skip to Main Content

Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Feedback

Das F-prinzip wurde 1946 vom Sozialpsychologen Kurt Lewin  als  sozialwissenschaftliches  Konzept entwickelt (vgl. Fengler 14). In der Kybernetik, der Lehre von den Regelprozessen, liegt der Ursprung des Begriffs F: Er bezeichnet den Vorgang der ,Rückfütterung‘ bzw. Rückbindung zwischen zwei oder mehreren maschinellen Subsystemen (vgl. Geißner 1998, 43).

F „als kommunikative Prozesse, in denen Menschen einander beeinflussen oder versuchen, sich zu beeinflussen, sei es einseitig oder wechselseitig“ (ebd. 10), hat sich in den Sozialwissenschaften als Methode fest etabliert. Hierin wird F durch das Bekenntnis zur bewussten und kontrollierten Subjektivität zur Methode erhoben. Nach dem Prinzip des sich selbst fortschreitenden Gruppenprozesses unterhalten sich die Forscher darüber, was sie an anderen Personen wahrgenommen haben, konfrontieren diese damit, erhalten wiederum Bericht über die Wahrnehmungen der Beobachteten selbst und deren Reaktionen auf die Mitteilungen der Forscher usw. (ebd. 15).

Die Methode des F ist als „eine Möglichkeit des sozialen Lernens in die Fachsprache der Gruppendynamik eingeführt worden, um Gruppenprozesse zu beobachten“ (ebd. 44). Das Übungsinstrument F dient dazu, „über die Differenz von Selbst- und Fremdwahrnehmung zu lernen und dadurch Beziehungen zu bearbeiten“ (ebd. 52). Es ist ein unverzichtbarer Bestandteil der gruppendynamischen Lernkonstellation, also auch der thp Werkstattsituation. Entscheidend ist die Deklaration der F-situation als solche, wenn nicht rein intuitiv, sondern methodisch und regelgeleitet, mit hohem Maß an Selbst-Reflexivität gearbeitet werden soll.

Denn F kann auch verstanden werden als Rückmeldung im Sinn von Echo, Reaktion, Beifall: „Habt ihr dagegen reichlich Beifall und Feedback, dann stellt euch der harten Frage, ob ihr zu simpel und bequem seid. Ein klatschendes Publikum ist nicht unbedingt ein Zeichen für gutes Theater, es kommt auch immer darauf an, wer da klatscht.“ (Batz u.a. 207) Diese Art Rückmeldung ist vage, indifferent, lässt verschiedene Deutungsmöglichkeiten zu. Im Gegensatz zu dieser impliziten Form von F weist sich explizite F-fähigkeit aus durch differenzierte Wahrnehmung, durch die Fähigkeit, diese Wahrnehmungen von Handlungen und Arbeitsergebnissen genau zu beschreiben, dessen Wirkung auf uns und unsere Reaktion auf diese Wirkung mitzuteilen (vgl. Slembek 61; vgl. Geissner 1982, 42f.).

Im thp Arbeitsfeld müssen nicht nur Hemmungen überwunden werden, um Darstellung zu wagen, es muss auch die Rolle des rückmeldenden Zuschauers erlernt werden. BeobachterInnen haben die wichtige Funktion, genau wahrzunehmen und das Wahrgenommene bzw. Assoziationen dazu genau zu beschreiben. Nur so können die SpielerInnen „etwas ‚in Erfahrung bringen‘ – über [sich] selbst als Teile dieser Gesellschaft, als Menschen, die von dieser Gesellschaft geprägt sind und sie prägen, und dazu brauchen wir ganz wesentlich die Wahrnehmungen der Mitspieler und ‚Beobachter‘“ (Steinweg 32). Die Fähigkeit, zwischen F und Kritik zu differenzieren, ist hier wesentlich, um Abwehrhaltungen, Entmutigung bzw. Spielhemmung zu vermeiden. Kategorien wie ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ verringern die Lust, spielend auszuprobieren. (‚Theater‘-)Kritik ist kontraproduktiv.

In der Lehrstückarbeit (kollektive Spielversuche mit Lehrstücken  als  Spielvorlage)  gibt  es  keine  feste Rollenvergabe: Alle spielen, kommentieren, führen Regie. Der Rollentausch, mit entlastender Funktion für die F-gebenden, ermöglicht es allen Beteiligten, „Phantasie in Bewegung zu bringen, Assoziationen ‚kommen zu lassen‘ und dabei den Bedeutungen, die Gesten und Haltungen im Alltag haben, nachzuspüren“ (ebd.). Eine erweiterte und zugleich vertiefende Form des F in der thp Lehrstückarbeit sieht vor, dass SpielerInnen und BeobachterInnen alle erinnerbaren Details zu Körperhaltung, Gestik, Mimik,  Intonation usw. unmittelbar nach einem Spieldurchlauf notieren, anschließend erst schriftlich aus dem erinnerten Bild eine Haltung (zum Haltungsbegriff vgl. Scheller 64) entwickeln. Schließlich wird im F die geschaffene Haltung als Reflex auf den erlebten Spieldurchlauf mit vielfältigen Spieltechniken – also nicht allein mündlich – gezeigt: Imitation, Pantomime, Standbilder usw.

„Im Vergleich von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung wird die Differenz zwischen äußerer, körperlicher Haltung und innerer (den Absichten und Gefühlen des Spielers) deutlich.“ (Scheller 72)

Der Nähe des Begriffs F zur Techniksprache steht eine erweiterte und vertiefte Vorstellung der Bedeutung von F als Methode und deren Anwendung in der pädagogischen Theaterarbeit entgegen. F mit prinzipieller Wechselseitigkeit beeinflusst die schauspielkünstlerische Arbeit schöpferisch: „Meine Beziehung zu meiner Arbeit ist zunächst sicherlich weder eingleisig noch didaktisch. […] Der Arbeit mit einem mir anvertrauten Schauspieler wohnt eine nicht mehr meßbare Intimität und Fruchtbarkeit inne. Er muß sich mit Aufmerksamkeit, Vertrauen und innerer Freiheit der Arbeit überlassen […]. Sein innerer Wachstumsprozeß wird begleitet von Beobachtung, Verwunderung und dem Wunsch, sich helfen zu lassen; ich projiziere meinen Wachstumsprozeß auf ihn, besser begründe ihn auf ihm – so wird unser gemeinsames Wachsen zu einer Offenbarung […] gemeint ist das Ziel der vollkommenen gegenseitigen Anerkennung zweier menschlicher Wesen.“ (Grotowski in Brauneck 421)

Batz, Michael/Schroth, Horst: Theater zwischen Tür und Angel. Handbuch für Freies Theater. Reinbek 1983; Brauneck, Manfred: Theater im 20. Jahrhundert. Programmschriften, Stilperioden, Reformmodelle. Reinbek 1982; Fengler, Jörg: Feedback geben. Strategien und Übungen. Weinheim, Basel 1998; Geißner, Hellmut: Sprecherziehung. Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation. Königstein/Ts. 1982; Geißner, Ursula: ,Ich lass mir das von Dir nicht sagen!‘. Feedback – Das Selbstbild im Spiegel der Fremdbilder. In: Slembek, Edith/Geißner, Hellmut (Hg.): Sprechen und Verstehen 15. St. Ingbert 1998; Grotowski, Jerzy: Für ein armes Theater. Zürich 1986; Koch, Gerd u.a. (Hg.): Assoziales Theater. Spielversuche mit Lehrstücken und Anstiftung zur Praxis. Köln 1983; Scheller, Ingo: Arbeit an asozialen Haltungen. Lehrstückpraxis mit Lehrern und Studenten. In: Koch, a.a.O.; Slembek, Edith/ Geißner, Hellmut (Hg.): Feedback – Das Selbstbild im Spiegel der Fremdbilder, a.a.O.; Steinweg, Reiner: Wahrnehmen, Verfremden, Verändern. Frankfurter Spieleinführung. In: Koch,  a.a.O.

SIEGLINDE  EBERHART

Beobachten / Beschreiben / Bewerten – Dialog – Gruppe – Kommunikation – Lebensbegleitendes Lernen – Lernen und Theater – ZuschauSpieler

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
Back To Top