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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Devising Theatre

DT (engl. Theater herstellen, Theater erfinden) ist eine experimentelle, gruppenorientierte Produktionsform von Theater, die sich in den 1970er Jahren in England als Gegenbewegung zum hierarchisch strukturierten Literaturtheaterbetrieb herausgebildet hat. Das sich in dieser Arbeitsform artikulierende Theaterverständnis (non text-based theatre) hat eine Nähe zu den politischen und kulturellen Suchbewegungen der 1970er Jahre, die einen erweiterten Kultur- und Theaterbegriff forderten, populäre und alltagskulturelle Phänomene, Erfahrung, Körper- und Aktionstheaterformen integrierten und community-theatre (Stadtteilkultur) sowie demokratische, selbstbestimmte Arbeitsstrukturen realisierten. DT formuliert kein ästhetisches Stiloder Formprinzip, sondern versteht sich als eine künstlerische Arbeitsweise, die sich am besten über ihre zentralen Arbeitskategorien charakterisieren lässt.

Kollaboration: Devising ist eine gruppenorientierte künstlerische Arbeit, die selbstbestimmt Projektkonzeption, Arbeitsteilung und Rahmenbedingungen erstellt.

Offene Dramaturgie und Prozessorientierung: Während des Produktionsprozesses werden dramaturgische, ästhetische und arbeitstechnische Fragen verhandelt, sukzessive verdichtet und entschieden.

Generative Techniken: Material und Stoffe werden ausgehend von variablen ,starting points‘ wie Themen, Stichworte, Bilder, Musik, Geräusche, Artefakte, Erfahrungen  selbst  generiert  durch  Improvisation, Kreatives Schreiben, Formaufgaben, Recherche oder Interview.

Komposition und Multiperspektivität: Durch das Zusammenspiel  verschiedener  künstlerischer Medien und Ausdrucksformen wie Körper, Bild, Film, Musik, Tanz, Performance-Art, elektronische Medien ergeben sich neue Mischformen und Crossover-Stile.

Reflexivität: Devising heißt, reflektiertes Theater zu machen, über den ganzen Produktionsprozess bewusste und begründete Entscheidungen zu treffen: Was machen wir wie und  warum.

Produktion: Ziel und Abschluss des gemeinschaftlichen Arbeitsprozesses ist immer das künstlerische Produkt (,creation of an artistic product‘) und seine Präsentation  vor Publikum.

DT ist eng verbunden mit dem ,Dartington College of Arts‘ in England, das durch seine Devising-orientierte Studienform der performance-studies den Begriff DT maßgeblich mitgeprägt hat. Die englische Performance Szene ,Live-Art‘ der 1990er Jahre mit Gruppen wie ,Forced Entertainment‘ und ,Gob Squad‘ hat den DT-Ansatz als künstlerische Arbeitsform, der sich ästhetisch durch charakteristische Erfahrungs- und Raumkonzepte gepaart mit Multimedialität auszeichnet, in Deutschland bekannt gemacht.

Für den thp Arbeitskontext ist der DT-Ansatz interessant, weil er gruppen-, prozess-, themen- und raumorientiert arbeitet und sich zutraut, in seiner multimedialen Offenheit eine jeweils spezifische Ästhetik mit und von den beteiligten Spielern zu entwickeln. Durch den strukturell notwendigen Reflexionsprozess findet zudem eine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium  Theater,  seinen  Gestaltungs- und  Wirkungsformen und den individuellen Lernerfahrungen dabei statt.

Etchells, Tim: Certain Fragments. Texts and writings on Performance. London 1999; Oddey, Alison: Devising Theatre. A practical and theoretical handbook. London 1994.

WOLFGANG  STING

Action Theater – Mitspiel(theater) – Performance – Rollenspiel – Theaterarbeit in sozialen Feldern – Theatersport

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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