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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Dialog

„Im Anfang war das Wort “ und infolgedessen auch der D zwischen den Menschen. Der D könnte demnach so alt wie die Menschheit sein, d. h. sechs Millionen Jahre, wäre dazu laut Ken Wilber nicht ein geschichtlich erinnerbares Ich-Bewusstsein vonnöten. Er behauptet, dass eventuell der bewusste D zwischen den Menschen mit dem Ende des Paradieses (vor ca. 200 000 Jahren) – die Ansprache Gottes an Adam; damit ist der Dialog Adams und Evas mit Gott der erste mythologisch festgehaltene Beleg unserer westlichen D-kultur – und später mit dem Entstehen eines ersten mentalen Seins (ca. 2 000 Jahre v. Chr.) geschah. Populärer sind dagegen die D Sokrates’, die dessen Schüler Platon im vierten Jh. v. Chr. schriftlich festhielt. Sokrates führte mäeutische, d.h. geburtsähnliche Gespräche mit seinen Schülern, die zur vernünftigen Wahrheit finden sollten. Diese D geschahen im Vergleich zu denen der zeitgenössischen Sophisten nicht in überredender, sondern in überzeugender  Weise.

Betrachten wir den Begriff jedoch aus postmoderner Perspektive, scheint der D letzter Rettungsanker einer an Humanität mangelnden Kultur zu sein. So glaubt David Bohm, dass der D das „offene Gespräch am Ende der Diskussionen“ (Bohm 3) ist. Bohm weist darauf hin, wie wir versuchen, die Verunreinigungen unserer Gesprächskultur anhand von Fehleranalysen zu verbessern, statt zur Quelle zu gehen, wo die Verunreinigung beginnt.

Das Wort, das gesprochen wird, ist kaum noch eine ehrfurchtsvolle Verbindung zwischen den Menschen (vgl. Buber). Wir leben in einer „Zuvielisation“ (Guggenberger zit. n. Frambach 8) des Wortes und einer Atmosphäre virtueller Kommunikationsmanie (vgl. Bradshaw 219). Doch ohne Worte, Zeichen und Symbole können Menschen nicht sinnhaft leben. So kann  der  sozialpädagogische  D,  dessen  Begriffsgeschichte erst entsteht, ein Weg sein, zwischenmenschlichen Sinn zu generieren (vgl. Galuske). Er kann Menschen helfen, die zwischen Staat und Verwandtschaft ein schattenhaftes Dasein führen. Der von der Sozialen Arbeit mitzugestaltende dialogische Raum konstituiert dann eine politische Sphäre.

In diesem Kontext ist der D in Anbindung an das Dialogische Prinzip des jüdischen Philosophen Martin Buber (1878–1965) eine der drei Seinsweisen der Sprache: Seiner Ansicht nach geschieht der D in erster Linie als ein „Begebnis, eine Gesprochenheit, ein Sicheinander-Zuwenden von Menschen“ (Buber 442f.). Im Vergleich dazu beschreibt Buber die anderen zwei Seinsweisen als „Bestand und Besitz“. Die erste Weise meint den Bereich des Sagbaren und die zweite das gesammelte Wissen, das der Aktualisierung bedarf. Als ,Sich-einander-Zuwenden von Menschen‘ verwandelt jeder D und hilft mit, die Wahrheit der Sprechenden sich selbst gegenüber und sinngebende Ausdrucksformen  zu entdecken.

Bohm, David: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen. Stuttgart 2000; Bradshaw, John: Das Kind in uns. München 1992; Buber, Martin: Das Wort, das gesprochen wird. In: Ders.: Werke, Bd. 1: Schriften zur Philosophie. München, Heidelberg 1962; Eigensinn und Wechselspiele. Für eine Vergesellschaftung des Denkens im Dialog [Themenschwerpunkt]. In: Korrespondenzen, 2001, H. 38; Frambach, Ludwig: Ohne Maß und Mitte. Über die spirituellen Wurzeln unserer ökologischen Destruktivität. In: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, 1997, H. 2; Galuske, Michael: Methoden der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Weinheim, München 2001; Wilber, Ken: Halbzeit der Evolution. München  1984.

CORNELIA MUTH

Autobiographisches Theater – Erzähltheater – Geschichte der Sozialpädagogik – Konstruktivismus – Narratives Interview – Sprechen

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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