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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Circus / Circus-Didaktik

Älter als sein (der Römischen Antike entlehnter) Begriff, gehört C mit Originalität zu den im weiteren Sinn theatralischen Künsten. Er beinhaltet eine inszeniert-dramaturgisierte Spielästhetik, deren Spezifik variantenreich um den artistischen Komplex von Akrobatik,  Dressuren  und  Clownerie  kreist.  Seit der Neuzeit hat er infolge des Wandels der Pferdedressur die Rundmanege als zentrale Vorführstätte. Als Darstellungskunst vornehmlich auf Publikumsrezeption bedacht, ist C zugleich sinnlich-konkret aktivierend für die Persönlichkeitsbildung und so ohne aufgesetzte Pädagogisierung implizit didaktisch. Das gilt auch in der Gegenwart, wo die Präsentation vorwiegend in reisenden Zeltshows und seltener in Hallen oder Spezialgebäuden typisch ist für seine im 19. Jh. begonnene Ausprägung als Popularkultur und Unterhaltungskunst. Die – bei fließenden Grenzen und Mischformen – übliche Unterscheidung zwischen Familien- und Groß-C bezeichnet noch heute vorfindliche Grundtypen: Während bei den einen vornehmlich sozio-ökonomischer Zusammenhalt und künstlerisches Potential in Sippenverbänden ein generationenaltes und kleinformatiges artistisches Tourneegewerbe bestimmen, sind für die anderen international-multikulturell komponierte (Sensations-) Programme, eine gewisse Arbeitsteilung und moderne Betriebswirtschaft maßgeblich. Beide Male durchdringen sich, bei eigentümlichen Sozialisationsbedingungen und Vielseitigkeit der Angehörigen, Lebensweise und Kunstform, die vom ständigen Ortswechsel, originären Sprachmustern, Sitten und Regeln sowie tendenziell ghettohafter Distanz zur bürgerlichen Umgebung geprägt sind. Neben (bloß bei Artisten mit Starruhm) öffentlicher Anerkennung als Künstler sind C-Menschen mit sozialen Vorurteilen und zunehmenden bürokratischen Erschwernissen der Artistik-Ausübung konfrontiert. Das beeinträchtigt besonders Angehörige der Familienunternehmen, die meist unter sich bleiben und aus eigener Substanz C-Mittel zu erneuern versuchen. Doch betrifft es auch Groß-C, deren bekannteste Repräsentanten zwar ursprünglich vielfach Gründungen bürgerlicher Außenseiter waren, die oft aber ihrerseits dynastisch geprägt sind und Mitglieder alteingesessener Artistentruppen aus aller Welt beschäftigen.

Vielfalt der – meist privatwirtschaftlich organisierten – C-Unternehmen hat Differenzierungen und Entwicklungen mit deutlichen Akzenten hervorgebracht. Daher sind die Kombination und Bewahrung der Grundmuster der Artistik-Sparten nichts bloß Konventionelles. Selbst Alternative zur herrschenden Kultur des Bürgertums, sind sie künstlerischer Kreativität, zeittypischen Ästhetizismen, Avantgardeströmungen, technischen Neuerungen, kulturellen Austauschbeziehungen u. ä. ausgesetzt. Wiederholt hat es originelle Anleihen bei Theater, Sport, Oper, Film- und Fernsehkunst oder Kooperationen mit Varieté und Revue gegeben, die ihrerseits Impulse dem C verdanken.

Derzeit sind – neben Verschärfungen des ökonomischen Wettbewerbs, der nicht automatisch künstlerische Spannbreite und Vervollkommnung begünstigt – zwei Entwicklungslinien auffällig: Einerseits versuchen  als  ,Individualisierung‘  viele  C-Betriebe, sich ,markenartikelhaft‘ in der Art ihrer Auslegung, Zusammensetzung und Erneuerung tradierter Grundbestandteile der C-Artistik zu profilieren; künstlerische Höchstleistungen bringt das ebenso hervor wie peinliche Ausrutscher in Banalitäten der Kulturindustrie. Andererseits vereinen zunehmend kommerziell-industrialisierte Geschäfte der Showbranche Künstler von außerhalb des C-Milieus oder Neudrapierungen ausgewählter Elemente der C-Kunst zu poetisch verbrämten Mammutspektakeln mit Kultcharakter; erfrischende Bereicherungen, aber auch Trends zur Überfrachtung mit ideologisierten Symbolismen und aufwendiger Technik sowie zu stilunsicher-würdelosen Genremixturen sind dabei unübersehbar. Eher der Alternativszene zuzurechnende Produktionen, die von c-fremden Straßenheater- und Kleinkunstformen inspiriert sind und dafür neue Orte suchen, sind nach kurzer Boom-Phase schon wieder selten. Nebeneinander bestehen daher Aussichten auf eine vitalisierte Kontinuierung klassischer C-Kunst und eine deren Namen nur instrumentalisierende Substitution der C-Artistik durch Ästhetik-Praktiken, die als Modetrends inhaltsbeliebigen ökonomischen Interessen mehr angehören als zu nachhaltiger Modernisierung des C beizutragen. Die künftige Entwicklung wird durch herrschende Tendenzen in Gesellschaft, Wirtschaft und Kulturpolitik determiniert. Es zeichnet sich ab, daß c-typische Lebensformen, Zeltshows, Kleinbetriebe und Tierdressuren als erstes verdrängt werden, was Verluste ästhetischer Ausdrucksweisen und sozialisatorischer Kraft bedeutet.

Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Gefährdung von Kulturbeständen ist Bildungsarbeit gefordert, die Tradierungen und Innovationen beflügelt, erhaltenswerte Standards und aktuelle Erfordernisse ins Bewußtsein hebt sowie engagiert macht für Errungenschaften der Unterhaltungskunst mit kulturbereichstypischen Werten und Leistungen. C ist jedoch noch nie – Bildender Kunst, Theater, Literatur und Musik vergleichbar – nennenswert Gegenstand ästhetischkulturellen Unterrichts und seiner Didaktik für das Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter gewesen. Dadurch ist jede über beiläufigen Konsum hinausgehende Erschließung dieser Kulturform in das Belieben des Rezeptionsverhaltens beim Publikum gestellt; faktisch erfolgt sie überwiegend geschichtsblind, theorielos, sachunangemessen und fachlich unzureichend.

Nötig wäre es, die Beschäftigung mit C in die (außer-)schulische musische Bildung zu integrieren, in Arbeitsgruppen zu verstetigen oder zumindest anerkannten Neigungskursen zu übereignen. Als (von der etablierten Zirkuspädagogik nicht garantiertes) Minimum bedarf es einer Art C-Kunde, in der ausführlich und differenziert Dimensionen und Einzelheiten der Kultureigentümlichkeiten thematisiert werden. Es kommt darauf an, C-Vergangenheit im Kontext der Kultur- und Sozialgeschichte ebenso kennenzulernen wie Spezifik, Varianten, Potentiale und Entwicklungstrends aktueller Artistik. Eine Einführung in basale Stilformen, Techniken und Phänomenvarianten der C-Kunst sowie in Begriffe der C-Fachsprache, aber auch Aufklärung über sozio-ökonomische und kulturpolitische Existenzumstände sollten hinzukommen. Kulturwissenschaftlich-journalistische Fachliteratur und audio-visuelle Medien dazu gibt es in reicher Zahl. Ihre Aufbereitung und ihr Einsatz in didaktischer Perspektive stehen indes noch aus. Hauptabsicht praxisorientierter C-D sollte es sein, die Menschen zur Genußfähigkeit und Aufgeschlossenheit für die sinnliche Praxis von C als Kunstund Lebensform zu befähigen, um darin liegende Lernanreize fruchtbar zu machen. Überdies ist es wichtig, Stellenwert und Stimulanz der C-Kultur bei der künstlerischen Verarbeitung von Realität als Spiegelung, Deutung, Kritik, Verfremdung, Karikatur und Alternativ-Entwurf des Daseins oder als Anstiftung anderer – amateurhafter wie professioneller – kultureller Betätigungen zu erschließen.

Dafür unerläßlich ist eine Durchdringung von reflexiver Ergründung des Kulturguts (Theoretisierung der C-Kunst als Differenzierung geläufigen ästhetischen Alltagsverstands) und Kultivierung konkreter Primärerfahrungen (Sensibilisierung der c-kulturellen Aufmerksamkeit und Verfeinerung des C-Vergnügens). Zu leisten ist das als Verbindung von systematischem Überblick (z. B. durch Bearbeitung der C-Publizistik) und exemplarischer Vertiefung (etwa durch Studien zu ausgewählten C-Epochen oder C-Betrieben der Gegenwart). Zudem bedarf es der Inbeziehungsetzung einer sachgerechten und fachlich angemessenen Rekonstruktion der C-Kunst (Verbalisierung und gedankliche Ordnung sowie ästhetische Verarbeitung von C-Erlebnissen und Aufarbeitung von Expertenwissen) mit unmittelbarem C-Erleben (durch vor- und nachbereitete Besuche von Vorstellungen und Exkursionen zur Erkundung von Strukturen, Mentalitäten, Existenzproblemen und Arbeitsweisen im Artistenmilieu). Die Faszination der C-Kunst kann sich dann besser kognitiv, affektiv und handlungsorientierend niederschlagen – und zugleich der Gefahr falscher Mythenbildung und Romantisierung entzogen werden.

Claußen, Bernhard: Lernort Circus. Zur Bildungsrelevanz eines vernachlässigten Kulturguts. In: Erziehen heute, 1981,H31; Ders.: Poltitisch-kulturelle Bildung im Circus? In: Koch, Gerd (Hg.): Experiment: Politische Kultur. Berichte aus einem neuen gesellschaftlichen Alltag. Frankfurt a. M. 1985; Lehmann, Rolf: Circus. Magie der Manege. Hamburg 1979; Schnapp, Sibylle/Zacharias, Wolfgang (Hg.): Zirkuslust. Unna 2000; Schulz, Karin/Ehlert, Holger: Das CircusLexikon. Begriffe rund um die Manege. Nördlingen 1988.

BERNHARD CLAUSSEN

Bewegungserziehung – Didaktik – Kulturelle Bildung – Lernen und Theater –  Sportpädagogik

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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