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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Deutsch als Fremdsprache

Theater gespielt wird im Umfeld der Vermittlung des Deutschen als Fremdsprache (DaF) schon immer. Ergänzend zum regulären Unterricht werden Theaterstücke deutschsprachiger Autoren geprobt und auf Schul- sowie Universitätsbühnen im In- und Ausland aufgeführt. Charakteristisch für die methodische Vorgehensweise ist dabei i. d. R. ein 2-Phasen-Modell: Eine erste längere und zuweilen auch mühsame Phase ist der theoretischen Sprach- und Interpretationsarbeit gewidmet; in der anschließenden Phase folgt die praktische Inszenierungsarbeit. „Theaterarbeit wird damit auf eine illustrative Funktion reduziert und in ihren Potenzen für den DaF-Unterricht stark eingeschränkt.“ (Bräuer u. a. 99) Der Trennung von unterrichtlich-theoretischer und körperlich erfahrbarer Interpretationsarbeit folgend, wird Theaterarbeit häufig in den Freizeitbereich außerhalb des regulären Unterrichts verbannt. Dafür werden folgende Argumente genannt: institutionelle Zwänge wie der 45-MinutenTakt von Unterrichtsstunden, eindeutige Zuordnungen zu grammatischen Lernzielen und zu vermittelnden Fertigkeiten, die Prüfungsorientiertheit von Sprachkursen und DaF-Studiengängen und nicht zuletzt der Zeitaufwand.

Als unterrichtstragendes Konzept werden theater- bzw. dramapädagogische Ansätze für DaF vor allem durch Manfred Schewe (vgl. 1988; 1990; 1993) erstmals in Deutschland entwickelt. Er verfolgt einen Ansatz, der zugleich interaktiv, handlungs- und erfahrungsorientiert vorgeht. „Lehrende und Lernende werden im dramapädagogischen Fremdsprachenunterricht zu Konstrukteuren von Handlungssituationen. Mit Hilfe entsprechender Inszenierungstechniken werden fiktive Kontexte geschaffen, die so konstruiert sind, dass die Beteiligten nicht anders können als (körperlich) zu handeln. Und aus der Handlung heraus formiert sich die (fremde) Sprache.“ (Schewe 1993, 409) So entsteht u.a. die dramadidaktische Aufbereitung des Romans Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch (vgl. Schewe u. a.).

Seit Mitte der 1980er Jahre wird neben dem Lernziel der kommunikativen Kompetenz auch die Vermittlung von interkultureller Kommunikationsfähigkeit gefordert. Dieser Ansatz ist am entschiedensten durch das Lehrwerk Sichtwechsel (vgl. Hog u. a.) vertreten, mit dem Wahrnehmung als kulturspezifische Erfahrung zum expliziten Lerngegenstand wird. Literatur spielt in diesem Lehrwerk eine wichtige Rolle. „Literarische Texte stellen Phänomene der Zielkultur – (meist) aus Binnensicht – auf komplexe und perspektivische Art dar; sie ermöglichen dem fremdsprachigen Lerner einen vielseitigen – auch emotionalen – Zugang zur Zielkultur.“ (Heyd 36)

Ein perspektivischer und emotionaler Zugang ist in thp Verfahren in besonderer Weise möglich: perspektivisch aus dem eigenen subjektorientierten Zugang, aus der interaktiven Aushandlung mit anderen Lernern und in der Konfrontation mit fremdkulturellen Sachverhalten literarischer Texte. „Theaterarbeit ist sinnvolles Lernen, das nonverbale, paraverbale und extraverbale Handlungsdimensionen mit einbezieht. Diese Komponenten sind in der interkulturellen Kommunikation von immenser Bedeutung.“ (Tichy  71)

Weitere Potenziale eines thp orientierten Literaturunterrichts liegen in: der Anwendung und Vertiefung von Lesestrategien (kursorisches, selektives, totales Lesen); der Erweiterung des aktiven und passiven Wortschatzes (oft erklärt sich eine unbekannte Vokabel in dem Prozess des Inszenierens viel treffender als durch andere Verfahren); der Erweiterung und Vertiefung grammatischer Strukturen (durch den Text und interaktive Auseinandersetzungen in der Lernergruppe); der Ausspracheschulung; der Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit (durch gemeinsame Aushandlungsprozesse der Inszenierungsarbeit) und in der Ermutigung, die Fremdsprache zu gebrauchen (Abbau von Sprechhemmungen).

Bei der Textauswahl ist auf überschaubare Figurenkonstellationen und Handlungsstränge zu achten. Der Text soll sprachlich dem Niveau der Lernenden angemessen und ein inhaltlicher Bezug zur Lernergruppe erkennbar sein. Ein Text mit starken dialogischen Anteilen erleichtert die Erarbeitung.

Unverzichtbar sind thp Übungen als ständige Begleitung der szenischen Erarbeitung. Diese sensibilisieren für körperorientiertes Arbeiten, schaffen eine entspannte Konzentration und vertrauensvolle Atmosphäre für kreatives Miteinander-Arbeiten. Dazu gehören im Einzelnen: Übungen zur Raum-Wahrnehmung; Stimmübungen; Übungen zu Stimmvariation und  Sprachausdruck;  Übungen zur  Wahrnehmung und schöpferischen Gestaltung von Körperhaltung und -ausdruck und Partner- und Gruppenübungen zur Vorbereitung auf interaktives Arbeiten.

Bräuer, Gerd/Strathausen, Carsten: Brechts Kleinbürgerhochzeit. Ein Beispiel für die Arbeit mit dramatischen Texten im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. In: Zielsprache Deutsch, 1995, H. 2; Heyd, Gertraude: Aufbauwissen für den Fremdsprachenunterricht (DaF). Tübingen 1997; Hog, Martin/Müller, Bernd-Dietrich/Wessling, Gerd: Sichtwechsel. Elf Kapitel zur Sprachsensibilisierung. München 1984; Huber, Ruth: Im Haus der Sprache wohnen. Wahrnehmung und Theater im Fremdsprachenunterricht. Tübingen 2002; Schewe, Manfred: Fokus Lehrpraxis. Für einen integrierten, dramapädagogischen Deutsch als Fremdsprache-Unterricht für Fortgeschrittene. In: Info DaF. Informationen Deutsch als Fremdsprache, 1988, H. 4; Ders. (Hg.): Drama und Theater in der Schule und für die Schule. Beiträge zur Einführung in die britische Dramaund Theaterpädagogik. Oldenburg 1990; Ders.: Fremdsprache inszenieren. Zur Fundierung einer Lehr- und Lernpraxis. Oldenburg 1993; Ders./Wilms, Heinz: Texte lesen und inszenieren. Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund. München 1995; Tichy, Ellen: Theaterpädagogische Arbeit im Fremdsprachenunterricht Deutsch und die Vermittlung von interkultureller Kompetenz. In: Korrespondenzen, 2000, H. 35/36.

ELLEN TICHY

Deutschunterricht – Drama in Education – Kreatives Schreiben – Szenische Interpretation – Theatre in Education

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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