unabschließbarkeit des Produktionsals auch des Reproduktionsprozesses.

In der Ästhetik der Moderne wird das F zu einer der Zerrissenheit der Welt adäquaten Kunstform. War das F in der Poesie der Romantik gerichtet auf das absolute Ganze, wird es bei Bloch Benjamin und Adorno zum Verweis auf ein noch nicht Erreichtes. Durch das Fragmentarische erreicht Kunst ein Korrelat zur Welt, das F erhält Bedeutung durch die Relevanz zum Ganzen. Dagegen drückt F bei Nietzsche die destruktive Dynamik des Ästhetischen aus. F ist nicht Teil eines noch nicht fassbaren Ganzen, sondern dieses Ganze ist entweder nicht fassbar oder existiert nicht. Dies aufnehmend, dient es bei Foucault, Derrida, Paul de Man dem subversiven Effekt, die Ganzheit in Frage zu stellen.

Heute bezeichnet man mit F sowohl das unvollständig, bruchstückhaft Überlieferte als auch das bewusst unvollständig Gelassene, sei es nun aufgrund äußerer Umstände F geblieben oder gewollt als F konstituiert. Verstanden als Teil einer abwesenden Ganzheit bleibt F semantisch offen, es kann sich sowohl auf eine nicht mehr existierende als auch auf eine noch nicht existierende Ganzheit beziehen. Immer aber steht es im Zusammenhang zum Ganzen, ob es nun Totalität abstößt oder sich darauf bezieht und „im Bezug oder auch im erklärten Nicht-Bezug aufs Ganze bestimmt sich das Wesen des F je verschieden. Je nachdem dieser Bezug Zusammengehörigkeit und Nicht-Koexistenz meint oder Zusammengehörigkeit und Nicht-Koexistenz oder beides nicht, ergeben sich drei Bestimmungen des F“ (Dällenbach u. a. 15). Entweder das F ist Teil des Ganzen und stellt die Vollständigkeit nicht in Frage oder es ist Teil eines Ganzen, dem es aber nicht mehr oder noch nicht angehört oder der Hiatus zwischen F und Totalität wird absolut gesetzt und hat daher weder Bezug nach außen noch auf sich selbst.

Entsprechend groß sind die Möglichkeiten, durch das F Homogenes als gebrochen zu zeigen, quasi die Beziehung zur Partialität der Moderne zu reflektieren, ästhetisch vermittelt z.B. durch die Technik der Montage, egal ob Ganzheit als Unmöglichkeit angesehen wird (Nietzsche) oder als in Zukunft erreichbar (Bloch). Dies zeigt sich vor allem in den Methoden der Lyrik, für die das Fragmentarische konstitutiv wurde. War das F zunächst eine Bestimmung des Unvollendetseins wurde es in der weiteren Entwicklung auch formbestimmend. F-Charakter zeigt sich in der Musik durch Formen des Abbrechens und Unterbrechens und in der bildenden Kunst mittels des Torsomotivs. In der Prosa wird der Roman als Summe von Bruchstückhaftem gesehen, was dann in der filmischen Schnitttechnik nachvollzogen wird. Im Drama führt die Freisetzung von Handlungsimpulsen zu einer radikalen Infragestellung des auf Kausalität und Finalität ausgerichteten Handlungsmodells (z. B. absurdes Theater). Durch das F wird die Offenheit des Werkes betont, das F steht gerade dadurch in Relation zur Realität, weil es selber einen Prozess entwirft und das kommunikative Verhältnis zwischen Fiktion und Realität betont, indem sich das Werk erst durch Rezeption aktualisiert. Das F fordert zur aktiven Arbeit auf, sowohl kunstintern als auch auf das praktische Handeln in der Gesellschaft bezogen, da sein Charakter auf Reaktion angelegt ist. Dies lässt sich auch auf die thp Arbeit übertragen. Anknüpfend an Brechts Deklaration der Bühne zum Laboratorium und offenen Versuchsraum, stellt sich die Frage, wie gegenwärtig der Rezipient in einen Erfahrungsprozess versetzt werden kann. Das Brechtsche ‚Etwas fehlt‘ verweist auf Offenheit und damit auf den F-Charakter jeglicher Darstellung, die Bezüge zwischen dem auf der Bühne und dem im Alltag Erlebten herstellen will. Das F ermöglicht es, Stücke durch Gegen-Entwürfe dialektisch fortzusetzen, das F quasi zu versetzen. Deshalb sind bei Brecht epische Stücke fragmentarisch und bleiben Musik, Bühnenbild, Texte eigenständige Künste.

Gerade bei der Entwicklung von Zukunftsszenarien ergeben sich durch den F-Charakter Möglichkeiten, mit Versatzstücken Neues zu entwickeln.

Classen, Albrecht: Der Text, der nie enden will. Poetologische Überlegungen zu fragmentarischen Strukturen in mittelalterlichen und modernen Texten. In: Zs. für Literaturwissenschaft u. Linguistik, 1995, H. 99; Dällenbach, Lucien/ Hart Nibbrig, Christian L. (Hg.): Fragment und Totalität. Frankfurt a. M. 1984; Ostermann, Eberhard: Der Begriff des Fragments als Leitmetapher der ästhetischen Moderne. In: Athenäum. Jahrbuch für Romantik, 1991; Ders.: Fragment. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen 1996; Ueding, Gert: Fragment und Utopie. In: Der Monat, 1968, Juli; Vidal, Francesca: Kunst als Vermittlung von Welterfahrung. Zur Rekonstruktion der Ästhetik von Ernst Bloch. Würzburg  1994.

FRANCESCA VIDAL

Ensemble der Künste – Lehrstück – Werkstatt – Zukunftswerkstatt

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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