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Wörterbuch der Theaterpädagogik (erschienen 2003)

Arbeitertheater

A entstand in Deutschland ab dem letzten Drittel des 19. Jhs. zunächst innerhalb der Arbeiterbildungsvereine im Umkreis der seit 1878 verbotenen SPD (Sozialistengesetz) als eine spezielle Form des Laientheaters. Eng an die Fest- und Feierkultur der Arbeiterbewegung gebunden, begann man in einem Spektrum von lebenden Bildern, allegorischen Spielen und Sprechchören bis hin zu Kurzszenen und Schwankformen soziale und politische Themen der eigenen Arbeits- und Lebenswelt zu gestalten. Mit zumeist selbst verfassten Spielen suchte man die starren Formen politischer Bildung aufzubrechen und Belehrung auf unterhaltsame Weise dem eigenen Arbeiterpublikum nahe zu bringen. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1890 entstand daraus eine breite Bewegung, die sich jetzt in selbstständigen A-Vereinen oder Spielgruppen (u. a. Boleslav  →  Strzelewicz)  organisierte. 1906 verfügte sie mit dem ,Bund der Theater- und Vergnügungsvereine Charlottenburg‘ bereits über einen  eigenen  Dachverband  in  Berlin,  der  1908  als ,Bund der Theatervereine Deutschlands‘ auf ganz Deutschland ausgedehnt wurde und sich dann schließlich 1913 in ,Deutscher Arbeiter-Theater-Bund‘ (DAThB) umbenannte. Ihr Spielmaterial erhielten die A-Vereine seit 1910 vor allem über den Leipziger ,Arbeiter-Theater-Verlag‘, dessen Gründer Alfred Jahn von 1924 bis 1928 auch den Vorsitz des DAThB inne hatte. Jahn finanzierte seinen Verlag über einen nebenher betriebenen Festartikelversand und konnte den A-Vereinen zu geringen Tantiemen ein breites Angebot  an  Spielmaterial  von Sprechchören  und Weihespielen, über Possen, Schwänke, Satiren, proletarisches Kabarett, Märchen und Kasperstücke für Kinder sowie Tendenzdramen von inzwischen etablierten, der Arbeiterbewegung verbundenen Berufsautoren wie z. B. Erich Grisar, Bruno Schönlank, Ernst Preczang zur Verfügung stellen (vgl. Schütte). Der Verlag trug wesentlich zum Aufschwung der A- Bewegung bei, deren Dachorganisation DAThB 1921 rund 2 500 Mitglieder umfasste.

Unter   den   politischen   Bedingungen   nach dem Weltkrieg begann sich das A ab Mitte der 1920er Jahre aufzuspalten. Beeinflusst von dem in der SPD inzwischen vorherrschenden Konzept eines auf die deutsche Klassik und internationale Dramatik orientierenden Bildungstheaters, das sich auf die 1890 gegründete und zu einer breit etablierten Besucherorganistation des Berufstheaters angewachsenen  ,Volksbühne‘ stützte, nahm der Anspruch auf eine politisch und sozial geprägte eigenständige A-Kultur nur noch einen untergeordneten Platz ein. Viele der A-Vereine begannen, sich am Repertoire des Berufstheaters zu orientieren und neben den proletarischen Milieustücken reine Schwank- und Lustspieldramatik zu bevorzugen. Auf der anderen Seite wandten sich im Zuge der Novemberrevolution nicht wenige der seit 1918 mit Gründung der KPD und dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) aufkommenden neuen Bewegung zu, die inspiriert von den Proletkultaktivitäten nach der Oktoberrevolution in Russland (Bogdanow, Kerschenzew, Lunatscharski) zunächst von Berufstheaterleuten wie Hermann Schüller, Erwin Piscator, Karl Heinz Martin und Autoren wie Franz Jung als ,Proletarisches Theater‘ vor allem in Berlin, aber auch in München (Oskar Maria Graf) und anderen Städten ausprobiert wurden (vgl. Fähnders u. a.). Im Umfeld des KJVD entstanden gleichzeitig neue Spielgruppen, die sich als Sprechchor-Ensembles der revolutionären Propaganda verschrieben. Am bekanntesten wurde der von dem Schauspieler Gustav von Wangenheim 1923 mit dem ,Zentralen Sprechchor der KPD‘ auf politischen Massenveranstaltungen aufgeführte und bereits szenisch gestaltete ,Chor der Arbeit‘. Weitere Impulse erhielten die KJVD-Gruppen von Piscators politischen Revuen ,Roter Rummel‘ (1924) und ,Trotz alledem!‘ (1925), nach deren Vorbild der Schauspieler Maxim Vallentin 1925 in Berlin die ,Erste Agitproptruppe des KJVD‘ gründete, die ihren Namen von der Agitations- und Propagandaabteilung der KPD herleitete.

Der entscheidende Einschnitt erfolgte 1927 nach dem mehrmonatigen Gastspiel der sowjetischen Spieltruppe ,Blaue Blusen‘, deren Tournee mit beispiellosem Erfolg durch ganz Deutschland führte. Benannt nach den blauen Arbeitsanzügen ihrer Bühnenkleidung war dies eine von mehr als 5 000 Wandertruppen aus Berufskünstlern, Laien und Journalisten, die ab 1923 im Rahmen der Alphabetisierungskampagne in der Sowjetunion entstanden waren und kabarettistische Nummern-Programme zu politischen Tagesereignissen als sog. ,lebende Zeitungen‘ boten. In unmittelbarer Folge übernahmen nicht nur die Sprechchorensembles des KJVD, sondern auch viele der sozialdemokratischen A-Vereine diese Spielweise einer Montage aus Kurzszenen, Sketches, Rezitation, Kollektivreferat, Song, Moritat, Pantomime, Tanz mit der auf unterhaltsame und alle Talente herausfordernden Weise einfallsreich aktuelle politische Propaganda im Dienste der verschiedensten politischen Organisationen betrieben wurde. Komponisten wie z. B. Hanns Eisler und Hans Hauska, Autoren wie Erich Weinert, Berta Lask und Friedrich Wolf stellten sich den jetzt als ,Agitproptruppen‘ fungierenden Spielgruppen zur Verfügung unter denen das in ,Rotes Sprachrohr‘ umbenannte Ensemble Vallentins und die ,Kolonne Links‘ von Helmut Damerius in Berlin, die ,Nieter‘ in Hamburg, die ,Roten Raketen‘ in Dresden, ,Nordwest ran‘ von Wolfgang Langhoff in Düsseldorf u.a.m. überregionale Bedeutung erlangten (vgl. Hoffmann u. a.).

In der bis dahin von Jahn und Vertretern der SPD dominierten Leitung des DAThB übernahmen 1928 Arthur Pieck und weitere Mitglieder der KPD die Führung. In ,Arbeiter-Theater-Bund Deutschlands‘ (ATBD) umbenannt, orientierte er seine Mitglieder nunmehr ausschließlich auf die politisch schlagkräftige Montage- und Revueform, mit der sich die Agitproptruppen (1930 schon mehr als 200 Kollektive) bis 1933 als populärste Variante des A in Deutschland durchsetzen konnten. Methodisches Rüstzeug und Austausch von Spielmaterial gewährleisteten der ATBD-Verlag und die eigene Zeitschrift ,Arbeiterbühne‘. Jährlich abgehaltene Bundestage legten die politischen Strategien fest und dienten gleichzeitig als Festival dem künstlerischen Austausch der Truppen untereinander. Als Eckpfeiler in Europa avancierte der ATBD 1929 zu den Mitbegründern des ,Internationalen Arbeiter-Theater-Bundes‘ (IAThB) in Moskau (ab 1932 ,Internationaler Revolutionärer Arbeitertheater-Bund‘ IRTB) mit Mitgliedern aus 20 Ländern, einschließlich den USA und Japan. Als ,Westeuropäisches Büro‘ des Bundes organisierte der ATBD u. a. internationale Festivals in den Grenzregionen zur Tschechoslowakei und zu Frankreich. Nach dem Modell der Agitproptruppen entstanden gleichzeitig professionelle Ensembles aus Berufsschauspielern und Laien, wie Gustav von Wangenheims ,Truppe 1931‘ in Berlin, Berta Lasks ,Proletkult Kassel‘, Hermann Greids und Willy Schürmann-Horsters ,Truppe im Westen‘ im Ruhrgebiet, Friedrich Wolfs ,Spieltrupp Südwest‘ in Stuttgart (vgl. Hoffmann/Pfützner). Während der Zuspitzung der politischen Auseinandersetzungen am Ende der Weimarer Republik wurden die Agitproptruppen im Rahmen der Notverordnungsgesetze von 1931 polizeilich verboten, ohne ihr weiteres Auftreten, getarnt als ,geschlossene Veranstaltungen‘, unterbinden zu können (vgl. Damerius). 1933 ins Exil gezwungen, versuchten Berufswie Laienkünstler (u. a. ,Truppe 1931‘ zunächst in Frankreich, Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck mit dem,Studio  34‘  in  der  Tschechoslowakei, Brecht  und Ruth Berlau mit dänischen Amateuren) die Agitpropformen des A weiterzuführen. Die in die Sowjetunion emigrierten Truppen passten sich der dort beginnenden Umorientierung weg von Proletkult und Agitprop hin zum großen abendfüllenden Stück an. Die profiliertesten unter ihnen (,Truppe 1931‘, ,Rotes Sprachrohr‘, ,Kolonne Links‘) versuchten bis zum Beginn der Stalinschen ,Säuberungen‘ Berufstheater in den deutschsprachigen Gebieten aufzubauen (vgl. Diezel). Die in Deutschland verbliebenen Truppen griffen in den ersten Jahren der NS-Diktatur noch zu Formen getarnter Straßenagitation, wie sie in den 1960er Jahren in Lateinamerika von Augusto → Boal unter der Bezeichnung → ,Unsichtbares Theater‘ ihre Wiederbelebung erfuhren (vgl. Boal).

Unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges gab es vor allem in den Industriezentren der westlichen Besatzungszonen vereinzelte Versuche, an die Agitproptraditionen anzuknüpfen, dominierend aber wurde der Rückgriff auf das bürgerliche Laienspiel. In der östlichen Besatzungszone geschah das nach sowjetischem Vorbild in Form der ,Dramatischen Zirkel‘, die angesiedelt bei Jugendverbänden, kulturellen Institutionen und in Betrieben sich in Stückwahl wie Spielweise gleichfalls am Berufstheater orientierten. Mitte der 1950er Jahre kam es allerdings auch hier in der politisch angespannten Phase der Kollektivierung der Landwirtschaft und nicht zuletzt auf Initiative Brechts zu einer Wiederbelebung des Agitprop, mit dem die sich jetzt zu ,Agitpropgruppen‘ umbildenden Laienspielzirkel ganz nach dem Modell der 1920er Jahre vor allem ,Landagitation‘ betrieben.

Während in der BRD wie in den anderen westeuropäischen  Ländern  und  den  USA  mit  Beginn der 1960er Jahre die Entwicklung hin zu professionellen freien Gruppen ging, entstanden in der DDR aus den bisherigen Zirkeln und Agitpropgruppen unter Schirmherrschaft der Gewerkschaften bei den Industrie- und Landwirtschaftsbetrieben, Schulen und anderen Einrichtungen politische Laienkabaretts und A als ständige Ensembles, die hier dauerhaft finanziert wurden und mit der Unterstützung von Berufsregisseuren nicht zuletzt wegen ihres immer qualifizierteren spielerischen Vermögens, insbesondere aber wegen ihrer sozialen Kompetenz in Dialog und Auseinandersetzung mit ihrem, ihnen in gleicher Weise verbundenen Publikum, zu einer eigenständigen Theatereinrichtung wurden  und   über  die   seit  1959   durchgeführten ,Arbeiterfestspiele der Gewerkschaften‘ auch überregionale Resonanz erlangten. Vergleichbare Entwicklungen von in Betrieben und Gewerkschaften angesiedelten A setzten ab 1955 in Japan ein, wo in den 1930er Jahren – ausgehend von Deutschland – eine breite Agitpropbewegung ihren Anfang genommen hatte (vgl. Senda). Seit 1963 findet in Tokio ein jährliches Festival dieser Theatergruppen statt, in deren Repertoire Stücke eigener Autoren zu politischen und sozialen Fragen bis hin zu westeuropäischer Dramatik, vor allem Brecht, dominieren. Traditionen des A werden weiterhin u. a. in den skandinavischen Ländern gepflegt und seit den 1960er Jahren als aufklärende, politischen und sozialen Widerstand organisierende Theaterform vor allem in Lateinamerika.

Boal, Augusto: Theater der Unterdrückten. Frankfurt a. M. 1979; Damerius, Helmut: Über zehn Meere zum Mittelpunkt der Welt. Erinnerungen an die ,Kolonne Links‘.  Berlin 1977; Diezel, Peter: ,Wenn wir zu spielen scheinen‘. Studien und Dokumente zum Internationalen Revolutionären Theaterbund. Bern u. a. 1993; Eikenbusch, Gerhard: Sozialdemokratisches und kommunistisches Kinderund Jugendtheater in der Weimarer Republik. Frankfurt a. M. u. a. 1997; Fähnders, Walter/Rector, Martin (Hg.): Literatur im Klassenkampf. Zur proletarisch-revolutionären Literaturtheorie 1919–1923. Eine Dokumentation. Frankfurt a. M. 1974; Hoffmann, Ludwig/Hoffmann-Ostwald, Daniel: Deutsches Arbeitertheater 1918–1933. Berlin 1972; Hoffmann, Ludwig/Pfützner, Klaus (Hg.): Theater der Kollektive. Proletarisch-revolutionäres Berufstheater in Deutschland 1928–1933. Stücke, Dokumente, Studien. Berlin 1980; Hornauer, Uwe: Laienspiel und Massenchor. Das Arbeitertheater der Kultursozialisten in der Weimarer Republik. Köln 1985; Knilli, Friedrich/Münchow, Ursula: Frühes deutsches Arbeitertheater. Berlin 1970; Schütte, Wolfgang U.: Der rote Jahn. Leipzig 1988; Senda, Koreya: Wanderjahre. Berlin 1985.

BÄRBEL  SCHRADER

Amateurtheater – „Didaktisches Theater“ – Theaterarbeit in sozialen Feldern – Theatre for Development – Volksbühne – Volksstück – Volkstheater

Ein Service des Deutschen Archiv für Theaterpädagogik · DATP
und des Schibri Verlags
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