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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Ästhetische Kompetenz

Mit Kompetenz meinte der Linguist Noam Chomsky, der ab 1965 den Kompetenzbegriff in die wissenschaftliche Diskussion einführte, grob gesagt, die Fähigkeit, eine Sprache zu sprechen. Er ging davon aus, dass jeder Mensch grundsätzlich in der Lage ist, aufgrund einer endlichen Menge von Regeln unendlich viele Sätze bilden zu können. Weitergefasst als Gesamtheit der Fähigkeiten zum kulturellen Verhalten führte der Kulturanthropologe Dell Hymes den Begriff der kommunikativen Kompetenz ein, den wiederum Jürgen Habermas 1971 in seiner ,Theorie des kommunikativen Handelns‘ aufnahm und weiterentwickelte. Dabei ging es Habermas weniger um Sprachkompetenz, die er voraussetzte, als letztlich um eine (Sprach-)Handlungskompetenz. Dieser Kompetenzbegriff, der von einer anthropologisch gegründeten Fähigkeit des Menschen ausgeht, sich ästhetisch äußern und verständigen zu können, bildet die Grundlage für das Konzept der Medienkompetenz, das Dieter Baacke 1973 (vgl. Baacke u. a. 1999) vorstellte. Lesefähigkeit, Kodierfähigkeit, Gestaltungsfähigkeit  und  Kommunikation  gehören  dabei  zusammen. Erst die Fähigkeit zur Rezeption und Produktion von ästhetischen Zeichensprachen ermöglicht Kommunikation. Medienkompetenz, heute oft auf Computerfachwissen reduziert, heißt, sich in der computerisierten Medienwelt nicht nur zurechtzufinden, sondern sie auch mitzugestalten. Aus heutiger Sicht wird kritisch angemerkt, dass Medienkompetenz primär als ein Projekt der Aufklärung verstanden wird, vorrangig die kritische Rationalität als diskursive Fähigkeit betont und „nicht-diskursive Fähigkeiten nur marginal berücksichtigt werden“ (Mikos 1). Die kreativen Prozesse sind der kritischen Analyse nachgeordnet. „Dieser Auffassung von Medienpädagogik fehlt allerdings ein Element, das gerade in kindlichen und jugendlichen Lebenswelten eine immer größere Rolle spielt: die jenseits von diskursiver Praxis angesiedelte ästhetische Erfahrung.“ (ebd.)

ÄK als Schlüsselqualifikation, die ästhetischen Inszenierungsverfahren, Symbole und Codes unserer ästhetisch verfassten Kultur und Mediengesellschaft lesen und mitgestalten zu können, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Kompetenz heißt im Alltagsgebrauch das Verfügen über besondere Fähigkeiten. Oft geht es um eine technisch-handwerkliche oder künstlerische Fähigkeit, aber wir reden auch von Sozial- und Methodenkompetenz. ÄK ist komplexer als reine Fachoder Methodenkompetenz. Unter ÄK ist die Fähigkeit zu verstehen, sich im Bereich der ästhetischen Kommunikation, also Kunst, Kultur, Medien, auch Alltag, mit ästhetischen Phänomenen und Artefakten rezeptiv, produktiv und reflexiv auseinander setzen zu können, d.h. sie lesen, verstehen, nutzen und gestalten zu können. ÄK ist die Fähigkeit, ästhetische Phänomene, Prozesse und Produkte in ihrer Wirkung und Inszeniertheit zu verstehen, mit ihnen reflexiv kritisch und produktiv gestalterisch umzugehen, um damit wiederum ästhetische Kommunikation initiieren zu können.

Ein zu entwickelndes Konzept ÄK, in Ergänzung zum älteren Konzept der Medienkompetenz, setzt bei der ästhetischen Erfahrung, über die jeder auf unterschiedlichen Differenzierungsebenen verfügt, an und versucht sinnlich-ästhetische, kritisch-analytische und kreativ-gestalterische Lern- und Handlungsformen zu integrieren. Die sinnliche, genussvolle Dimension ästhetischer Erfahrung einerseits und die kritische, reflexive und produktive Dimension im Umgang mit Medien andererseits lassen sich in einem Konzept ÄK zusammendenken. Rezeption, Produktion und Reflexion als mögliche Aneignungsformen von Kultur markieren die drei Bereiche von ÄK. Wer genießend und verstehend rezipiert, kreativ gestaltend produziert und zudem auf Nutzen und subjektive Bedeutung der Medien reflektiert, geht kompetent mit dem jeweiligen ästhetischen Medium um. Kompetenzvermittlung und Persönlichkeitsbildung sind dabei nicht als Gegensatzpaar, sondern als sich ergänzende und integrativ zu vermittelnde Teile von Bildung zu verstehen. Denn ÄK ist keine verkürzt handwerkliche, sondern eine kommunikativ-handelnde Fähigkeit im Bereich von Kunst und Ästhetik, immer mit dem sich bildenden Subjekt im  Zentrum.

Über den Begriff ÄK lassen sich Aufgaben und Ziele kultureller Bildung – heranwachsende Kinder und Jugendliche in ihrer Auseinandersetzung mit Kultur und Ästhetik zu unterstützen (vgl. Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung) – und Bildungschancen in und durch die Künste aktuell und innovativ weiterentwickeln. ÄK als Leitziel praktischer Kulturarbeit wie als curricularer Ausbildungsinhalt lässt sich als interdisziplinäre und intermediale Querschnittsaufgabe nur im Verbund der Künste, der Kultur-, Medien- und Erziehungswissenschaften  realisieren.

Baacke, Dieter: Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München 1973; Baacke, Dieter/Kornblum, Susanne/ Lauffer, Jürgen/Mikos, Lothar/Thiele, Günter (Hg.): Handbuch Medien. Medienkompetenz, Modelle und Projekte. Bonn 1999; Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung: Kulturelle Medienbildung. Medienpolitisches Positionspapier der BKJ. Remscheid 2001; Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt a. M. 1971; Mikos, Lothar: Ästhetische Erfahrung und visuelle Kompetenz. In: MedienPädagogik, 2000, H. 1; Sting, Wolfgang: Ästhetische Kompetenz und Kulturelle Bildung. In: Kulturpolitische Mitteilungen, 2001, H.  94.

WOLFGANG  STING
Ästhetische Bildung – Ästhetischer Wert – Medien/ Medium – Musisch-ästhetische Erziehung

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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